Zürich

Südschneisern ist fast alles recht

26. Oktober 2006, 23:59

Verhöhnt, ausgelacht, bedroht: Wer eine andere Meinung hat als die Gegner der Südanflüge, bekommt das zu spüren. Drei Jahre nach dem ersten Überflug ist die Wut weiterhin gross.


Von Roger Keller

Für die engagierten Gegner der Südanflüge auf den Flughafen Kloten ist etwas sonnenklar: Ihnen geschieht Unrecht, weil die morgendlichen Anflüge über den Pfannenstiel illegal und ihre Beschwerden noch immer nicht behandelt sind. Am Montag wird es drei Jahre her sein seit den ersten Überflügen, die den Betroffenen unter der Woche von 6 bis 7 Uhr und am Wochenende bis 9 Uhr einen lauten und frühen Start in den Tag bescheren. Diese Immissionen basierten auf Lug und Trug, klagen sie - der Lärm sei ruinös und so krass wie nirgends sonst.

Damit rechtfertigen die Südschneiser auch Aktionen, die sich am Rande der Legalität bewegen, etwa Steuerboykotte. «In der Zone 34 gibt es keinen Rechtsstaat mehr. Wir haben uns angepasst, jeder macht was er will», schreibt ein Südschneiser. Dazu gehört auch eine Intoleranz, Häme und Gehässigkeit, die selbst auf abgebrühten Redaktionen immer wieder schockieren. Ein betroffener anders Denkender empfindet dies als «nahezu totalitär»: Wer eine andere Meinung habe, sei entweder schlecht informiert oder böswillig und werde hemmungslos den heulenden Wölfen zum Frass vorgelegt.

«Goldküsten-Drecksack»

«So ein Goldküsten-Drecksack wie du hat uns gerade noch gefehlt! Auch bei dir wird die Nachbarschaft trotz des Fluglärms den Schuss hören, der dich irgendwann niederstreckt! Verrecke, du Stück Scheisse!» Das ist eines von vielen unflätigen Mails, die ein Aussendienstangestellter aus Meilen erhalten hat. Auslöser: Er hat etwas getan, was die Südschneiser als «respektlos» bezeichnen und was seine öffentliche Blossstellung aus ihrer Sicht ohne weiteres rechtfertigt.

Der 52-Jährige hat auf das Südschneiser-Buch «Geplagt und enteignet» reagiert, das der Konsumentenschützer Urs P. Gasche (Ex-«Kassensturz») herausgegeben hatte. Der Meilemer ging auf die Internetseite des Gasche-Buchs und schrieb über das dortige Kontaktformular seine Meinung dazu. Auch er wohne im Süden, freue sich aber über jede Maschine im Landeanflug. «Das weckt in mir Fernweh!» Werde es am Samstag oder Sonntag zu laut, schliesse er das Fenster und schlafe weiter. «Der Ortsbus ist lauter.» Die paar Flieger, deren Leitwerk er gut sehen könne, seien «zu ertragen»; anderswo auf der Welt würden Wohnhäuser noch tiefer überflogen, und die Leute im Westen des Flughafens, etwa in Rümlang, aber auch in Kloten und Glattbrugg, hätten den Lärm den ganzen Tag über. Deshalb seine Bitte: «Etwas mehr Gelassenheit.»

Forumsschreiber wider Willen

Womit der Meilemer nicht rechnete: Sein Mail ging nicht etwa an den auf der Website abgebildeten Gasche, sondern landete ungefragt auf dem Internetforum der Südanfluggegner von Hans Bantli (Ebmatingen). Danach hagelte es Kritik aus der untersten Schublade - im Internetforum, aber auch auf dem Mailserver des Meilemers. Denn der zuständige Moderator des Forums, der frühere Wirtschaftsjournalist Andreas Bantel (Gockhausen), lieferte der Meute im Internet gleich die Anschrift, die Telefonnummer und die Mailadresse des Meilemers mit. Die sinngemässe Absicht war klar: Deckt ihn mit Reaktionen ein, den Ignoranten!

Der Forumsschreiber wider Willen wehrte sich vergeblich. Der Moderator akzeptierte weder den Einwand, das Mail sei nicht für das Forum gedacht gewesen, noch respektierte er die Bitte, er solle es inklusive Adressangaben entfernen. «Auf Grund der Rechtsfreiheit in der Zone 34», schrieb Bantel, gehe er darauf nicht ein. Oder erst, wenn «die rechtsstaatlichen Verhältnisse wiederhergestellt sind». Auch der Forumsverantwortliche Hans Bantli weigerte sich, die Einträge zu entfernen. Auf seinem Forum ist auch die 2005 von Bantel im Internet in Umlauf gebrachte Privatadresse von Bundesrat Moritz Leuenberger weiterhin aufgeführt.

Ähnlich erging es einem anderen Meilemer, der ebenfalls auf der Internetseite des Gasche-Buchs seine Meinung kundtat. Sein Feedback landete auch ungefragt und mit voller Adressangabe auf dem Forum von Bantli. Der zweite Meilemer hatte bloss geschrieben, alle litten unter Lärm, aber «wir denken viel zu wenig daran, dass wir ihn selbst verursachen respektive bestellen oder zumindest dulden: als Auto- und Motorradfahrer, als Nachbar, als Mieter oder Hausbesitzer, als Eltern. Oder eben auch als Fluggast.»

Das war eine Spitze an die Adresse von Gasche, der als prominenter Gegner der Südanflüge selber einräumt, auch schon Ferienflüge von Zürich auf die Seychellen oder nach Island unternommen zu haben. Die harmlose Kritik genügte ebenfalls für Beschimpfungen per Internet und Mail - ähnlich, wie sie anders denkende Leserbriefschreiber auch zu hören bekommen. «Ignorant» könnte dabei noch als Streicheleinheit bezeichnet werden.

Bantli: «Es ist jetzt Krieg im Süden»

Gasche wehrte sich auf Anfrage gegen den Vorwurf, er als Galionsfigur des Konsumentenschutzes respektiere den Persönlichkeitsschutz nicht: Betreiber oder Administrator der Buch-Website sei nicht er, sagte Gasche. Zuständig dafür ist Hans Bantli, der auch das Südschneiser-Forum betreibt. Als der zweite Meilemer reklamierte, forderte Gasche - belegt durch ein Mail - Bantli in der Tat umgehend auf, die Passagen aus dem Südschneiser-Forum zu nehmen. Liege keine Einwilligung des Verfassers vor, dürften solche Briefe nicht publiziert werden, schrieb Gasche.

Andreas Bantel, einer der Moderatoren von Bantlis Südschneiser-Forum, entfernte schliesslich den zweiten Beitrag, weil dieser «anständig» gewesen sei - allerdings nicht vollständig: Die Adresse blieb bis gestern Mittwoch im Netz. Den ersten Beitrag liess Bantel ganz stehen. Die Begründung: Dieser sei «respektlos», «in der Tonalität deplatziert» und «Ausdruck von Arroganz», da der Schreiber gar nicht direkt überflogen werde. Es sei «völlig normal», dass auch Meinungen, die anderswo erscheinen, Eingang in das Forum fänden. Nur so sei eine öffentliche Diskussion möglich.

Forumsbetreiber Hans Bantli hat eine noch radikalere Haltung: Persönlichkeitsschutz sei bei einem Thema von derart grosser öffentlicher Bedeutung eine Nebensache. Es sei «absolut in Ordnung» gewesen, dass die beiden Mails ins Forum gelangt seien. Blossstellungen seien bei einer Interessenabwägung legitim: «Es ist jetzt Krieg im Süden, eindeutig.»

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