Stuttgart im Ausnahmezustand
09. Juli 2006, 13:31Stuttgart im Ausnahmezustand: Mit dem Schlusspfiff des Spiels um Platz drei zwischen Deutschland und Portugal verwandelte sich der Schlossplatz in der Nacht in ein Fahnenmeer aus schwarz-rot-goldene Flaggen.
Die Menschen tanzten und lagen sich in den Armen. Rund 100000 Fussballanhänger feierten am Samstagabend den 3:1 Sieg der deutschen Mannschaft, wie die Polizei mitteilte. Grössere Zwischenfälle gab es keine.
«So etwas wird man nie wieder erleben», sagte Tobias Diehl nach dem Sieg. Die Mannschaft habe nach ihrer Niederalge gegen Italien wieder etwas gut gemacht. Armanda Redic sagte: «Ich freue mich mehr denn je.» Andreas Münzing war aus Heilbronn gekommen, um die Übertragung zu sehen. Er sprach von einem überragenden Spiel und forderte wie viele andere Fans auch, dass Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Amt bleiben solle.
Kreischende Mädchen
Schon vor der Abfahrt der Mannschaft ins Gottlieb-Daimler-Stadion nahm der Fanandrang bislang ungewohnte Ausmasse an. Vor dem Hotel warteten rund 15000 Anhänger der Nationalmannschaft. Teilweise kreischten junge Mädchen, als die Spieler den Bus betraten. Immer wieder sangen die Schlachtenbummler «Stuttgart ist viel schöner als Berlin» und «Klinsmann muss bleiben». Der Bundestrainer wuchs in der baden-württembergischen Landeshauptstadt auf. Sein Bruder betreibt immer noch die gleichnamige Bäckerei in Stuttgart-Botnang.Alle Versuche der Stadt scheiterten, dass sich die Mannschaft oder Teile davon nach dem Spiel bei den Fans in der Schwabenmetropole verabschiedet. Die Spieler feierten hingegen lieber in einem Edelrestaurant in unmittelbarer Nähe des Hotels. Dort waren zwei Reihen Sichtblenden angebracht, damit keiner einen Blick auf den Tross werfen konnte. Die Tische waren mit Flaggen dekoriert. Ebenso standen Kerzen in schwarz-rot-gold auf den langen Tafeln.
«Weltmeister der Herzen»
Eine 20 Jahre alte Frau meinte: «Ich bin nicht traurig, dass wir Dritter geworden sind. Wir sind Weltmeister der Herzen geworden.» Auch Jose aus Portugal freute sich über den Sieg der deutschen Mannschaft, den er ihr aber nicht zugetraut hatte. «Im Grossen und Ganzen bin ich mit der Leistung Portugals zufrieden», sagte er. Marc Zierenberg war mit einem schwarz-rot-golden lackierten Opel Omega unterwegs. Der 34-Jährige aus Affalterbach bei Ludwigsburg versuchte den ganzen Samstag, dass Ballack & Co. auf seiner Rostlaube unterschreiben. Er sei öfters am Hotel vorbeigefahren - doch die Spieler seien nicht vor die Tür gekommen. Ganz und gar nichts für das Thema Fussball übrig hatte dagegen ein älteres Paar: Es ging stattdessen in eine Ballettvorführung. Romeo und Julia stand auf dem Programm des Staatstheaters.Stuttgart feierte ein gigantisches, friedliches Fussballfest. Bis in die frühen Morgenstunden fuhren auch zahlreiche Autos hupend durch die Stadt.
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