Fehlstart für neues Kongresshaus

22. April 2006, 00:05

Bei der Planung für das neue Zürcher Kongresshaus ist schon einiges schief gelaufen. Das Projekt, das nächste Woche vorgestellt wird, hat deshalb einen denkbar schlechten Start.

Das Kongresshaus mit Tonhalle soll einem Prestigebau weichen.
Das Kongresshaus mit Tonhalle soll einem Prestigebau weichen.
Von Adi Kälin

Zürich. - Grossprojekte haben es in Zürich selten leicht. Oft sind die ausufernden Baugesetze schuld, sehr häufig aber auch die Bauherren selber - wie jetzt im Fall des Kongresshauses. Noch bevor das Siegerprojekt des Spaniers Rafael Moneo im Detail bekannt ist, haben die Planungsverantwortlichen viele Zürcherinnen und Zürcher gegen sich und das neue Projekt aufgebracht. Die Journalisten sind sauer, weil sie nur halbbatzig informiert werden. Und dem Gemeinderat stinkt es gar so gewaltig, dass er zweimal einen Projektierungskredit fürs Kongresshaus ablehnte.

Wenn der Staat mit Privaten . . .

Einiges ist schief gelaufen, und das meiste hängt damit zusammen, dass beim Kongresshaus Staat und Private gemeinsam planen. Public Private Partnership heisst dies, und meist schwärmen alle Beteiligten ebenso neudeutsch von einer Win-win-Situation, bei der alle nur gewinnen könnten.

Spätestens nach dem Debakel ums Hardturm-Stadion ist man allerdings skeptisch geworden. Was hatte man uns alles versprochen: Der Staat sorgt nur für reibungslose Abläufe, das grosse Geld werfen Private auf, und Zürich kommt praktisch gratis zu einem grossartigen neuen Stadion. Das Wunder vom Hardturm gewissermassen. Doch bald folgte der Katzenjammer. Das Riesenprojekt stiess auf Widerstand, wurde immer weiter verzögert. Und jetzt wartet man, ob die Renditeüberlegungen einer Grossbank den Bau überhaupt zulassen.

Das Hauptproblem einer so engen Zusammenarbeit zwischen Staat und Privaten ist aber, dass die Regeln für öffentliches Bauen plötzlich nicht mehr gelten. Zentrale Aufgaben werden nicht mehr ausgeschrieben, sondern direkt vergeben. Und der Gemeinderat wird nicht mehr begrüsst, weil der parlamentarische Prozess die Planung verzögern könnte. Deshalb hat der Stadtrat den städtischen Anteil von 1,9 Millionen Franken an der eigens gegründeten Zürich-Forum AG in eigener Kompetenz beschlossen. Rechtlich war das möglich; der Stadtrat kann bis 2 Millionen ausgeben, ohne den Gemeinderat zu fragen. Politisch war es aber nicht sehr klug. Der Gemeinderat rächte sich denn auch bei nächster Gelegenheit und strich die 1,9 Millionen aus dem Budget. Folgen hat das keine, aber es war doch eine schmerzliche Ohrfeige für den Stadtrat.

Ausserdem wurden nun auch Filzvorwürfe laut. Bei der Zürich-Forum AG ist nämlich mit der Karl Steiner AG bereits ein Generalunternehmer mit im Boot, der sich natürlich berechtigte Hoffnungen macht, später auch den Bauauftrag zu erhalten - auch wenn es offiziell heisst, die Arbeiten würden dann schon noch ausgeschrieben. Dasselbe gilt für die Krachts Erben AG, die Betreiberin des Hotels Baur au Lac. Auch hier sieht es so aus, als sei der Auftrag zum Betrieb des Hotels im neuen Kongresshaus schon vor der Planungsphase vergeben worden - auch wenn das selbstverständlich niemand so bestätigen würde.

Was läuft hinter den Kulissen?

Bei jedem Planungsprozess und bei jedem Architekturwettbewerb gibt es Phasen, in denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen bleibt. Das ist normal. Die Zürich-Forum AG geht aber so geizig mit Informationen um, dass der Eindruck entsteht, man wolle etwas verstecken. Zuerst wurde das Resultat des Architekturwettbewerbs auf Ende 2005 versprochen. Doch Ende Jahr kam nur ein dürres Communiqué mit dem Hinweis, man habe das Teilnehmerfeld reduziert. Begründet wurde kaum, weitere Informationen gab es nicht. Jetzt, ein halbes Jahr später, weiss man zwar, dass Rafael Moneo den Wettbewerb gewonnen hat; das Projekt sehen darf man aber erst in einer Woche - was perfekt ins Bild passt.

