Zürich

Tierisches aus Weders Schattenreich

13. September 2006, 13:58

Ein teures Gerät hat dem Tierspital zu internationalem Ruf verholfen. Intrigen haben dem Projekt den Todesstoss versetzt. Bericht aus einer dunklen Ecke der Zürcher Universität.

Von René Staubli

Zürich. – Die Stimmung war feierlich an jenem 1. Februar 2000. Bildungsdirektor Ernst Buschor hatte das Vergnügen, am Zürcher Tierspital den ersten Linearbeschleuniger Europas zur Bestrahlung krebskranker Hunde und Katzen einzuweihen. Eine Millionenspende der betagten Zürcherin Marie-Louise von Muralt hatte die Anschaffung ermöglicht. Buschor sagte stolz, der Linearbeschleuniger stehe «für den Erfolg und den Stellenwert der Zürcher Veterinärmedizin».

Heute zeugt das Hightechgerät eher für die Mühen der Universitätsleitung, mit Konflikten umzugehen. Seit Juni steht der Linearbeschleuniger still. Unter Protest gekündigt hat die Professorin Barbara Kaser-Hotz, die das Bestrahlungszentrum in zehnjähriger Arbeit aufgebaut hatte. Wie es zum Zusammenbruch dieser weltweit anerkannten Abteilung kommen konnte, will die Geschäftsprüfungskommission des Kantonsrats (GPK) untersuchen. Nach dem Exkurs ins Uni-Spital taucht die GPK damit schon zum zweiten Mal in diesem Jahr ins Schattenreich von Uni-Rektor Hans Weder ein. Dort wird sie auf eine fast unglaubliche Geschichte stossen.

Prächtiger Umsatzgenerator

1990 trat Barbara Kaser als Oberassistentin in die Röntgenabteilung des Tierspitals ein und machte Karriere. 2001 wurde die damals 42-Jährige, nunmehr verheiratete Kaser-Hotz, zur ausserordentlichen Professorin für Radiologie und Radio-Onkologie ernannt, zwei Jahre später zur ordentlichen Professorin. Dank ihrem profunden Wissen und ihrem Geschick, Sponsoren zu finden, erhielt das Tierspital zunächst einen Computertomografen und dann den Linearbeschleuniger, eine tonnenschwere Occasion im Wert von zwei Millionen Franken.

Die Honorarumsätze mit der Strahlenkanone entwickelten sich prächtig. Die Radio-Onkologie zeugte als Aushängeschild des Tierspitals von der Fortschrittlichkeit der Fakultät. Allmählich wurde das Hightechgerät aber immer anfälliger auf Defekte, weshalb Kaser-Hotz bei der Uni-Leitung frühzeitig das Thema Neubeschaffung lancierte. Allerdings vergeblich. Mit der Folge, dass im Frühjahr 2005 ein bekannter Kunde – André Kudelski von der gleichnamigen Genfer Hightechfirma – 9000 Franken für ein Ersatzteil spendete, damit sein Hund bestrahlt werden konnte. Kudelski war entsetzt, «dass die beste Schweizer Universität nicht in der Lage ist, ihre Geräte zu unterhalten».

Was Kudelski nicht wusste: Längst spielte sich rund um die Beschaffung des Ersatzgeräts ein grotesker Machtkampf ab. Kaser hatte mit der Lieferfirma eine ausserordentlich günstige, auf Ende September 2005 befristete Offerte für etwas weniger als eine Million Franken ausgehandelt. Die Finanzierung war über die Muralt-Stiftung weit gehend gesichert. Doch die Uni-Leitung legte sich quer und wollte über die Bestellung erst Ende Oktober entscheiden, also nach Ablauf der Offerte.

Über diesen Entscheid setzte sich Professor Jörg Auer, Interimsvorsitzender der Klinikdirektorenkonferenz des Tierspitals, hinweg, weil er das endgültige Aus für die Abteilung Radio-Onkologie befürchtete. Er bestellte am 30. September den Linearbeschleuniger auf eigene Faust, allerdings «mit mündlicher Unterstützung des Dekans und eines Mitglieds der Universitätsleitung», wie er angibt. Davon wollten die beiden kurz darauf freilich nichts mehr wissen. Worauf Rektor Weder den Auftrag widerrief.

