Mehr Täter, mehr Anzeigen
27. September 2006, 13:54Innert 20 Jahren hat sich in den Zürcher Jugendanwaltschaften die Zahl der Dossiers verdoppelt. Auch die Polizei spricht von zunehmender Jugendgewalt. Wird die Jugend krimineller?
Zürich. – 1985 eröffneten die Zürcher Jugendanwaltschaften 3036 neue Dossiers. 20 Jahre später sind es fast doppelt so viele: 5865. Ein Dossier umfasst jeweils einen Haupttäter unter 18 Jahren, der eine oder mehrere Straftaten begangen hat. Der Blick in die Kriminalstatistik des Bundesamtes für Polizei und in jene des Kantons Zürich (Krista) zeigt ein ähnliches Bild: Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen bei den Delikten Körperverletzung, Raub, Drohung, Nötigung und Erpressung ist in den letzten 25 Jahren markant gestiegen.
Experten sind sich uneins
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache – scheint es. Doch so extrem wie die Zunahme ist die Uneinigkeit der Fachleute, wenn es um die Begründung für den Anstieg geht. Ergebnisse von Studien gehen diametral auseinander. So schreibt der in Zürich und Cambridge lehrende Soziologe und Kriminologe Manuel Eisner in seiner im Mai 2006 im Auftrag der Eidgenössischen Ausländerkommission vorgestellten Studie «Prävention von Gewalt bei Jugendlichen», dass Jugendgewalt in den letzten 10 bis 15 Jahren nicht massiv zugenommen hat. Er begründet den statistischen Anstieg zu einem wesentlichen Teil mit der erhöhten Bereitschaft von Opfern, Anzeige zu erstatten. Auch würde die Polizei solche Fälle vermehrt registrieren.
Ganz anders sieht das der Lausanner Strafrechtsprofessor und Kriminologe Martin Killias. Er glaubt an einen effektiven Anstieg der jugendlichen Gewalt. In einem Interview mit der «Weltwoche» vom Dezember 2004 sagte er, dass Körperverletzungen und Raubtaten seit den Achtzigerjahren überall in Europa massiv zunehmen. Damit verbunden sei eine starke Zunahme der Jugendkriminalität in der Schweiz und anderswo.
Was ist Fakt, was Einschätzung? Unbestritten ist: Das Anzeigeverhalten hat sich gegenüber früher stark verändert. Dies bestätigt Marcel Suter, Chef der Spezialabteilung 2 der Kantonspolizei Zürich, der sich seit Jahren mit Jugendkriminalität befasst ebenso wie Rolf Weilenmann, Dienstchef Jugenddienst. Gleiche Erfahrungen macht auch der Horgner Jugendanwalt Hansueli Gürber. Alle drei haben in ihrer langjährigen Praxis festgestellt, dass heute häufiger und schneller angezeigt wird als noch vor 20 Jahren.
Wegen Ohrfeige zur Polizei
Das neue Anzeigeverhalten hat sich in den Statistiken vor allem bei «leichteren» Delikten wie Tätlichkeiten, Drohungen oder einfachen Körperverletzungen niedergeschlagen. «Bekam früher ein Jugendlicher von einem anderen eine Ohrfeige, wären die Eltern nie auf die Idee gekommen, deshalb zur Polizei zu gehen», macht Gürber ein Beispiel. Eine zwiespältige Entwicklung: Der Jugendanwalt ist der Meinung, dass eine Konfliktlösung zwischen den Jugendlichen und/oder deren Eltern stattfinden sollte. Ohne Beizug der Polizei. Aber nur, wenn es sich um einen einmaligen Zwischenfall handelt. «Wird Gewalt aber systematisch, wiederholt sie sich, und richtet sie sich auf die gleiche Person, muss Anzeige erstattet werden.»
Die Fachleute sind aber überzeugt, dass neben der Bereitschaft, zur Polizei zu gehen, auch die Gewaltbereitschaft gestiegen ist und die Jugendlichen vermehrt und schneller zuschlagen. «Das Tabu, das in den 70er- und 80er-Jahren gegenüber Gewalt bestand, ist gebrochen», sagt Hansueli Gürber. Zu einem grossen Teil macht er die zunehmenden Gewaltdarstellungen im Fernsehen und in anderen Medien mitverantwortlich. Aber auch der Umstand, dass nach dem Balkankrieg viele Jugendliche mit einer anderen «Gewaltkultur» in die Schweiz gekommen seien, habe den Trend verstärkt.
