Die Wut der Privilegierten
26. Oktober 2006, 07:33Kommentar
Von Hans-Peter Bieri
Ab wann schlägt demokratischer Widerstand ins vordemokratische Denken um, das dem Gegner jedes Recht und jede Existenzberechtigung abspricht? Die Fluglärmgegner im Süden des Flughafens Zürich bieten beunruhigendes Anschauungsmaterial. Nicht wenige haben die Grenzen des Akzeptablen zumindest verbal überschritten.
In Internetforen werden besonnenere Stimmen und Andersmeinende hemmungslos beschimpft und bedroht. Für gegnerische Argumente hat man nichts als Spott und Hohn übrig. Die für den Flughafen zuständige Volkswirtschaftsdirektorin Rita Fuhrer wird mit den unflätigsten Worten eingedeckt. Wer «Gegner» ist, ist Freiwild.
Das Erschreckende daran: Es sind nicht nur die üblichen Hitzköpfe, die derart ausrasten. Die Haltung hat System. Es ist eine ganze Bewegung, die sie pflegt. Bezeichnend dafür ist die Aussage: «Es ist jetzt Krieg.» Und im Krieg - dieses Recht nimmt man sich mit aller Selbstverständlichkeit heraus -, im Krieg sind alle Mittel erlaubt.
Die Rechtfertigung dafür ist so selbstgerecht, wie es die Kriegsrhetorik erwarten lässt. Die neuen Anflugrouten, so das stets wiederholte Mantra, seien illegal. Bund, Kanton und Unique, die sie erlaubt und eingerichtet haben, hätten das Recht mit Füssen getreten. Man fragt sich, weshalb diese Leute ständig die Gerichte bemühen, wenn sie sich in einem Unrechtsstaat wähnen.
Der Süden wurde neu mit Fluglärm eingedeckt. Dass man sich dagegen wehrt, ist normal und legitim. Und dass der Widerstand in einer Gegend besonders heftig ausfällt, die bisher sehr privilegiert und von öffentlichen Lasten weit gehend verschont war, war zu erwarten. Aber nichts entschuldigt, was sich ein Teil der Betroffenen erlaubt.
Es gehört zur demokratischen Toleranz, dass man auch die Intoleranten gewähren lässt. Aber es wäre an der Zeit, dass sich auch im Süden wieder jene zu Wort melden, die ihren Widerstand auf die hier zu Lande übliche Weise auszudrücken bereit sind. Und die die Demokratie nicht jedes Mal für obsolet erklären, wenn sie ihnen die Privilegien nicht gibt, die sie als ihr Recht betrachten.
Zürich
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