Kommentar

02. Mai 2006, 06:51

Bedenkliche Signale

Von René Staubli

Der Auftritt eines Bundespräsidenten hat eine grosse Symbolkraft. Schliesslich repräsentiert das Oberhaupt der Regierung den Staat. Folglich ist auch die Verhinderung eines solchen Auftritts von Bedeutung: Im Erfolgsfall gelingt es nämlich, den Staat vor aller Augen zum Schweigen zu bringen, ihn zum Rückzug zu zwingen.

Man reibt sich die Augen: Zürich ist eine krawallerfahrene Stadt mit einer krawallerfahrenen Polizei. Die Stadtzürcher SP mit Koni Loepfe an der Spitze ist eine Organisation, die die Mechanismen des 1. Mai seit Jahren bestens kennt. Dennoch ist es einigen Dutzend Krawallanten ohne weiteres gelungen, den Bundespräsidenten vom Rednerpult in der Bäckeranlage zu vertreiben.

Man fragt sich: Wo war die Polizei? Den ganzen Tag über rotierten grössere Aufgebote in der Stadt, standen Wasserwerfer an neuralgischen Punkten, fuhren Jeeps mit Sperrgittern auf. Doch ausgerechnet das Areal, auf dem der Bundespräsident vor einer grossen Menschenmenge auftreten sollte, war im entscheidenden Moment offen wie ein Scheunentor.

Auf das Erstaunen folgt der Ärger: Polizeisprecher Marco Cortesi stellt sich naiv, behauptet allen Ernstes, die Ordnungskräfte hätten einen guten Job gemacht und sich bei der Bäckeranlage richtigerweise zurückgehalten; die Sicherheit des Bundespräsidenten sei nie gefährdet gewesen. Auch SP-Präsident Koni Loepfe nimmt sich als Festorganisator trotz Warnungen aus Bern von jeder Kritik aus und gibt den schwarzen Peter weiter: «Das war eine polizeiliche Fehlleistung.» Stadtpräsident Elmar Ledergerber wiederum spricht vor den TV-Kameras von einer «verdammten Schweinerei» und fragt, warum die Polizei so spät eingegriffen habe.

Eine Erkenntnis bleibt: Es ist von gesellschaftlicher Bedeutung, dass Volksfeste wie der 1. Mai ungestört inmitten der Stadt Zürich stattfinden können. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Polizei und die Veranstalter ihre Hausaufgaben machen. Und dass ein Bundespräsident nicht so schnell klein beigibt. Sein Auftritt hat zu Recht eine grosse symbolische Kraft - ein solcher Abgang ebenfalls.

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