In den letzten Jahrzehnten haben Experten im Kanton Zürich bei der Jugendkriminalität folgende Veränderungen beobachtet:
- Die Entreissdiebstähle sind massiv zurückgegangen. Der Grund: Seit der Schliessung des Letten ist die Zahl der jungen Heroinsüchtigen stark gesunken. Der Entreissdiebstahl, eine Art der klassischen Beschaffungskriminalität, ist dadurch fast ganz verschwunden. Betroffen von den Entreissdiebstählen waren
- Heute werden vor allem Jugendliche Opfer von Jugendgewalt: Stark zugenommen hat in den letzten Jahren das so genannte Ausnehmen, bei dem die jungen Täter ihren Opfern drohen und manchmal Gewalt anwenden, um sie auszurauben. Jugendliche, die beraubt werden, gehen oft nicht zur Polizei. Sie fürchten weitere Repressalien der Täter. Auch scheint sich ein Teil der Jugendlichen mit solchen Übergriffen abgefunden zu haben. Übergriffe, deren Ziel die Beschaffung von Geld, Handys oder iPods ist. Häufig laufen die Taten schnell und gewaltlos ab.
- Stark zugenommen haben die Delikte gegen Leib und Leben. Darunter fallen: Körperverletzungen, Tätlichkeiten, Raufhandel und Angriff. 1985 machten diese Arten von Delikten gemäss der Statistik der Jugendanwaltschaften noch 2 Prozent aller Fälle aus, 2005 waren es bereits 8 Prozent. Schwere Körperverletzung macht allerdings nur einen kleinen Teil davon aus. Zugenommen haben vor allem Tätlichkeiten und leichtere Körperverletzungen. Auch die Anzeigen wegen Drohungen steigen seit den 80er-Jahren stark.
- Verglichen mit anderen Delikten ist die Zahl der Sexualdelikte seit Jahrzehnten tief. Sie macht bei den Jugendanwaltschaften rund 1 Prozent aller Verfahren aus. Dass die effektiven Zahlen in den Jahren 2003/04 plötzlich markant gestiegen und dann wieder gesunken sind, führen die Fachleute auf die öffentliche Diskussion über Kindsmissbrauch und die Sensibilisierung der Bevölkerung zurück.
- Alkohol spielt in der Jugendkriminalität eine immer grössere Rolle. Zwar ist schon früher viel getrunken worden, aber heute haben die Jugendlichen durch das so genannte Kampftrinken häufig einen sehr hohen Alkoholspiegel. Alkohol verstärkt die Aggressionen.
- Die Zahl der kriminellen Mädchen ist in den letzten Jahren leicht gestiegen. Im Jahr 2005 waren sie für etwa jedes fünfte Delikt verantwortlich. Typische Mädchendelikte sind Ladendiebstahl und Vermögensdelikte. Auffällig ist, dass Mädchen unter 13 Jahren kaum straffällig werden. Wenn, dann werden sie erst in der Pubertät kriminell.
Nur wenige Wiederholungstäter
Die Kriminalität von erwachsenen Personen hat im Kanton Zürich 2005 im Vergleich zum Vorjahr um rund 8 Prozent abgenommen. Anders die Jugendkriminalität: Sie ist um über 9 Prozent gestiegen (Krista 2005). Laut ersten Zahlen für das laufende Jahr wird sich an diesem Aufwärtstrend nichts ändern. Die Zahlen der Kantonspolizei für das erste Quartal zeigen nochmals wesentlich mehr Tatverdächtige bei Delikten wie Nötigung oder solchen gegen Leib und Leben.
Bei den Jugendanwaltschaften sind die Zahlen tiefer. Das liegt laut Hansueli Gürber daran, dass nur jene Fälle zu den Jugendanwaltschaften gelangen, bei denen die Polizei dem Tatverdächtigen auch wirklich eine Tat nachweisen kann. Ausserdem, so Gürber, ziehen Opfer den Strafantrag oft zurück. Die Jugendanwaltschaften melden, dass die Zahl der verurteilten Täter 2005 weniger stark angestiegen ist als in den Vorjahren. In diesem Jahr zeigen erste Trends sogar einen Rückgang der absoluten Zahlen.
