Zürich

Das Rennen um Platz 9 ist offen

01. Februar 2006, 18:44

Die Zürcher Stadtratswahlen werden doch noch spannend: Gerold Lauber (CVP) und Roger Liebi (SVP) liefern sich laut der Umfrage des «Tages-Anzeigers» ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Roger Liebi und Gerold Lauber.
Roger Liebi und Gerold Lauber.
Von Adi Kälin

Zürich. – Für die meisten schienen die Wahlen schon gelaufen, alle waren der Meinung, dass neben den acht Bisherigen der CVP-Mann Gerold Lauber locker ins Ziel einlaufen würde. Schliesslich wird Lauber von der SP offiziell unterstützt. An den SVP-Kandidaten Roger Liebi glaubte hingegen kaum jemand. Seit 1990 hat es die SVP ja nicht mehr geschafft, einen der Ihren in den Stadtrat zu bringen. Und der SVP-Kandidat kann auch nicht auf die offizielle Unterstützung der FDP zählen.

Umso mehr überrascht das Ergebnis der repräsentativen Umfrage, die vom Meinungsforschungsinstitut Isopublic im Auftrag des «Tages-Anzeigers» durchgeführt worden ist: Sie zeigt nämlich, dass Gerold Lauber und Roger Liebi im Rennen um den freien neunten Sitz des Stadtrats praktisch gleichauf liegen. Auf die Frage, welche Kandidaten sie wählen würden, sagten bei Gerold Lauber 24 Prozent ja, bei Roger Liebi 20 Prozent. Bei einem Vertrauensbereich von plus/minus rund 3 Prozent, liegen die beiden also Kopf an Kopf. Berücksichtigt wurden bei dieser Frage nur Stimmberechtigte, die «sicher» wählen werden.

Keine Probleme dürften die acht Mitglieder des Stadtrats haben, die sich einer Wiederwahl stellen. Laut Umfrage liegen vier von ihnen mit der fast gleichen Prozentzahl vorn: Robert Neukomm, Monika Stocker, Elmar Ledergerber und Esther Maurer. Dahinter folgt als erste Bürgerliche Kathrin Martelli, gefolgt von Martin Waser, Martin Vollenwyder und Andres Türler. Es besteht kein Zweifel, dass diese acht im ersten Wahlgang gewählt werden.

Dahinter aber geht das grosse Tauziehen los - wie übrigens praktisch immer bei Zürcher Stadtratswahlen: 1994 gaben nur gerade 196 Stimmen (von gut 100 000) den Ausschlag für Willy Küng und gegen die SP-Frau Vreni Hubmann. 1998 entschieden 655 Stimmen darüber, dass Hans Wehrli (FDP) abgewählt und Esther Maurer (SP) neu in den Stadtrat gewählt wurde. Bei den Wahlen 2002 wurde gar ein zweiter Wahlgang nötig, weil Andres Türler (FDP) und Rolf André Siegenthaler das absolute Mehr verpassten.

Liebi ist viel bekannter als Lauber

Und diesmal also Lauber, der sich gegen den Vormarsch von Liebi zu wehren sucht. Das überraschend gute Abschneiden des SVP-Mannes Liebi hat mehrere Gründe. Zum einen bewirbt er sich um einen Sitz im Stadtrat und gleichzeitig ums Amt des Stadtpräsidenten. Das sichert ihm ein grösseres Medieninteresse und damit einen höheren Bekanntheitsgrad. Das zeigt sich auch in der Umfrage deutlich. Auf die Frage, welche Kandidatinnen und Kandidaten ihnen spontan einfallen, nannten 24 Prozent der Befragten Roger Liebi, aber nur gerade 9 Prozent Gerold Lauber. Liebi liegt mit seinem Bekanntheitsgrad an vierter Stelle, also noch vor fünf Bisherigen. An erster Stelle steht bei dieser Frage Stadtpräsident Elmar Ledergerber. Allerdings kam auch er nur gerade 52 Prozent der Befragten spontan in den Sinn.

Damit ist ein zweiter Grund für das gute Abschneiden Liebis angesprochen: der eher flaue Wahlkampf. Dass es selten hart auf hart ging, hat dem SVP-Kandidaten eher genützt. Viele Stimmberechtigte haben wohl kaum wahrgenommen, dass Liebi von der FDP nicht unterstützt wird, respektive dass Gerold Lauber die offizielle Unterstützung der SP geniesst. Vermutlich hat aber auch Liebis Kampagne «Liebi ist ...» seine Bekanntheit gefördert.

