Empfindliche Berufsleute
19. August 2006, 06:57Zürichs neuer Schulvorstand Gerold Lauber (CVP) hat es sich erlaubt, die Lehrpersonen sanft zu kritisieren. Die Reaktionen waren heftig. Heftiger als nötig.
Von Roger Keller
Zürich. - Was haben Ärzte, Polizisten und Lehrer gemeinsam? Sie sind bei ihrer Arbeit nicht nur fachliche Autoritäten - sie sind es auch kraft ihrer beruflichen Position. Oder richtiger: Sie waren es einmal. Alle waren sie jahrzehntelang unangefochten, gesellschaftlich hoch geachtet und respektiert. Heute sind sie es nicht mehr derart uneingeschränkt: Sie werden in ihrer Arbeit genauso in Frage gestellt wie andere auch. Geblieben ist ihnen ein Erbe, das bei anderen Berufsleuten nicht derart ausgeprägt ist: ein seltsamer Umgang mit Kritik von aussen an der eigenen Arbeit. Nur schon Vorbehalte werden reflexartig als Äusserungen von nicht Sachverständigen abgekanzelt und als Angriff auf den gesamten Berufsstand interpretiert.
Am ausgeprägtesten ist das Unvermögen, mit Kritik von aussen umzugehen, bei den Lehrerinnen und Lehrern: Ein kritisches Wort genügt, und es erschallt ein Aufschrei der Empörung. Das war beim früheren Zürcher Schulvorstand Hans Wehrli der Fall, als dieser behauptete, zehn Prozent der Lehrpersonen seien «faule Eier». Und als Gerold Lauber diese Woche sagte, die Lehrpersonen seien laut seinen ersten Eindrücken als neuer Schulvorstand «zum Teil träge» und «wahnsinnig defensiv», kam die Reaktion ebenso prompt. Die Kritik wird als Verunglimpfung empfunden und rundweg zurückgewiesen.
Der Verband der Zürcher Lehrerinnen und Lehrer (ZLV) hielt es jedenfalls für nötig, sich zu «wehren». Er sprach von einer «plakativen Verallgemeinerung», der sich Lauber bedient habe. Bloss: Wie hätte sich Lauber sonst äussern sollen, wenn er kritisieren will? Bezeichnend ist, dass dem ZLV auf die Kritik nichts Gescheiteres eingefallen ist, als just das zu tun, was er selber Lauber vorwarf - zu verallgemeinern: Während Lauber die Kritik nur auf einen Teil des Lehrpersonals bezogen und auch gesagt hatte, die Volksschule sei besser als ihr Ruf, behauptete der ZLV, alle seine Mitglieder seien weder träge noch defensiv, sondern «fortschrittlich» und «immer» zu konstruktiver Mitarbeit bereit. Das ist ein Unsinn.
Die immer anspruchsvollere Arbeit und das grosse Engagement der meisten Lehrpersonen in grossen Ehren - aber es ist nicht einzusehen, weshalb es beim Lehrpersonal, genauso wie anderswo, nicht ebenfalls Berufsleute geben soll, die den Anforderungen nur schlecht genügen oder sich zu passiv verhalten. Die Praxis belegt das ja auch immer wieder. Das ist für den gesamten Berufsstand, auch bei hohen Ansprüchen an sich selber, noch lange nicht ehrenrührig. Realitätsfremd und wenig glaubwürdig ist es aber, entsprechende Kritik partout in Abrede zu stellen. Dies ist Ausdruck des Abwehrkampfs des Lehrpersonals gegen seinen Verlust an beruflicher und gesellschaftlicher Autorität. Stoppen lässt er sich so nicht.
Wie reflexartig diese Abwehrmechanismen bei den Lehrpersonen sind, zeigte sich unlängst auch während der Fussball-WM. Als TV-Reporter Bernard Thurnheer den Spruch platzierte, für die Kopfverletzung von Senderos genüge ein Handarbeitslehrer nicht mehr, sondern es müsse ein richtiger Arzt her, reagierte der Dachverband der Schweizer Lehrpersonen geharnischt. Damit habe Thurnheer, so der Verband allen Ernstes und mit trostloser Humorlosigkeit, «die Würde eines ganzen Berufsstandes verletzt». Pikant: Im gleichen Communiqué, in welchem der Dachverband dem TV-Reporter «sprachliche Unbeholfenheit» vorwarf und eine «gelbe Karte» austeilte, leistete er sich selber zwei orthografische Fehler.
Kontraproduktive Reaktion
Fehlerlos ist niemand. Und ausschliesslich Helden gibt es in keiner Berufsgattung. Bei den Lehrpersonen nicht und selbstverständlich auch bei den Journalisten nicht. Diesen käme es allerdings nie in den Sinn, bei jeder Kritik an «den Medien» kollektiv aufzuschreien. Stärke und Glaubwürdigkeit markiert eben auch, wer eine Kritik einmal stehen lassen kann, selbst wenn sie zunächst als zu pauschal erscheint. Würden sich das die Lehrpersonen und vor allem ihre Verbände eingestehen, wäre ihnen viel geholfen. Dann hätten sie auch sagen können, man teile den Eindruck von Gerold Lauber als Newcomer im Schulwesen zwar nicht, aber gerade weil er einen unbeeinflussten Blick von aussen habe, nehme man seine Eindrücke ernst und wolle mehr wissen. Abwehrreaktionen wie jene der Lehrerverbände hingegen verstärken nur den Eindruck, dass jemand einen wunden Punkt getroffen hat.
Zürich
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