Warum die Trends bei Kantonspolizei und Jugendanwaltschaft auseinander gehen, ist für die Experten schwierig zu beurteilen. Ebenso schwierig wie die Frage, in welchem Mass das veränderte Anzeigeverhalten oder eine effektiv höhere Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen zu einem Anstieg der Statistiken führt.
Sicher ist aber, dass es nur wenige Jugendliche gibt, die immer wieder erwischt und verurteilt werden. In der Stadt schätzt die Polizei die Zahl der so genannten Intensivtäter auf 20 bis 30. Der grosse Rest der Jugendlichen kommt ein-, vielleicht zweimal mit dem Gesetz in Konflikt. «Aus jugendlicher Dummheit», wie es Gürber nennt.
Die fehlende Perspektive ist laut den Fachleuten der häufigste Hintergrund von Delikten – bei Schweizern wie bei Ausländern. Auch Rolf Weilenmann macht diese Beobachtung. «Die meisten haben keine Arbeit, keine Lehrstelle, keinen Rückhalt in der Familie – die soziale Kontrolle fehlt.» Sobald sie eine Arbeit hätten, würden sie keine Delikte mehr begehen. Gürber: «Je mehr Jugendliche keine Perspektive haben, je mehr rutschen in die Kriminalität ab.»%perl>
Warum Ausländer gewalttätiger sind
Zürich. Ein Blick in die Statistiken zeigt: Ein Grossteil der schweren Gewaltdelikte, die von Jugendlichen verübt werden, geht auf das Konto von Ausländern: zwischen 47 und 62 Prozent je nach Deliktart. Die Kantonspolizei wie auch die Jugendanwaltschaft geben an, dass mit dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien eine grosse Zahl schwer integrierbarer Jugendlicher in die Schweiz kam. Viele von ihnen seien mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. In der Statistik ist dies am Aufwärtstrend Anfang der 90er-Jahre zu erkennen, bei Delikten wie Raub, Drohungen und Tätlichkeiten.
Die statistische Aufteilung in Schweizer und ausländische Täter halten viele Fachleute allerdings für nicht sehr aussagekräftig. Denn ausschlaggebend für die Klassifikation ist einzig der Schweizer Pass. Für den Horgner Jugendanwalt Hansueli Gürber hat die Kriminalität von Jugendlichen ohne Schweizer Pass denn auch nicht in erster Linie mit ihrer ausländischen Herkunft zu tun. Vielmehr seien es etwa Defizite in der Bildung der Jugendlichen und ihrer Eltern, die das Abrutschen in die Kriminalität förderten. In seiner langjährigen Praxis hat Gürber immer wieder folgende Mechanismen beobachtet: Jugendliche, die aus der Schule oder Lehre geflogen sind und sich in einem psychischen Tief befinden, treffen sich in Gruppen und beschaffen sich Geld, indem sie andere Jugendliche überfallen. Wichtig ist für die Täter, dass sie in der Gruppe Macht ausüben können, weil sie sonst keine Bestätigung erhalten.
Der Kriminologe Manuel Eisner schreibt in seiner Studie «Gewalt von Jugendlichen in der Schweiz», dass «sozial privilegierte Jugendliche mit Migrationshintergrund gegenüber Schweizer Jugendlichen eine tiefere Gewaltwahrscheinlichkeit» haben. Ganz anders Migranten, deren Eltern geringe Bildung und tiefe berufliche Positionen haben.
Für Rolf Weilenmann, Dienstchef des Jugenddienstes bei der Kantonspolizei, ist die fehlende Integration ein Hauptgrund dafür, dass ausländische Jugendliche kriminell werden. Als positives Beispiel für die Integration nennt er die Mitgliedschaft in (Sport-)Vereinen. «Wir haben sehr selten mit Jungen zu tun, die sich in einem Verein engagieren.» Viele junge Leute würden den Kick in einer kriminellen Gruppe aus Langweile suchen. Verstärkt werde der negative Kreislauf oft durch reichlichen Alkoholkonsum. (cim/hoh)
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