Zürich

Da hat das Kunsthaus nun das Geschenk

31. Juli 2006, 21:20

Ein Kubus aus Spiegelglas und eine schwere Plastik auf dem Platz vor dem Zürcher Kunsthaus geben zu reden.

Die Altherr-Plastik vor dem Kunsthaus, aus dem Spiegelkubus gesehen.
Die Altherr-Plastik vor dem Kunsthaus, aus dem Spiegelkubus gesehen.
Von Annette Müller

Nun stehen sie sich schweigend gegenüber vor dem Kunsthaus - unfreiwillig zu Kontrahenten geworden: ein Kubus aus Spiegelglas und eine grosse, rostige Plastik, die wie ein schief eingeschlagener Nagel schräg in den Himmel zeigt.

Der Spiegelkubus gehört zur Ausstellung «Expanded Eye» im Kunsthaus und ist dort offiziell im Aussendienst vorgesehen. Das Kunstwerk von Monica Bonvicini kann man betreten. Im Innern hat es eine öffentliche Toilette. Vom WC-Sitz aus hat man durch die Glasscheiben hindurch freie Sicht auf den Platz. Innen Durchblick, aussen Spiegelung: Das führt zu skurrilen Situationen. Passanten bleiben vor ihrem Ebenbild stehen, rücken den Jupe zurecht oder fahren sich kurz über die Haare. Sie scheinen einen, so auf dem Klo sein Geschäft verrichtend, direkt anzuschauen, haben jedoch keine Ahnung, dass sie vom Kabäuschen aus beobachtet werden.

Während der illusionäre Spiegelkubus schon eine Weile dasteht, hat er nun am Freitagabend einen Nachbarn bekommen. Uneingeladen hat der Künstler Jürg Altherr eine eigene Plastik mit einem Laster hintransportiert und das riesige Ding mit einem Kran abladen lassen. Fünf Tonnen, rumms, einfach so auf dem Platz deponiert. Vorher hatte die Skulptur ein Jahr lang in Baden gestanden - und für Gesprächsstoff gesorgt. Ein unbekannter Kunstbetrachter hatte dort das Werk mit «Titanic» angeschrieben. Mit seiner Aktion vom Freitag will der 61-jährige Schweizer Künstler die Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum anregen. Wer darf was wo ausstellen und mit welcher Berechtigung?

«Haben Sie es noch nicht gesehen?»

Nachfrage vor Ort beim Kunsthaus nach einer offiziellen Stellungnahme. Die Frau an der Kasse nickt: «Ich werde mal schauen, ob der Vizedirektor hier ist», und greift zum Telefonhörer. «Herr Klemm, eine Journalistin von Tagi ist hier. Es geht um die Plastik, die vor dem Kunsthaus abgestellt wurde.» (. . .) «Herr Klemm, haben Sie es denn nicht gesehen heute Morgen? Das riesige Ding auf dem Platz vor dem Eingang . . .» (. . .) «Ja. Gestern Abend wurde es hingestellt.» (. . .) Dann sagt sie zur Schreibenden: «Warten Sie. Er kommt gleich herunter.»

Als Christian Klemm vor dem Platz das Werk zum ersten Mal begutachtet, tritt er mit Kunstkennerblick rund um das Ding. «Aha, schön bearbeitet. Ein Altherr. Hübsch - eine ähnliche Skulptur haben wir in der Sammlung. Bloss kleiner.» Auf die Frage, was das Kunsthaus mit der Skulptur zu tun gedenke, sagt er: «Was mit der Plastik passiert, ist nicht unser Problem. Das ist Sache der Stadt. Die wird das wohl in den nächsten Tagen wegräumen.» Altherr wolle mit seiner Aktion wohl auch die Debatte über Skulpturen vor dem Kunsthaus anregen. «Wissen Sie, wir müssen uns dauernd dagegen wehren, mit Kunst beglückt zu werden. Es ist teilweise richtig mühsam, das abzuwimmeln.»

Passanten haben das neue Kunstwerk beim Pfauen inzwischen bemerkt. Eine Velofahrerin und ein Velofahrer halten kurz an. «Das gefällt mir nicht», sagt er. «Das ist doch einfach das Werk eines Hobbyschweissers.» Er habe davon in der Zeitung gelesen, doch so ganz ohne Erklärung verstehe ja niemand, wieso es hier sei. Der Kubus hingegen sei selbsterklärend und ein witziges Konzept. Seine Freundin fügt an: «So eine Kabine funktioniert ja nur im öffentlichen Raum. Die muss hier stehen.» Auf das Argument, dass die Plastik in Anbetracht ihrer Grösse im Wohnzimmer wohl auch deplatziert sei, sagt sie: «Stimmt». Lacht und fährt weiter. Ein anderes Paar ist gerade in eine Diskussion vertieft. Für sie ist klar: «Ich finde die Plastik toll. Gut platziert und ein super Objekt!» Der Spiegelkubus sei als Objekt ja langweilig, nur als Konzept interessant. Wie sich die beiden Werke nun aufeinander beziehen würden, findet sie «echt spannend». Ihr Partner sieht es anders: «Das ist doch einfach eine Reaktiondesjenigen, der ausgelassen wurde», meint er lakonisch. Sie: «Ach was, es geht doch darum, die Diskussion anzuregen. Das ist gelungen. Wir stehen nun hier und reden darüber.»

Kunst für ein dringendes Bedürfnis

Viele Kunsthausbesucher aber bemerken die Neuerungen entweder gar nicht oder steuern direkt auf den Spiegelkubus zu, rütteln an der Tür, die oft verschlossen ist, weil jemand drinsitzt. Eine junge Frau wartet vor dem Häuschen. Sie sei nicht für die Kunst gekommen, sagt sie. Sie sei per Zufall hier, sie müsse eben aufs WC. Ihr gefällt Altherrs Plastik nicht besonders. «Das ist ein ‹Tolgge› in der Landschaft.» Es könne doch nicht jeder kommen und einfach seine Kunst hinstellen.

Ein älteres Paar geht über den Platz, Richtung Eingang des Kunsthauses. Er - schon fast an der Plastik vorbei - dreht sich kurz um und sagt zu seiner Frau: «Schau, das hier ist die Neue, gell?» Sie dreht sich kurz um: «Ah ja.» Dann gehen die beiden rein.

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