In den nächsten Monaten brachte Kaser-Hotz die Lieferfirma mehrmals dazu, ihre Offerte zu verlängern. Die Universitätsleitung aber zögerte den Entscheid stets hinaus und liess die Fristen verstreichen. Kaser-Hotz drängte Uni-Rektor Weder und Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) in Briefen, ihr das unverzichtbare Arbeitsinstrument zur Verfügung zu stellen. Vergeblich. Schliesslich hielt sie dem Druck nicht mehr stand und musste sich zu 50 Prozent krankschreiben lassen. Am 23. Dezember 2005, als die letzte Offertfrist definitiv verfiel, kündigte sie ihre Stelle.

Neid und Intrigen

Wie konnte es dazu kommen? Recherchen des TA zeigen, dass Neid und Intrigen eine wichtige Rolle spielten.

  • Neid: Der unbestreitbare Erfolg von Kaser-Hotz soll bei etlichen Professoren an der Universität Neid ausgelöst haben. Tatsache ist, dass die Professorin – als Frau und Mutter – mit dem riesigen Hightechgerät umzugehen wusste, einen der umsatzstärksten Lehrstühle an der Uni managte, für ihre Arbeit internationale Anerkennung erhielt und über die Jahre Millionen an Sponsorengeldern beschaffte. Frauenkreise am Tierspital gehen davon aus, dass ihr der Linearbeschleuniger vorenthalten wurde, um dieser Erfolgsgeschichte ein Ende zu setzen.
  • Intrigen: Das Betriebsklima in der Kleintierklinik war seit Jahren gestört. Immer wieder kam es zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen der Leitung und dem Lehrpersonal. Rektor Weder sagte öffentlich, ein Linearbeschleuniger werde erst wieder angeschafft, «wenn Ruhe in der Klinik eingekehrt» sei. Die Verweigerung des Geräts wäre demnach eine Erziehungsmassnahme gewesen.
Die Rolle der Professorin

Kaser-Hotz war in dieser Auseinandersetzung eine zentrale Figur. Wenige Jahre nach ihrem Eintritt ins Tierspital hatte sie ihren früheren Vorgesetzten F. überflügelt. In der Folge fühlte sie sich von ihm belästigt, auch sexuell, insbesondere während ihrer Schwangerschaft im Jahr 1996. Sanktionen gab es keine. Im folgenden Jahr erhob eine andere Angestellte ebenfalls Klagen gegen F. wegen sexueller Belästigung. Diesmal kassierte er einen schriftlichen Verweis.

Sieben Jahre später wurde F. trotz diesem Verweis zum Titularprofessor befördert. Derweil sollte einer Privatdozentin die Beförderung verwehrt werden – mit der Begründung, sie habe einen Verweis in ihrer Akte. Kaser-Hotz beklagte die Ungerechtigkeit im Mai 2004 in einem Brief an den Dekan und brachte die alte, offenbar unbewältigte Geschichte mit F. erneut aufs Tapet. Der Dekan gab das Schreiben an die Uni-Leitung weiter, aber auch innerhalb der Fakultät. Daraufhin beauftragte Weder eine externe Anwältin, die Vorwürfe abzuklären, während F. gegen Kaser-Hotz wegen Persönlichkeitsverletzung klagte. Dabei stellte sich heraus, dass der Verweis aus der Personalakte von F. verschwunden war. Ein Vorgesetzter hatte ihn nach einem Jahr klammheimlich entfernt.

