Zürcher Duo verhindert
01. Juli 2006, 00:03Politischer Druck aus Zürich verhinderte, dass Josef Estermann und Andreas Spillmann gemeinsam neue Direktoren des Landesmuseums wurden.
Von Philipp Gut
Noch am letzten Wochenende schien alles klar. Für den zurücktretenden Andres Furger wollte das Bundesamt für Kultur (BAK) ein Zürcher Duo an der Spitze des Landesmuseums präsentieren: den ehemaligen Stadtpräsidenten Josef Estermann (SP) und Ex-Schauspielhaus-Direktor Andreas Spillmann. Die beiden wurden aber im letzten Moment wieder fallen gelassen - auf politischen Druck aus Zürich. Im Verdacht: Ruedi Noser (FDP). Und, besonders pikant, Estermanns Nachfolger und Parteikollege Elmar Ledergerber.
Doch der Reihe nach. BAK-Chef Jean-Frédéric Jauslin selber hatte Estermann lanciert. Dieser wiederum schlug als Partner den operativ erfahrenen Spillmann vor, den ehemaligen Kaufmännischen Direktor des Schauspielhauses, der nach der Entlassung von Christoph Marthaler für ein Jahr erfolgreich die Gesamtleitung des Theaters übernommen hatte. Jauslin ging auf den Doppelvorschlag ein.
Im Auftrag des BAK erstellten die beiden einen «Aufgabenbeschrieb». Dieser enthält ein generelles Konzept für die Schweizer Nationalmuseen, die laut Estermann «auch in den Regionen verankert» sein sollten. Das Papier klärt überdies die Führungsstruktur und formuliert als Bedingung, dass in Zürich ein Erweiterungsbau kommt.
Noch am Mittwoch letzter Woche gingen sowohl Estermann wie auch das BAK davon aus, dass das Duo den Job erhält. Für den Zürcher Kulturchef Jean-Pierre Hoby wäre es ein «Dreamteam» gewesen. Zwei Tage später kam dann die plötzliche Wende: Das BAK liess das «Dreamteam» fallen. Dabei wollte Jauslins Kommunikationschefin die Nachfolgeregelung bereits ins Communiqué aufnehmen. Warum die plötzliche Korrektur des Entscheids?
Widerstände via Couchepin
Jauslin sagt: «Das Problem lag sicher nicht bei uns.» Will heissen: Er hätte die Variante Estermann/Spillmann favorisiert, hat am Ende aber dem Druck von anderer Seite nachgegeben. Der BAK-Chef strebte eine Lösung an, die in Zürich «sehr gut ankommt». Pikanterweise kam der Widerstand nun aber just von dort. Jauslin hat am Freitag letzter Woche aus dem Sekretariat von Innenminister Couchepin erfahren, dass es Widerstand gegen Estermanns Person «aus Zürcher Politikerkreisen» gebe. Dies teilte Jauslin Estermann gleichentags am Telefon mit.
Am ehesten Einfluss nehmen auf Couchepin und Jauslin können Leute ihrer eigenen Partei, der FDP. In der Museumspolitik engagiert sind vor allem die Nationalräte Ruedi Noser und Felix Gutzwiller. Noser sagt, er habe «nichts gegen Herrn Spillmann». Offenbar aber hatte er Vorbehalte gegen Estermann. Dieser sei zwar ein «guter Mann», doch einer «aus der Vergangenheit» und daher «der falsche». Noser will keinen Politiker als Direktor, sondern einen «Profi», der zudem an der «Schnittstelle Zürich/Bern» agiert. Ein Kandidat, der diese Anforderungen erfüllt, wäre Peter Jezler, der Zürcher Direktor des Historischen Museums Bern.
Welche Rolle spielte Ledergerber?
Nicht minder pikant ist die zweite Spur. Sie führt zur SP und zu möglichen Heckenschützen aus den Reihen der Genossen. Die Zürcher Nationalrätin Vreni Müller-Hemmi (wie Noser Mitglied in der Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur) sagt, ihres Wissens habe Jauslin mit SP-Leuten gar nicht über Personellesgesprochen. Mit Sicherheit trifft das aufeinen SP-Politiker nicht zu: Stadtpräsident Elmar Ledergerber. Er kam letzte Woche mit Jauslin zusammen. Hat sich auch Ledergerber gegen seinen Vorgänger im Stadtpräsidium ausgesprochen?
Ledergerber bestreitet dies. Es gibt jedoch starke Indizien, wonach er das Zweierticket Estermann/Spillmann ablehnte. Zum Ersten scheint Ledergerber die operativen Fähigkeiten von Josef Estermann nicht allzu hoch einzuschätzen. Zum Zweiten ist das Verhältnis zwischen dem dafür vorgesehenen Spillmann und Ledergerber nicht unbelastet - die beiden hatten sich derart verkracht, dass Spillmann seinen Posten beim Schauspielhaus kündigte, obwohl er eigentlich gern geblieben wäre.
Zudem haben auch Ledergerber und sein Kulturchef Jean-Pierre Hoby das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Hoby hat kein Hehl daraus gemacht, dass er Estermann und Spillmann favorisierte. Stadtpräsident Ledergerber lässt sich nur ungern in eine bestimmte Richtung lenken.
Dass die Variante Estermann/Spillmann scheiterte, lag allerdings nicht bloss am Widerstand der Zürcher. Jauslin war zu wenig standfest, um seinen Vorschlag gegen die Einwände durchzusetzen, die das Departement Couchepin ventilierte. Mehr noch: Wie ein Beteiligter berichtet, fragte Jauslin Spillmann an, ob er den Job allein machen wolle - ohne Estermann. Diese Variante befürwortete auch Noser.
Estermann aber fühlte sich durch Jauslins Vorgehen verraten. Er teilte dem BAK-Chef per E-Mail mit, dass er das «absolut intransparente Verfahren» als Vertrauensbruch betrachte und nicht mehr zur Verfügung stehe.
Die fehlende Standfestigkeit Jauslins «verletzte» nicht nur den von ihr betroffenen Josef Estermann, sie stösst auch bei Vreni Müller-Hemmi auf Kritik. «Wenn Jauslin überzeugt war, warum lässt er sich dann wieder umblasen?» Für Müller-Hemmi ist dieses Verhalten nicht neu: «Ein solches Hin-und-her-Lavieren erleben wir ständig.» Das Problem spitze sich immer mehr auf die Personen Couchepin und Jauslin zu. Es fehle eine klare und transparente Position. Jauslin ist nach dem Ränkespiel gegen Estermann weiterhin auf der Suche. Er stehe in Kontakt mit «unterschiedlichen Personen». Eine davon ist Peter Hablützel, Historiker und ehemaliger Chef des Bundespersonalamts. Hablützel wurde vom Stadtberner Kulturchef Christoph Reichenau lanciert. Und zuvor von FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz entlassen. Ob das bessere Voraussetzungen sind?















