Ledergerber provoziert Süddeutsche

05. Februar 2007, 20:41

In Zeitungsinseraten rechnet Stadtpräsident Ledergerber den Deutschen vor, dass sie von der Schweiz profitieren – und tönt Drohungen wie Brückensperren oder Passagierboykott an.

Von Ruedi Baumann

Das war wieder einmal typisch Elmar Ledergerber: In ganzseitigen Inseraten in den grossen süddeutschen Zeitungen und einem offenen Brief an Günther Oettinger, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, legt Zürichs Stadtpräsident Elmar Ledergerber eine ganze Reihe von Argumenten zum Fluglärmstreit auf den Tisch – aber auch Gegenmassnahmen, wie man sie sonst am Stammtisch hört.

Ledergerbers Appell an die «lieben Nachbarinnen und Nachbarn im südlichen Schwarzwald» ist klar in der Bitte, man möge die einseitige Verordnung zu den Anflügen auf den Flughafen Zürich überdenken sowie neu und besser formulieren. Nur so könne eine «faire Verteilung» und eine gemeinsame «Win-win-Situation» des Nutzens aus dem Flughafen erreicht werden.

Ledergerbers Hauptargumente im Brief:

  • Auf dem Flughafen arbeiten 1000 Deutsche, 600 aus dem Südschwarzwald.
  • 8 Prozent aller Passagiere in Kloten (1,5 Millionen Personen) sind Deutsche, knapp ein Viertel aller Flüge verbinden Zürich mit deutschen Flughäfen.
  • Die Lärmbelastung der lauten Starts wird praktisch zu 100 Prozent von Zürcher Gemeinden getragen.
  • Täglich fahren weit über 30 000 Menschen aus dem Südschwarzwald zur Arbeit in die Schweiz.
  • Jeden Werktag überqueren mehr als 3000 deutsche Lastwagen die Grenze zur Schweiz. Die Lärmbelastung eines solchen Lastwagens ist deutlich höher als diejenige eines Landeanflugs über Hohentengen.
  • Fast 100'000 Tonnen Müll aus Deutschland werden jedes Jahr in der Schweiz verbrannt. Tausende von Güsellastwagen fahren auch durch die Strassen von Zürich.
  • 100'000 Übernachtungen von Schweizer Touristen pro Jahr verzeichnen allein die Landkreise von Waldshut und Konstanz. Viele Schweizer kaufen zudem im Südschwarzwald ein.
  • An den beiden Universitäten von Zürich werden 2500 Studierende und Doktoranden aus Deutschland ausgebildet.
  • 20'000 Deutsche wohnen heute in Zürich, ihre Zahl hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt.
In Watte verpackte Drohungen

Ledergerber wäre nicht Ledergerber, wenn er nicht auch mögliche Retorsionsmassnahmen angetönt hätte. «Ich höre wöchentlich Leute», schreibt er, «die immer drängender fordern, man müsse doch endlich Gegenmassnahmen ergreifen.» Und erwähnt als Beispiel, man könnte doch die Rheinbrücken aus Lärmschutzgründen in denselben Stunden sperren, in denen die Nordanflüge untersagt sind. «Gewisse Scharfmacher», schreibt Ledergerber weiter, forderten, man müsse Angestellten aus dem Schwarzwald am Flughafen kündigen. Oder man solle die Gäste aus dem Schwarzwald, die vom Flughafen Zürich abfliegen oder dort ankommen, «diskriminieren oder gar aussperren».

Solche Forderungen, betont Ledergerber, seien alles «gefährliche Überreaktionen und untaugliche Mittel». Doch eine solche Stimmung könnte in der Bevölkerung an Bedeutung zulegen, wenn es nicht gelinge, die Einschränkungen zu lockern und den Boden für eine gemeinsame, produktive Entwicklung zu legen, heisst es weiter im Inserat, das gestern auch noch in der «NZZ am Sonntag» für die einheimischen Adressaten verbreitet wurde.

Deutsche sind verärgert und erzürnt

In Deutschland wurde der offene Brief als Provokation aufgefasst, in der Schweiz waren die Reaktionen durchzogen. Ministerpräsident Oettinger erklärte gegenüber der «Badischen Zeitung», er werde von den derzeit geltenden Abflugbeschränkungen nicht Abstand nehmen. Der Waldshuter Landrat Tilman Bollacher schrieb in einem Brief an Ledergerber, sein Brief habe ihn «verärgert und erzürnt». Schliesslich sei es nicht so, dass die Süddeutschen etwas von den Zürchern wollten. «Sie wollen doch, dass wir für die Zürcherinnen und Zürcher Lasten übernehmen.» Mit Drohungen wie Brückensperrungen gefährde Ledergerber das gute Einvernehmen an der Grenze.

Zürich

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