Zürich

Weshalb der Index ist, wie er ist

26. August 2006, 17:52

Der Zürcher Fluglärm-Index gibt zu reden. Kritiker sagen, er verharmlose den Ärger in der Bevölkerung – es fühlten sich mehr gestört als angegeben.

Von Roger Keller

Zürich. – Die mathematische Formel für den ZFI, den neu geschaffenen Zürcher Fluglärm-Index, ist nicht nur für jene Leute ein Schreckgespenst, die in der Schule einen Fensterplatz hatten. Nur wenige Spezialisten verstehen diese Ansammlung von mathematischen Operationen und Abkürzungen. Mathematisch nachvollziehbar ist der Index für die allermeisten somit nicht. Auch Regierungsrätin Rita Fuhrer (SVP) kann den Index nicht herleiten, wie sie freimütig einräumt. Das ist aber auch nicht nötig: Wichtiger ist, dass sie der Bevölkerung in den nächsten Wochen plausibel erklären kann, wie der ZFI im Prinzip funktioniert und weshalb ein Index das bessere Mittel zur Lärmreduktion ist als ein Bewegungsplafonds.

Die Volkswirtschaftsdirektorin wird dabei aber auch auf Fragen eine Antwort geben müssen, die sich aus dem Index ableiten lassen. So haben die Berechnungen und mathematischen Schätzungen der Akustiker ergeben, dass sich im Jahr 2000 – mit 325 000 Bewegungen das Rekordjahr in Kloten – 60 000 Personen durch den Fluglärm stark belästigt fühlten. 2004 – nach dem weltweiten Einbruch im Fluggeschäft und dem Swissair-Grounding – waren es laut der Formel nur noch 38 000 Personen (bei 267 000 Bewegungen).

Hätte es 2004 bereits wieder 325 000 Bewegungen gegeben, wären laut ZFI trotz der inzwischen eingeführten Südanflüge 47 000 Personen stark belästigt gewesen. Woher rührt – bei konstanter Bewegungszahl gegenüber dem Jahr 2000 – die Differenz zwischen den 60 000 und jenen 47 000 Personen, die nun den Richtwert für die Zukunft abgeben? Der Akustiker Robert Hofmann hat der Regierung den Vorschlag für einen Index gemacht und war an der Ausarbeitung in einem Expertengremium beteiligt. Er nimmt Stellung.

2004 sollen nur 38 000 Personen vom Fluglärm stark belästigt gewesen sein. Allein Schwamendingen und Opfikon haben zusammen aber rund 40 000 Einwohner. Wie erklären Sie das?

Das rührt zu einem schönen Teil von der Definition her. Bei Befragungen legt man den Leuten eine Skala vor, die von 0 bis 10 reicht. Und da gibt es eine internationale Übereinkunft, dass man nur die Werte 8, 9 und 10 als «starke Belästigung» definiert. Das heisst, dass es auch Leute gibt, die sich ziemlich belästigt fühlen und dies mit einer 7 oder 6 benoten. Diese Leute gibt es überall, aber sie werden nicht gezählt. Neben diesen 38 000 gibt es also nochmals so viele oder noch mehr, die sich mittelstark oder schwach belästigt fühlen.

Zwischen 2000 und 2004 ist die Zahl der stark Belästigten massiv gesunken – trotz der in dieser Zeit eingeführten Südanflüge. Warum?

Das ist zum einen der grosse Rückgang der Bewegungszahl, der dies ausmacht. Aber auch der Flottenmix: Im Jahr 2000 gab es noch viele MD-11 und auch mehr Jumbos als heute, also sehr laute Flugzeugtypen – deutlich lautere als heute. Aus eigenem Erleben kann ich sagen, dass mir als Walliseller das Jahr 2000 an die Nieren gegangen ist. Heute erachte ich den Fluglärm zwar auch nicht als angenehm, aber doch als tolerierbar. Ich wohne allerdings nicht direkt unter der Schneise der Südanflüge.

Aber die Südanflüge haben die Belastung doch breiter gestreut. Ist der starke Rückgang auch unter diesem Aspekt plausibel?

Die von den Südanflügen betroffenen Gemeinden sind nicht derart bevölkerungsreich. Und es handelt sich um Landungen, nicht um Starts, die deutlich lauter sind und deshalb stärker gewertet werden. Was Sie als öffentliche Reaktion erhalten, ist zudem erheblich durch nicht akustische Faktoren beeinflusst, also durch die öffentliche Diskussion und die Bürgerinitiativen. Hinzu kommt, dass zwar die erste Morgenstunde besonders gewichtet ist, die beiden folgenden Stunden am Wochenende aber nicht. Im Übrigen gibt es auch Gegenden im Norden des Flughafens, die von der Verlagerung der Landungen profitieren. Das alles drückt sich in der Summe natürlich auch aus.

Werten die verwendeten Untersuchungen das Empfinden der neu überflogenen Bevölkerung wirklich richtig?

Diese Leute sind berücksichtigt. Es ist aber eine Erfahrung der Lärmwirkungsforschung, dass die Reaktion bei einer Neubelastung überschiesst. Wir haben diese Reaktion daher aus dem Spiel gelassen. Es wüsste auch niemand, wie man diese gewichten müsste. Aber die niederländische Studie, die wir für den ZFI herangezogen haben, basiert doch auf 20 internationalen Untersuchungen und ist somit trotzdem ein guter Indikator. Schliesslich müssen Sie auch sehen: Was wir gemacht haben, ist eine Hochrechnung, die nie dem entspricht, was Sie aus der Zeitung herauslesen können. Ein solcher Index kann die momentane Volksmeinung nicht wiedergeben. Dennoch kommt der Index näher an die Wirklichkeit heran als alles Bisherige; die Belästigung der Bevölkerung war bisher nirgends einberechnet. Auch wenn der ZFI heute noch verbesserungsfähig sein sollte, ist er doch ein guter und innovativer Schritt in die richtige Richtung.

Weshalb basiert der Richtwert von 47 000 Personen, die maximal belästigt werden dürfen, bereits wieder auf 325 000 Bewegungen wie im Rekordjahr 2000?

Das ist ein politischer Entscheid des Regierungsrates, der den Ausgangswert festgelegt hat. Wir Akustiker haben nur aufgezeigt, wie man den Index berechnet.

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