«Leuthard streut uns Sand in die Augen»

28. Juli 2008, 15:55 – Von Roland Schlumpf

Die arbeitsintensiven Bereiche der Landwirtschaft würden massiv unter der jetzt angedachten WTO-Vereinbarung leiden. Die Nahrungsmittelindustrie jedoch ebensosehr, sagt Ueli Maurer, Präsident des Gemüseproduzenten-Verbandes.

Ueli Maurer: «Doris Leuthard streut uns Sand in die Augen.»
KEYSTONE Ueli Maurer: «Doris Leuthard streut uns Sand in die Augen.»

Mit Ueli Maurer* sprach Roland Schlumpf

Herr Maurer, die Umsetzung der Doha-Runde im Rahmen der WTO scheint endlich ein konkretes Ergebnis zu zeitigen. Was würde der aktuelle Vorschlag für die schweizerische Landwirtschaft bedeuten?

Die Folge wäre eine Umschichtung der Produktion. Wir würden kaum noch Früchte oder Gemüse produzieren, aber wahrscheinlich weiterhin annähernd gleich viel Milch. Für eine produktionstechnische und sozialverträgliche Umstellung würde aber nicht ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Eine Kuh gibt nicht auf Knopfdruck Milch, sondern muss dafür vier Jahre alt werden. Und ein Obstbaum wächst zehn Jahre, um dann bis zu 30 Jahre lang Äpfel zu geben. Die Gewächshäuser sind für den gleichen Zeitraum gebaut. Wenn die Nachfrage nicht mehr da ist, entstehen enorme Abschreibungen.

Würde also die Milchwirtschaft vom neuen Abkommen profitieren?

Wohl kaum. Sie hätte lediglich die geringsten Einbussen. Schweizer Milch ist ein anerkannt gutes Produkt mit einer relativ geringen Preisdifferenz zum Ausland.

Sie sagen also insgesamt eine beschleunigte Schrumpfung des landwirtschaftlichen Sektors voraus, aber nicht alle Bereiche wären gleich stark betroffen?

Genau. Insgesamt müssen wir mit einem Rückgang der landwirtschaftlichen Wertschöpfung um 30 bis 50 Prozent rechnen. Für gewisse Bereiche kann es aber auch 80 Prozent ausmachen.

Wie viel Zeit braucht eine Umstellung?

Um die bestehenden Investitionen abzuschreiben, braucht es rund 20 Jahre. Je kürzer diese Periode ist, desto mehr Unterstützung bräuchte es vom Bund.

Bundesrätin Doris Leuthard hat ja bereits erklärt, der Bund werde die Bauern in der Übergangsphase unterstützen.

Wir reden hier von hohen Milliardenbeträgen, die der Bund nie wird aufwerfen können und wollen. Im Moment streut uns Bundesrätin Leuthard Sand in die Augen.

Sind die Gemüseproduzenten, deren Präsident Sie sind, besonders betroffen?

Auf jeden Fall. Je mehr Arbeit in einem Produkt steckt, desto grösser ist die Betroffenheit. Salat und Tomaten erfordern sehr viel Arbeit. Weltweit haben wir aber die höchsten Löhne. Deshalb können wir bei diesen Produkten nicht mithalten, während die Kühe das Gras überall gratis fressen. Der Arbeitsanteil ist bei der Milch weniger hoch als bei Gemüse und Früchten. Auch im industriellen Sektor wurden die arbeitsintensiven Bereiche als erste in Niedriglohnländer ausgelagert.

Die Liberalisierung soll Chancen eröffnen.

Das ist eine reine Phrase, denn für den Bauern ergibt sich überhaupt keine Chance – allenfalls für die verarbeitende Industrie. Der Bauer kann nicht mit Traktor und Wagen nach München fahren, um dort seine Produkte zu verkaufen. Er produziert für den Verarbeitungsmarkt, der wiederum beweisen muss, dass er die Produkte absetzen kann. Und damit sieht es in der Schweiz schlecht aus. Emmi als grösster Exporteur hat im letzten Jahr mit seinen Exporten Geld verloren. Die schweizerische Nahrungsmittelindustrie ist nicht auf den Export vorbereitet.

Der Käse wird aber immer als leuchtendes Beispiel gepriesen.

Bei den Käseexporten haben wir im letzten Jahr gerade wieder gut das Niveau von 2002 erreicht. In der gleichen Zeit ist aber der Import dreimal stärker gewachsen. Dabei handelt es sich insbesondere um günstigen Verarbeitungskäse, der etwa auf Fertipizzas landet. Der Erfolg wird herbeigeredet. Ähnlich ist es bei der Milch, wo wir zwar dank der EU mehr exportieren, aber noch viel mehr zusätzlich importieren.

Und bei andern Landwirtschaftsprodukten würden Sie das Gleiche erwarten, falls die Doha-Runde gemäss aktuellem Vorschlag zum Abschluss kommt?

Ja, klar. Wir würden sofort wesentlich mehr importieren, der jetzt schon tiefste Selbstversorgungsgrad in Europa würde auf gegen 30 Prozent sinken. Bei Produkten, deren Herkunft eine unwesentliche Rolle spielt, geht alles über den Preis, etwa im wachsenden Bereich des Convenience food und bei halbverarbeiteten Produkten. Die frischen Gipfeli am Sonntagmorgen kommen vielfach als tiefgefrorene Teiglinge aus Polen.

Ist denn der vom Bundesrat favorisierte Agrarfreihandel mit der EU kein Hoffnungsschimmer?

Überhaupt nicht. Wir werden von den 6 Milliarden Franken Aufwendungen des Bundes für die Landwirtschaft allenfalls 100 Millionen sparen können und haben im Gegenzug völlig offene Grenzen. Auch hier geht es nicht allein um die Landwirtschaft, sondern ebenso um die Nahrungsmittelindustrie. Ohne Kartoffelproduktion müssen auch die Pommes-chips- und Pommes-frites-Fabriken schliessen. Eine Studie des Bauernverbandes erwartet den Verlust von 60’000 bis 100’000 Arbeitsplätzen in der Nahrungsmittelindustrie. Auch wenn das ein Parteigutachten ist, zeigt es dennoch, was auf uns zukommt.

* Ueli Maurer ist Präsident des Verbandes Schweizerischer Gemüseproduzenten und Zürcher SVP-Nationalrat.

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