Schaut man sich an, woher Liebi seine Stimmen hat, stehen natürlich an erster Stelle die SVP-Wähler. 70 Prozent von ihnen würden ihn wählen. Allerdings bekommt er auch recht viele Stimmen von FDP-Seite. 27 Prozent der FDP-Wähler nehmen auch Liebi auf ihre Liste, und nur 17 Prozent stimmen für Lauber. Umgekehrt ist die SP-Unterstützung für Gerold Lauber noch eher bescheiden: 24 Prozent der SP-Wähler würden auch Lauber auf ihre Liste schreiben – allerdings auch nur 1 Prozent Liebi. Grosse Sympathien geniesst bei den SPlern der junge Grüne Bastien Girod, der von 16 Prozent unterstützt wird.

Junge wählen Bastien Girod

Überhaupt schneiden die beiden etwas anderen grünen Kandidaten, Bastien Girod von den Jungen Grünen und Martin Luchsinger von den Grünliberalen, recht gut ab. Beide liegen noch vor Ernst Danner (EVP). Betrachtet man nur die 18- bis 34-Jährigen, wäre Bastien Girod sogar als neunter Stadtrat gewählt. Dahinter folgt Luchsinger – noch vor Lauber und Liebi. Klare Unterschiede gibt es im Wahlverhalten von Frauen und Männern. Die Frauen setzen Lauber klar vor Liebi(25 resp. 17 Prozent), Männer bewerten beide gleich (23 Prozent). Ausserdem wählen Frauen Frauen. Bei den Wählerinnen liegen Monika Stocker und Esther Maurer unangefochten vorn (77 und 75 Prozent).

Keine Diskussion gibt es bei der Wahl des Stadtpräsidenten. Hier liegt Elmar Ledergerber mit 73 Prozent unangefochten vor Roger Liebi mit 16 Prozent. Nur gerade bei den SVP-Wählern hat Liebi mit 53 Prozent knapp die Nase vorn; immerhin41 Prozent der SVPler wählen aber den SP-Mann Elmar Ledergerber.

Noch deutlicher werden die Resultate, wenn man die Wählerinnen und Wähler fragt, wer ihrer Ansicht nach gewählt wird. 90 Prozent glauben, dass Ledergerber Stadtpräsident bleibt, nur gerade7 Prozent tippen auf Liebi. Und selbst die SVP-Wähler geben sich keiner Illusion hin: 76 Prozent von ihnen glauben, Ledergerber werde es schaffen, und nur gerade 22 Prozent können sich einen Stadtpräsidenten Liebi ernsthaft vorstellen.

www.isopublic.ch

Resultate
Spontane Bekanntheit:
1. Elmar Ledergerber (SP) 52%
2. Kathrin Martelli (FDP) 33%
3. Monika Stocker (Grüne) 28%
4. Roger Liebi (SVP) 24%
5. Esther Maurer (SP) 22%
6. Robert Neukomm (SP) 19%
7. Martin Waser (SP) 19%
8. Andres Türler (FDP) 16%
9. Martin Vollenwyder (FDP) 16%
10. Gerold Lauber (CVP) 9%
11. Ernst Danner (EVP) 3%
12. Peider Filli (AL) 2%
13. Bastien Girod (Junge Grüne) 1%
14. Patrick Blöchlinger (SD) 1%
15. Walter Angst (AL) 1%

Basis: 1202 Stimmberechtigte in der Stadt Zürich. Frage: «In Zürich finden am 12. Februar 2006 die Stadtratswahlen statt. Welche Kandidatinnen und Kandidaten kennen Sie, wenn auch nur dem Namen nach?»

Wahlabsicht:
1. Robert Neukomm (SP) 72%
2. Monika Stocker (Grüne) 72%
3. Elmar Ledergerber (SP) 72%
4. Esther Maurer (SP) 71%
5. Kathrin Martelli (FDP) 62%
6. Martin Waser (SP) 55%
7. Martin Vollenwyder (FDP) 53%
8. Andres Türler (FDP) 50%
9. Gerold Lauber (CVP) 24%
10. Roger Liebi (SVP) 20%
11. Bastien Girod (Junge Grüne) 11%
12. Martin Luchsinger (GLP) 10%
13. Ernst Danner (EVP) 8%
14. Peider Filli (AL) 7%
15. Walter Angst (AL) 6%

Basis: 744 Stimmberechtigte in der Stadt Zürich, die an der Wahl sicher teilnehmen werden. Frage: «Ich lese Ihnen die Namen der Kandidaten vor und bitte Sie, mir zu sagen, wem Sie ihre Stimme geben.»

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