Zürich

«Parteigurus» sind Lieblinge der Sekten

25. Oktober 2005, 11:18

Sekten nutzen gern politische Parteien am rechten Rand, um ihre Anliegen durchzusetzen. Bei der SVP fühlen sich manche Gruppen am besten aufgehoben.

Von Hugo Stamm

Sekten und vereinnahmende Glaubensgemeinschaften sind – neben Diktaturen – die radikalsten Machtsysteme. Ein fanatischer Glaube terrorisiert das gesamte Bewusstsein eines Menschen. Ein radikales religiöses Engagement kann in den Wahn führen. (Bei kollektiven Sektendramen bringen Mütter ihre eigenen Kinder um, Selbstmordattentäter sprengen sich mit verklärtem Gesicht in die Luft.)

Machtrausch der Sektenführer

In ihrem Machtrausch suchen manche Sektenführer auch auf der politischen Bühne Einfluss. Oder sie versuchen, ihre Ideen mit politischen Aktionen in der Gesellschaft zu verankern. Die Transzendentale Meditation des indischen Gurus Maharishi Yogi hat beispielsweise die Naturgesetz-Partei gegründet, und einer seiner Meditationslehrer kandidierte einst für den Zürcher Regierungsrat. Das Parteiprogramm: Aufstockung des Staatspersonals um 300 yogische Flieger. Diese würden rund um die Uhr meditieren und angeblich ein positives Energiefeld erzeugen, das die Menschen friedlich und glücklich machen soll. Apropos Fliegen: Die Sektenanhänger glauben, dereinst die Erdanziehungskraft mit übersinnlicher Energie überwinden und abheben zu können.

Auch die Scientologen drängen immer wieder aufs politische Parkett. Besonders aktiv ist die Bürgerkommission für Menschenrechte (CCHR). Die vor allem aus Hubbard-Anhängern bestehende Kampfgruppe gegen die Psychiater sucht immer wieder die Öffentlichkeit, um ihre Gegner zu attackieren. Am 24. September demonstrierte sie vor der Uni Zürich mit Transparenten («Psychiater zerstören Leben», «Psychiater fresst eure Pillen selber») gegen ein Symposium der Jugendpsychiater. Sie kämpft vor allem gegen die Abgabe von Ritalin an hyperaktive Kinder und deckt Politiker mit Dokumentationen ein.

Politisch aktiv sind auch die Anhänger des Universellen Lebens, einer esoterischen Sekte mit pseudochristlichen Versatzstücken. Bei ihnen scheint die Tierliebe oft stärker ausgebildet als die Zuneigung zu «ungläubigen» Menschen. Mit Initiativen wollen sie die Jagd verbieten.

Unerreicht sind die VPM-Anhänger. Um ihre politischen Aktionen effizienter durchpeitschen zu können, haben die Hunderte Akademiker um Annemarie Buchholz Kaiser ihre Psychosekte aufgelöst und Tarnkappen angezogen. Seither engagieren sich die VPM-Anhänger in über zwei Dutzend meist selbst gegründeten Agitationsgruppen. Dabei verstecken sich die «Superdemokraten» gern hinter Postfach- und anonymen E-Mail-Adressen. Sie sammeln fleissig Unterschriften und sorgen regelmässig dafür, dass wir über Initiativen abstimmen dürfen, an denen sie massgebend beteiligt sind. Nächstes Beispiel ist die Maulkorbinitiative «Volkssouveränität statt Behördenpropaganda». Dass die VPM-Leute fast durchs Band zu den Abstimmungsverlierern gehören, verwundert meist nur sie selbst.

Scientology und Rechtsparteien

Bemerkenswerter ist die Tatsache, dass sie wie die Scientologen gern mit gestandenen Politikern aus dem rechten Lager zusammenspannen. Die Partner stammen vorwiegend aus der EDU, der SD und der SVP. Und wenn es den SVP-Politikern nützt, lassen sie sich gern von den VPM-Leuten inspirieren. So beteiligte sich die SVP früher an verschiedenen drogenpolitischen Kampagnen des VPM und übernahm dessen Drogenkonzept über weite Strecken. Vor gut einem Jahr machten hochrangige SVP-Politiker wie Christoph Blocher, Ueli Maurer, Toni Bortoluzzi, Ulrich Giezendanner, Hans Fehr, Ulrich Schlüer und Walter Frey bei der Revision des Betäubungsmittelgesetzes gemeinsame Sache mit «Schweizer Ärzte gegen Drogen», bei denen VPM-Exponenten das Sagen haben. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die genannten Parteien sind natürlich keine Sekten. Trotzdem ist es kein Zufall, dass vereinnahmende Gruppen bei ihnen Nestwärme suchen.

Autoritäre Strukturen

Die meisten Sekten sind mit ihren autoritären Strukturen und ihrer fundamentalistischen Weltsicht rechtslastig. Autoritätsgläubige fühlen sich denn auch in einer SVP besser aufgehoben als in einer SP. Verschiedene Zürcher SVP-Politiker und VPM-Anhänger demonstrierten früher ihre Sympathie an Pressekonferenzen und trafen sich teilweise wöchentlich an einem runden Tisch.

Die Geistesverwandtschaft zeigt sich auch in der Verehrung von Führerpersönlichkeiten. Christoph Blocher war – bevor er Bundesrat wurde – für manche SVP-Mitglieder fast eine Art Heilsbringer mit Guru-Status. Georges Letellier, Präsident der Genfer Bürgerbewegung MCG, die aus der SVP hervorgegangen ist, bezeichnet Christoph Blocher als seinen politischen Guru. Ausserdem dient die SVP für viele als Refugium in einer ausser Rand und Band geratenen Welt.

Hinzu kommt das Denken in Schwarzweissmustern, die Einteilung der Wirklichkeit in Gut und Böse sowie die Reduktion der komplexen Realität auf einfache Muster. Rechte Parteien betrachten ihr Programm beinahe als Heilslehre, ihr politisches Credo ist für viele ein Rezept gegen den vermeintlichen Untergang des Abendlandes oder der helvetischen Identität. Nicht gross anders funktionieren auch Sekten.

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