Das jämmerliche letzte Bild

10. Juli 2006, 06:01

Erst war er Torschütze, dann wurde er zum Rächer - Zinédine Zidanes Karriere wurde noch vor dem finalen Schlusspfiff beendet.

Zidane: Mit den Kräften und den Nerven am Ende.
Zidane: Mit den Kräften und den Nerven am Ende.
Von Fredy Wettstein, Berlin

Noch einmal Zinédine Zidane. Noch einmal seine Poesie, seine Kunst. Noch einmal, ein allerletztes Mal. Es soll ein märchenhaftes Ende sein, dachten wir.

Und am Tag des Finals hat der französische Filmemacher Stéphane Meunier, der die Franzosen 1998 auf dem Weg zum WM-Titel begleitet hatte, in einem Interview geantwortet: «Er ist im jetzigen Team mehr als ein Führer. Er ist ein Buddha. Ein schlanker Buddha, der Fussball spielt.» Der Buddha trägt auch eine teuflische Seite in sich. Die hat seine Karriere begleitet. Aber jetzt, bei seinen letzten Minuten als Fussballer, kurz vor dem Abpfiff, in Berlin und für immer?

Was muss in seinem Kopf passiert sein, in einem Moment, als das Spiel unterbrochen war? Marco Materazzi, der italienische Abwehrhühne, war ihm nahe gekommen, Zidane lief zurück, an ihm vorbei, kehrte sich um, blickte böse und rammte ihm wie ein Stier mit Anlauf den Kopf in die Brust. Es war eine schlimme Tätlichkeit, der Schiedsrichter sah sie nicht, aber sein Assistent an der Linie machte ihn darauf aufmerksam. Rot für Zidane. Er lief vom Platz, den Kopf gesenkt, vorbei am goldenen WM-Pokal, seinem grossen letzten Traum, hinab in die Kabine.

Was für ein Abgang, zuerst sein himmlisches Elfmetertor, der Kopfball, der beinahe das 2:1 brachte - und dann dies! Was für ein letztes Bild von einem, den wir bewundert haben für seine Kunst mit dem Ball. Für die WM, sein letztes Ziel, hat er alles getan, hat schon vor Monaten bei Real Madrid gesagt, der Kraftraum müsse für ihn täglich offen sein. Und täglich habe er seither trainiert, so hart wie noch nie.

Die dunkle Seite

Seine dunkle Seite ist in seiner Kindheit begründet, in La Castellane, dem grauen Viertel im Norden von Marseille, wo er aufgewachsen ist. Als Kind hatte er auf der Strasse gespielt, als er noch Yazid war und noch nicht Zizou, aber schon damals viel besser als alle anderen. «Alles, was ich über Fussball gelernt habe, stammt aus dieser Zeit, von der Strasse», sagte er einmal. Er lernte sich zu behaupten, aber er zeigte manchmal auch seine jähzornige Seite, konnte böse werden und unbeherrscht. «Ich hasse Ungerechtigkeit», antwortete er, wenn man ihn darauf ansprach. «Ich komme aus einem harten Viertel. Dort wollte ich nie Streit, aber wenn man dich provoziert, kannst du nicht alles mit dir machen lassen. Ich kann einstecken, okay, aber dann teile ich auch aus.»

Aber wo war die Ungerechtigkeit gestern in Berlin? Weshalb verlor er die Nerven? Warum wurde aus dem so sanft blickenden, stillen, oft melancholischen Zidane in diesem Augenblick ein grundloser Rächer? Wir werden von ihm kaum etwas erfahren. Er wird schweigen, wie er es meistens tat. Deshalb trug er auch immer etwas Geheimnisvolles, Unerklärliches mit sich. Aber wir werden ein letztes Bild von ihm behalten, das jämmerlich ist. Es gehört auch zu Zinédine Zidane.

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