Wirtschaft
Schuldenmachen leicht gemacht - Made in USA
05. August 2008, 19:32 Von Ralf KaminskiBanken und Kreditkartenfirmen haben ihren Klienten in Amerika jahrelang weisgemacht, dass Schulden kein Problem sind - und dabei kräftig abgesahnt.
Natürlich braucht es für das Schuldenmachen immer zwei. Man muss ja nicht unbedingt über die eigenen Verhältnisse leben. Dann verzichtet man halt auf den neuen Fernseher, die Designer-Jeans oder die teuren Karibikferien. Aber was helfen sämtliche Appelle an die finanzielle Vernunft des Einzelnen, wenn dieser gleich von zwei Seiten unter pausenlosem Dauerbeschuss steht, Geld auszugeben?
Auf der einen Seite ist da die extrem hochentwickelte amerikanische Konsumkultur, deren Warenangebot in aggressiven Werbekampagnen auf allen Kanälen 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche angepriesen wird. Shoppen gehört zu den Lieblingsfreizeitbeschäftigungen der Amerikaner - an freien Tagen, sei es am Wochenende oder an Feiertagen, wird die nächste Mall besucht, in der dann jeweils auch gerade besonders viele Läden mit Sonderangeboten locken. Persönliche Probleme? Warum sich nicht was Gutes tun und ein bisschen einkaufen gehen? Die Kultur des «Ich shoppe, also bin ich» hat dazu geführt, dass der Konsum für 70 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung verantwortlich ist.
Dem gegenüber steht die Realität, dass eine Mehrheit der Amerikaner schlicht nicht genug Geld hat, um sich den propagierten Lebensstil leisten zu können. Nun kommt die zweite Seite ins Spiel: Die Banken und Kreditkartenunternehmen, die gerne bereit sind auszuhelfen. Jedem. Egal ob Aussicht besteht, dass das Geld jemals zurückbezahlt wird oder nicht. Besser sogar nicht, denn: Mit den Zinsen und Gebühren, die fürs ausstehende Geld und verspätete Ratenzahlung anstehen, verdienen die Kreditgeber ihr Geld. Sehr viel Geld. Laut einer Studie haben die Kreditkartenfirmen ihre Einnahmen seit 2005 um 25 Prozent steigern können.
Über Jahre haben sie Millionen von Dollar für Werbekampagnen ausgegeben, um den Konsumenten davon zu überzeugen, dass Schuldenmachen kein Problem ist, dass sie sich das neue Auto selbstverständlich leisten können, mit freundlicher Hilfe von Citigroup, Mastercard oder Capital One. Und wenn die Schulden auf den sieben Kreditkarten überhand nehmen, lockt ein Bankkredit, mit dessen Hilfe man sie alle auf einen Schlag loswird und künftig nur noch eine Zahlung pro Monat machen und erst noch ein bisschen weniger Zinsen zahlen muss. Wozu im übrigen nicht viel gehört, denn die Zinsen, die Kreditkartenfirmen verlangen, erreichen schnell mal 30 Prozent pro Jahr.
Vier von fünf Haushalten verschuldet
«Heutzutage liegt der Fokus der Geldverleiher nicht mehr darauf, ihr Geld zurückbezahlt zu bekommen, denn der Kredit ist ihre Einnahmequelle», sagte Julie Williams, Chefcontrollererin der nationalen Bankaufsichtsbehörde, schon 2005. Die Folgen: 80 Prozent aller amerikanischen Haushalte sind heute mehr oder weniger stark verschuldet - insgesamt mit 2,56 Billionen Dollar, 22 Prozent mehr als noch im Jahr 2000. Und das sind nur die Konsumschulden. Zählt man die Hypotheken dazu, sind es nochmals 10,5 Billionen mehr.
Die durchschnittlichen Kreditkartenschulden pro Haushalt belaufen sich auf 8565 Dollar, 15 Prozent mehr als 2000. Die Gesamtschulden pro Haushalt liegen im Schnitt bei knapp 118'000 Dollar. Gleichzeitig stagnieren die Löhne, so dass die Amerikaner heute im Schnitt 14,5 Prozent ihres Einkommens dafür aufwenden, Schuldzinsen und -raten zu zahlen. Gespart wird praktisch nichts mehr - im ersten Quartal dieses Jahres sind laut dem Büro für Wirtschaftsanalysen 0,4 Prozent des Einkommens zur Seite gelegt worden (1968 waren es noch mehr als 8 Prozent).
Angesichts der seit Monaten andauernden Wirtschaftskrise gerät dieses Schulden-System nun ins Wanken. Aufsichtsbehörden planen strengere Regeln für Kreditvergaben. Zum Beispiel, dass nur noch Kunden Kredite erhalten, die sie auch innert nützlicher Frist zurückzahlen können. Solche Versuche einer strengeren Regulierung gab es schon früher, aber die Lobbyisten der Finanzindustrie verhinderten sie jeweils erfolgreich. Die Chancen stehen gut, dass es diesmal anders ist.
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