Warten auf den Durchgangsbahnhof
11. August 2006, 23:05
S-Bahn und Verkehrsverbund stossen an Kapazitätsgrenzen. Erst der Durchgangsbahnhof in Zürich wird ihnen wieder ausreichend Luft verschaffen.
Von Hans-Peter Bieri
Vor 2012 und nach 2012: In diese beiden Teile zerfällt die längerfristige Planung des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV). 2012 soll der Durchgangsbahnhof Löwenstrasse unter dem Zürcher Hauptbahnhof eröffnet werden, und der ZVV erwartet davon eine fast explosive Wirkung. Wie explosiv, zeigen die Nachfrageerwartungen. Bis 2012 soll das ZVV-Wachstum an der Zürcher Stadtgrenze gemäss Strategiebericht 2009-2012 20 Prozent betragen (Basis 2005), aber allein bis 2015 sollen weitere 20 Prozent dazukommen. Bis 2025 will der ZVV 80 Prozent mehr Passagiere befördern als 2005.
Nebenverkehrszeiten besser nutzen
Bis es so weit ist, kämpft der ZVV weiter mit Kapazitätsengpässen. Linderung sollen vier Massnahmen bringen:
Einen Ausbau gibt es bei den Tram- und Stadtbahnen: Auf 2009 wird die Etappe Oerlikon-Flughafen der Glattalbahn eröffnet, auf 2011 die Etappe Flughafen-Stettbach. Ebenfalls auf 2011 wird das Tram Züri-West in Betrieb genommen.
Bei der S-Bahn bringt die dritte Teilergänzung vorerst weitere Taktverdichtungen. Danach kann das Angebot in den Hauptverkehrszeiten nur noch geringfügig verdichtet werden. Etwas Erleichterung bringen hier zusätzlich die neuen Bahnkompositionen mit vier statt drei Wagen und der Ersatz der alten Mirage-Züge durch Doppelstöcker.
Vor allem aber soll das Angebot ausserhalb der Hauptverkehrszeiten ausgebaut werden. Bus, Tram und S-Bahn werden besser aufeinander abgestimmt, S-Bahn sowie Bus sollen mit einem durchgehenden Taktfahrplan von 6 bis 24 Uhr verkehren. Um Busverspätungen zu verhindern, werden Busspuren und Verkehrsmanagement (Priorität bei Signalanlagen) forciert. Im engeren Agglomerationsgürtel um Zürich wird das Angebot schrittweise mit Taktverdichtungen und Netzausbau dem städtischen Niveau angepasst.
Auch das Nachtnetz wird ausgebaut. Grundsätzlich soll im ganzen Verbundgebiet ein Stundentakt angeboten werden. Auf potenzialstarken Strecken werden die Nachtbuslinien durch Nacht-S-Bahnen ersetzt. Das Angebot beschränkt sich weiterhin auf die Wochenenden.
Ausbau dank Durchgangsbahnhof
Einen wahren Schub bringt dann die Eröffnung des Durchgangsbahnhofs mit dem Tunnel nach Oerlikon. Ergänzend dazu nämlich löst die vierte Teilergänzung der S-Bahn bis 2015 eine ganze Reihe von Verbesserungen aus:
Das Glattal erhält mit dem Limmattal, dem linken Ufer und dem Knonaueramt neue Direktverbindungen via Zürich. Direktverbindungen via Winterthur gibt es ferner von Zürich nach Frauenfeld und Wil. Bisher gab es zwischen diesen Destinationen nur Umsteigeverbindungen.
Im Wehntal, im Furttal, im Unterland, nach Pfäffikon und am rechten Seeufer sollen die Züge statt stündlich halbstündlich bzw. statt halbstündlich viertelstündlich verkehren. Im näheren Umkreis der Stadt Zürich soll der Viertelstundentakt auf allen Achsen zum Standard werden.
Schaffhausen wird besser angebunden. Künftig soll es auch via Bülach im Taktfahrplan mit Zürich verbunden sein. Die S 5 wird entsprechend verlängert.
Für die nötigen Infrastrukturausbauten will der Regierungsrat dem Kantonsrat voraussichtlich nächstes Jahr einen Baukredit unterbreiten. Man rechnet mit einer Grössenordnung von 200 bis 400 Millionen Franken.
Tariferhöhungen alle zwei Jahre
Vieles an der längerfristigen Planung hängt allerdings vom Bund ab. Das gilt nicht nur für den Durchgangsbahnhof, für den die Bundesgelder noch immer nicht gesichert sind. Auch auf der Strecke Zürich-Winterthur und in Winterthur selber sind Ausbauten nötig. Oerlikon braucht ein siebtes und achtes Geleise, Winterthur ebenfalls zusätzliche. Auch da ist offen, wie weit und wann sich der Bund an den Kosten beteiligt.
Teuerung und Leistungsverbesserungen werden auf die Preise überwälzt. Auf den langen Strecken, wo der ZVV gegenüber dem Individualverkehr deutlich wettbewerbsfähiger ist, werden die Aufschläge überdurchschnittlich hoch sein. Insgesamt sollen die Tarife gemäss Strategiebericht künftig alle zwei Jahren angepasst werden.