Zürich

47 000 dürfen stark gestört werden

25. August 2006, 17:44

Die Experten haben getagt und gestritten – und sich auf einen Index geeinigt, an dem sich der Flughafen Zürich ausrichten soll. Regierungsrätin Rita Fuhrer geht damit nun auf Tournee.

Von Roger Keller

Zürich. – Mit dem neu geschaffenen Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) will der Regierungsrat die Volksinitiative bodigen, die den Flugbetrieb in Kloten auf 250 000 Bewegungen einzuschränken versucht und neun Stunden Nachtruhe verlangt. Der ZFI ist das Kernstück eines Gegenvorschlags, den Volkswirtschaftsdirektorin Rita Fuhrer (SVP) im Januar angekündigt und gestern Donnerstag konkretisiert hat. «Eine weitere Pionierleistung in der Lärmbekämpfung am Flughafen», sagte die Regierungsrätin. Der Gegenvorschlag soll spätestens 2008 mit der Plafonierungsinitiative vors Volk kommen.

Mit dem ZFI will Rita Fuhrer die verfuhrwerkte Diskussion entkrampfen und einen konstruktiven Lösungsvorschlag präsentieren. Nicht die Bewegungen, sondern die Zahl der vom Fluglärm betroffenen Menschen sei «das wichtigste Kriterium», sagte sie. Der ZFI ist ein fixer Richtwert: Maximal 47 000 Menschen dürfen, so die Vorgabe, durch den Fluglärm stark gestört sein. Der effektive Wert wird jedes Jahr neu berechnet. Ergibt die Rechnung, dass mehr als 47 000 Menschen stark gestört werden, muss der Kanton mit den Behörden des Bundes, des Kantons und der Gemeinden sowie mit dem Flughafen nach Massnahmen suchen, damit der Index wieder in den grünen Bereich kommt.

Keine Umfrage, sondern Berechnung

Der ZFI gründet auf einer komplexen Formel, welche die Flugbewegungen, die Bevölkerungszahl, den Flottenmix sowie die An- und Abflugrouten berücksichtigt. Acht verwaltungsexterne Experten haben sich nach intensiven Gesprächen auf diesen Kompromiss geeinigt. Der ZFI eigne sich als politische Leitgrösse gut, weil er das subjektive Lärmempfinden der Bevölkerung wiedergebe, sagte der vom Regierungsrat beauftragte Lärmfachmann Robert Hofmann. So ist berücksichtigt, dass die Stunden von 6 bis 7 und von 21 bis 22 Uhr als empfindliche Zeit gelten; sie wurden daher stärker gewichtet.

Die Haltung der Bevölkerung zum Fluglärm basiert nicht auf einer Umfrage, sondern auf einer Berechnungsformel des Holländers Henk M.E. Miedema, der 20 Fluglärmstudien aus westlichen Ländern ausgewertet hat. Zudem haben die Experten eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt beigezogen, die das Schlafverhalten von 64 Personen rund um den Flughafen Köln-Bonn erforscht hat. Schliesslich berücksichtigt der ZFI auch das von individuellen Haltungen abhängige persönliche Empfinden: Einzelne fühlen sich schon stark gestört, obwohl der Immissionsgrenzwert nicht erreicht wird, anderen machen die Überflüge nichts aus, obwohl dieser Wert überschritten wird. Erst bei Belastungen von 47 Dezibel tagsüber und 37 Dezibel nachts wird keine starke Störung mehr angenommen. Diese Werte liegen aber unter dem Planungswert der Lärmschutzverordnung.

Der ZFI ist eine mathematische Schätzung der Zahl stark belästigter und stark im Schlaf gestörter Menschen. Wichtig ist, auf welchen Ausgangswerten der ZFI beruht. Bei der Bevölkerungszahl geht er vom Jahr 2000 aus (Volkszählung). Weil die Bevölkerung seither zugenommen hat, wirkt sich dies leicht zu Ungunsten des Flughafens aus, wenn künftig aktuelle Zahlen verwendet werden müssen. Vorteilhafter fährt der Flughafen hingegen bei den Flugbewegungen, wo ebenfalls das Jahr 2000 die Basis bildet. Damals registrierte Kloten 325 000 Bewegungen – letztes Jahr nur 267 000. Der Regierungsrat betont, er wolle dem Flughafen zu Gunsten eines florierenden Wirtschaftsraumes Zürich einen «massvollen Entwicklungsspielraum» gewähren. Für den Flottenmix sowie die An- und Abflugrouten gelten die Verhältnisse von 2004 als Basis, bei der Nachtsperrordnung sieben Stunden.

325 000 Bewegungen gut möglich

Auf Grund dieser Zahlen kam die Regierung für 2004 auf den Richtwert von maximal 47 000 stark gestörten Personen. Das sind 22 Prozent weniger als im Jahr 2000. Aber die Zahl von 2004 rechnet bereits wieder mit 325 000 Bewegungen. Berücksichtigt man die wirkliche Bewegungszahl, lag der Wert gar 37 Prozent unter der Vorgabe. Das bedeutet: Dem Flughafen steht bei den Bewegungen noch ein beträchtlicher Spielraum offen. Gerät der ZFI dennoch in die rote Zone, muss der zu einer jährlichen Berichterstattung verpflichtete Regierungsrat etwas unternehmen.

Dabei sind ihm allerdings, wie er selber einräumt, «Grenzen gesetzt», weil in erster Linie der Bund für die Luftfahrt zuständig ist. Die Regierung hat mit ihren drei Vertretern im Verwaltungsrat der Flughafenbetreiberin Unique jedoch eine Sperrminorität, wenn es um Änderungen des Betriebsreglementes oder andere lärmrelevante Fragen geht. Das sei ein «starkes Instrument», schreibt die Regierung. Um Vertrauen zu schaffen, wird Rita Fuhrer im September an zehn oder mehr Orten im Kanton auftreten und den Index erklären. Bis jetzt sei die «Bereitschaft gross, sich darauf einzulassen», sagte sie: «Das reicht mir fürs Erste vollkommen.»

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