Kampf für eine männlichere Schule
24. März 2007, 23:07Männer ziehen sich immer mehr aus dem Lehrerberuf zurück. In vielen Primarschulen sind Lehrer bereits Exoten. Nun fordern Experten und engagierte Väter: «Männer in die Unterstufe!»
Von Daniel Schneebeli
Es ist zwar schon lange her, aber die Schule war einst eine Männerwelt. Vor dem Herrn Schulmeister zitterte die Jugend, und bei den Eltern war er eine Respektsperson. Lehrerinnen gab es zwar schon vor 150 Jahren, aber sie waren die Ausnahme. 1864 kamen im Kanton Zürich auf 564 Lehrer nur gerade 5 Lehrerinnen. Und mehrmals versuchte man, den Frauen das Unterrichten zu verbieten. Zum Beispiel 1923, als es einen grossen Lehrerüberfluss gab. Der Erziehungsrat beschloss, Frauen keine Wählbarkeitszeugnisse mehr auszustellen. Ein Entscheid, den er wenig später auf Grund von heftigen Protesten rückgängig machen musste.
Ab 1912 bestand im Kanton Zürich das so genannte Lehrerinnenzölibat: Verheirateten Frauen war das Unterrichten untersagt. Man traute ihnen nicht zu, neben der Erziehung der eigenen Kinder auch noch eine Klasse zu führen. Zudem fürchtete man, Frauen machten den Männern die Arbeit in den Schulen streitig. Allerdings wurde das Unterrichtsverbot für verheiratete Frauen unterschiedlich streng ausgelegt. In Zeiten des Lehrermangels waren sie durchaus willkommen. Als das Lehrerinnenzölibat 1962 aufgehoben wurde, waren die Frauen an den Primarschulen bald in der Mehrheit.
Auch in der Oberstufe (7. bis 9. Klasse) wächst der Frauenanteil von Jahr zu Jahr. Im Kindergarten und in der Unterstufe gibt es heute kaum mehr Lehrer. Im Kanton Zürich beträgt der Männeranteil in der Primarschule (1. bis 6. Klasse) ein Viertel. In der Unterstufe (1. bis 3. Klasse) ist nur noch jede zehnte Lehrperson ein Mann.
Wenig Interesse bei Maturanden
Das Phänomen der weiblichen Schule hat ein ungesundes Ausmass erreicht, da sind sich Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Fachleute einig. Junge Männer, die gerne Lehrer würden, haben in diesem Beruf kaum mehr Vorbilder und geraten manchmal sogar unter den Verdacht, sie hegten gegenüber den Kindern sexuelle Absichten. Vor allem, wenn sie an der Unterstufe unterrichten wollen. Zudem sollten Kinder in ihren ersten Lebensjahren Bezugspersonen beiderlei Geschlechts haben. Oft fühlen sich Knaben in der weiblichen Schule unverstanden, nicht selten lehnen sie sich deshalb gegen Frauen auf. Für die Gleichstellung der Geschlechter haben die Buben wenig Verständnis.
Diesem Trend will sich das Netzwerk Schulische Bubenarbeit (NWSB) entgegenstellen, und zwar mit dem Projekt «Männer an die Unterstufe!». Es wird unterstützt vom Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH), von den Pädagogischen Hochschulen und mit einem «namhaften Beitrag» auch vom Eidgenössischen Büro für Gleichstellung. Wie NWSB-Projektleiter Beat Ramseier erklärt, ist es jedoch schwierig, mit der Botschaft bei jungen Männern zu landen. Nächste Woche führt das NWSB eine Aktionswoche durch, in der Gymnasiasten von Männern geführte Unterstufenklassen besuchen können. Ramseier hat aus 120 Gymnasien junge Maturanden zu Schulbesuchen eingeladen. Doch das Echo ist sehr bescheiden. Nur eine Hand voll will die Gelegenheit nutzen.
Masterabschluss für alle Lehrkräfte
Auch für Beat W. Zemp, LCH-Zentralpräsident, ist es Zeit, die Schule männer- und knabenfreundlicher zu machen. Sie sei für viele Männer kein attraktiver Arbeitsplatz. Früher sei der Lehrerberuf bei schulisch Begabten aus dem Mittelstand begehrt gewesen - vor allem auf dem Land. Doch heute gibt es für sie viele interessante Alternativen, zum Beispiel die Berufsmatur und die Fachhochschule. Für Zemp bietet der Lehrerberuf zu wenig Entwicklungschancen: «Es darf nicht sein, dass ein Lehrer 40 Jahre lang vor der gleichen Wandtafel stehen muss.»
Die Durchlässigkeit zu anderen Berufen und auch zwischen den Schulstufen müsse gefördert werden. Darum verlangt der LCH einen Masterabschluss für alle Lehrkräfte. Bei den Sekundarlehrern ist das Ziel bereits erreicht. Für die Primarschule genügt aber nach wie vor ein Bachelor. Als ebenso wichtig wie eine bessere Ausbildung erachtet der Lehrerverband eine tiefere Belastung. Es müsse wieder möglich werden, den Lehrerberuf in einem Vollpensum auszuüben und dabei gesund zu bleiben, schreibt der LCH in einer Mitteilung.
Etwas mehr Männer in Ausbildung
Die Männerförderung an den Schulen scheint trotz des geringen Interesses an der NWSB-Aktion nicht ungehört zu bleiben. An der Pädagogischen Hochschule Zürich hat sich der Männeranteil bei knapp 25 Prozent stabilisiert - und in den letzten zwei Jahren ist er gar etwas angestiegen.



