Geheimniskrämerei beim Kanton

Am absurdesten aber wirkt die Geheimniskrämerei rund um den Bericht der kantonalen Denkmalpflege-Kommission. Man kann sich ausmalen, dass die Kommission das alte Kongresshaus von Haefeli/Moser/Steiger unter allen Umständen erhalten will. Der Bau gilt als zentrales Werk des Neuen Bauens in der Schweiz und ist zudem eines der wenigen noch erhaltenen Gebäude, die für die Landi 1939 erstellt worden sind. Warum also darf die Öffentlichkeit nicht im Detail lesen, was für die Erhaltung des Gebäudes spricht?

Schon heute ist absehbar, dass die Frage, wie man mit dem alten Kongresshaus umgehen soll, die Debatte ums neue Kongresshaus dominieren wird. Die Anhänger des Altbaus melden sich nächste Woche mit einer eigenen Pressekonferenz - notabene zwei Tage vor der Präsentation des Neubauprojekts. Das heisst mit Sicherheit, dass sie über einen Abbruch nicht mit sich reden lassen wollen - wie immer Moneos Projekt aussieht.

Kein absoluter Schutz für Gebäude

Dabei vergessen sie, dass Baudenkmäler nie einen absoluten Schutz geniessen. Sie müssen nur dann integral erhalten werden, wenn «das öffentliche Interesse an ihnen überwiegt», wie es im kantonalen Planungs- und Baugesetz heisst. Was aber auch bedeutet, dass es ein öffentliches Interesse geben kann, das schwerer wiegt als die Erhaltung des Alten. Zudem bleiben uns die Anhänger des heutigen Kongresshauses noch einige Antworten schuldig: Wie soll man das Haus nutzen, das nicht mehr für Kongresse taugt? Darfs wieder einmal etwas Kulturelles sein? Und wer soll das bezahlen?

Sicher wird man nicht leichtfertig ein Werk von Haefeli/Moser/Steiger abbrechen. Und sicher wird man diskutieren müssen, warum es von allen beteiligten Architekturbüros nur gerade Diener & Diener geschafft haben soll, so zu planen, dass der Kongresshaus-Altbau erhalten werden könnte. Und selbstverständlich wird die Wettbewerbsjury um Peter Zumthor erklären müssen, warum sie dieser Lösung keinen Kredit geben wollte. Umgekehrt muss es mindestens denkbar sein, dem Projekt von Rafael Moneo das alte Gebäude zu opfern - falls Moneo denn den erwarteten «grossen Wurf» präsentiert.

Manche Zürcher schielen immer noch neidisch auf Luzern und seinen Nouvel-Bau am See. Ihnen muss man in Erinnerung rufen, dass für Jean Nouvels Kunst- und Kongresshaus das alte Kunsthaus weichen musste. Es stammte von Armin Meili, dem Direktor der Landesausstellung 1939, und war ebenfalls in den Dreissigerjahren erbaut worden. Eine weitere neckische Parallele besteht darin, dass Rafael Moneo beim Luzerner Wettbewerb von 1990 auch teilnahm - und auf Platz zwei hinter Jean Nouvel landete.

Wie gehts weiter? Schon heute ist klar, dass die Gerichte bis zur höchsten Instanz werden mitreden müssen. Sie werden unter anderem darüber entscheiden, ob man das alte Kongresshaus abbrechen kann. Zudem wird es zu einem zähen politischen Prozess kommen. Zu viel Geschirr ist schon zerschlagen, zu viel Vertrauen verspielt. Jetzt kann nur noch völlige Transparenz helfen. Es braucht die vorbehaltlose Offenheit aller Beteiligten - auch bei heiklen Fragen rund um die Partnerschaft mit privaten Firmen.

Das Volk muss mitreden

Das Kongresshaus wird ein zentrales Gebäude der Stadt an prominenter Lage sein, unter Umständen sogar ein neues Wahrzeichen Zürichs. Da ist es unabdingbar, dass die Bevölkerung über dessen Bau mitreden und an der Urne entscheiden kann. Es wäre ein grosser politischer Fehler, den Bau mit Hilfe privater Investoren an einer Volksabstimmung vorbeizuschmuggeln. Zürcherinnen und Zürcher sind für ein wirklich gutes Projekt sicher zu gewinnen. Auf jeden Fall wird die Abstimmung - angesichts von Prozessrisiko und flatterhaften Investoren - nicht die höchste Hürde auf dem Weg zum neuen Kongresshaus sein.

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