  • Am 19. Oktober 2004 beschloss die Uni-Leitung, Kaser-Hotz den grösseren Teil ihres Lehrstuhls, die Bildgebende Diagnostik, zu entziehen. Die Leitung sollte F. übernehmen. Kaser-Hotz sollte nur die Radio-Onkologie behalten (die Massnahme wurde allerdings nie umgesetzt).
  • Weder ordnete sodann eine interne Untersuchung zum Zustand der Kleintierklinik an. Den Bericht hält er bis heute unter Verschluss. Nicht einmal die direkt Beteiligten haben volle Einsicht erhalten.
  • Ende Juni 2005 kam die erwähnte externe Anwältin zum Schluss, es gebe «keine aktuellen konkreten Hinweise für sexuelle Belästigungen oder allenfalls sexuelle Gewalt» in der Klinik. Allenfalls könne man von «verbalen Belästigungen» reden. Welchen Massstab sie anlegte, zeigt Folgendes: Seinen Verweis hatte F. erhalten, weil er eine schwangere Praxishelferin, die über Rückenschmerzen klagte, von hinten um den Bauch gefasst haben soll. Die Anwältin kam zum Schluss, F. habe der Frau lediglich in ungeschickter Weise die Rückenschmerzen erleichtern wollen.

In dieses zunehmend aufgeladene Betriebsklima fiel die geplante Ersetzung des Linearbeschleunigers.

Heute sagt Weder, die Vorkommnisse an der Kleintierklinik hätten keinen Einfluss auf die Evaluation des Linearbeschleunigers gehabt. Bei der Beschaffung müssten «die geltenden Regeln eingehalten werden». Mit der (Wieder-)Beschaffung lege man sich auf Jahre hinaus «sowohl in wissenschaftlicher als auch in finanzieller Hinsicht fest». Darum müsse man solche Entscheide gut abstützen, was längere Zeit in Anspruch nehme.

Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) sagt, die Auseinandersetzungen am Tierspital hätten sie als Präsidentin des Universitätsrates «längere Zeit beschäftigt». Ihre Aufgabe bestehe aber nicht darin, der Uni-Leitung Vorgaben zu machen, welche Massnahmen sie im Einzelnen zu treffen habe – «weder in personeller Hinsicht noch in Fragen der Anschaffung von Geräten». Sie müsse darüber wachen, «dass die Leitung der Uni und der Fakultäten den Lehr- und Forschungsbetrieb gewährleistet». Das habe sie in Rücksprache mit dem Rektor gemacht. Dem widerspricht Bibiane Egg, die Anwältin von Kaser-Hotz: «Die Kündigung meiner Mandantin erfolgte, weil ihr der Ersatz ihres zentralen Arbeitsgeräts verweigert und die Forschung verunmöglicht wurde.»

Harte Kritik an Weder und Aeppli

Zwischenzeitlich hat Kaser-Hotz Unterstützung erhalten. So wandte sich der Berner Professor und Radiologe Johann Lang in einem Brief an den Zürcher Universitätsrat. Lang schrieb, mit der Kündigung Kasers verliere die Fakultät «eine der wenigen klinischen Einheiten, die das Ziel von Vetsuisse, nämlich zu den 10 Besten der Welt zu gehören, schon längst geschafft hat». Die Affäre werfe «ein äusserst schiefes Licht auf die Leistung der Vetsuisse-Fakultätsleitung wie auch der Zürcher Universitätsleitung im Bereich Konflikt- und Krisenmanagement». Lang fragte: «Wird da mit Arbeitsgeräten Personalpolitik gemacht?»

Ein Scherbenhaufen

Die Bilanz ist tatsächlich ernüchternd: Die Zürcher Universität hat eine weltweit anerkannte Klinik samt leitender Professorin verloren. Mittlerweile hat auch der 58-jährige F. das Tierspital verlassen. Er sei «altershalber entlassen» worden, heisst es beim Rechtsdienst der Universität. Mindestens zwölf Angestellte der Radio-Onkologie bangen um ihren Job.

Eine parlamentarische Anfrage von SVP-Kantonsrat Matthias Hauser (Hüntwangen) beantwortete die Regierung am 5. April 2006 wie folgt: Die Universitätsleitung habe «das Mögliche unternommen, um die Unstimmigkeiten zu beseitigen». Der Geschäftsprüfungskommission des Kantonsrats geht Kontrolle über Vertrauen. Sie will den Scherbenhaufen genauer untersuchen.

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