Wirtschaft
Warum Bahnen öfter keine Toilette haben
21. Juli 2008, 21:41 Von Andreas ValdaIn Regionalzügen werden immer weniger Toiletten eingebaut. Einige Bahnen beschaffen sogar neue Züge ohne WC. Die Vereinigung Pro Bahn kritisiert das kundenfeindliche Vorgehen.
Kürzlich an der Rigi passiert. Ein Vierjähriger muss zehn Minuten nach Abfahrt der Vitznau-Rigi-Bahn dringend aufs WC. Er soll das Bisi doch verklemmen, witzeln Fahrgäste. Der Grossvater aber ist besorgt. Denn die Vorstellung, seinen Enkel mit nassen Hosen wandern zu sehen, erbaut ihn nicht. Ein WC gibt es auf der vierzigminütigen Bergstrecke nicht. Schliesslich findet sich eine Cola-Flasche, in die der Enkel vor den Augen aller pinkeln darf.
«Die wahre und amüsante Geschichte trägt sich tagtäglich in unseren Zügen zu», sagt Kurt Schreiber, Vizepräsident der Bahnkunden-Vereinigung Pro Bahn. Auch Gäste der Jungfraubahnen kann auf der fast zweistündigen Fahrt zum Joch eine solche Not ereilen.
Nicht amüsant finden diese Situation ältere Menschen, Frauen und Kinder in Regionalzügen. Auf immer mehr Strecken fahren moderne Züge mit immer weniger WCs. Das Prinzip «ein Wagen, eine Toilette» gilt nicht mehr. So hat beispielsweise das Erfolgsmodell Flirt von Stadler Rail bei der Südostbahn in seiner längsten Variante ein einziges stilles Örtchen auf vier Wagen.
Auf 378 Plätze eine Toilette
Als Massstab gilt die Verhältniszahl Toilette zu Sitzplätze. Betrug sie in älteren Zügen rund 1 zu 80, so beträgt das Verhältnis in Stadler-Zügen rund 1:220. Überboten wird es vom Zürcher Verkehrsverbund. In den neuen Doppelstock-Triebzügen von Siemens ist auf 378 Sitzplätze nur eine Toilette zu finden. Ist diese defekt, «kann schnell einmal ein Notstand ausbrechen», wie es Schreiber ausdrückt. Das könne nicht die Lösung sein, kritisiert er und fordert ein Umdenken. Pro Zug sollten mindestens zwei stille Örtchen vorhanden sein. «Bei jedem privaten Fest mit 200 Leuten wollen die Behörden, dass ich mindestens 2 Toiletten aufstelle.» Für Züge gelten solche Überlegungen offenbar nicht.
Unwichtig scheinen die intimen Bedürfnisse der Regionalbahn Bern-Solothurn, RBS. Für eine Strecke von 43 Minuten Fahrzeit sind keine WCs installiert. Dies wird auch so bleiben. Mit der Anschaffung von 6 Stadler-Zügen im kommenden Jahr bestätigt sie die «sorry, no toilets»-Strategie.
Die Bahnen argumentieren primär mit dem Fahrgastverhalten. Die durchschnittliche Verweildauer in Regionalzügen betrage 15 bis 30 Minuten, sagt Südostbahn-Sprecher Kaspar Woker. Da genüge eine Toilette. Dabei übergeht er die Tatsache, dass beispielsweise eine Fahrt von Nesslau nach Wil 48 Minuten dauert.
Die SBB, im Auftrag des Zürcher Verkehrsverbunds unterwegs, sehen im Verhältnis von 1:380 kein Problem. Im S-Bahn-Verkehr seien die WCs «nicht dauernd ausgelastet». «Daher erachten wird die Zahl der Toiletten als richtig berechnet», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig.
Die RBS rechnet vor, wie viel eine Toilette kosten würde: Ein Behinderten-WC verschlingt den Raum für 10 bis 16 Plätze, das führt zu Ertragseinbussen von jährlich 2,4 Millionen Franken und kostet zudem 170'000 Franken Unterhalt. Das seien zwar Werte aus dem Jahr 1988, sagt Sprecherin Sonja Stieglbauer. Aber neuere habe man nicht. Sie spricht auch von einem Gewöhnungseffekt: «Unsere Pendler wissen, dass es keine Toiletten gibt.» Also verrichteten sie ihr Geschäft im Voraus. Die Bahn halte an allen Stationen Toiletten offen.
Den Verweis auf Bahnhof-WCs lässt der Pro-Bahn-Vize aber generell nicht gelten. «Die Situation verschärft sich zunehmend, weil an immer mehr unbedienten Stationen die Toiletten geschlossen sind», sagt Kurt Schreiber.
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