Schüler: «Wir werden uns bessern!»

05. April 2007, 23:01

Vor der Kamera gelobten die Sechstklässler vom Schulhaus Borrweg, künftig brav zu sein.

Von Constantin Seibt

Zürich. - In der 11-Uhr-Pause waren wir von der Presse noch zu zweit. Eine Schar entzückter, empörter Primarschüler hüpfte an uns hoch. Sie schrien: «Es ist eine Lüge, wir haben keine Lehrer verschlagen!», «Sind Sie von ‹20 Minuten›?», «Alle Lehrer waren alt!», «Sie - es heisst im Fall Schulhaus Borrweg, nicht Friesenberg!», «Wir sind keine Terrorklasse - Terror ist im Irak!», «Schreiben Sie: Playboy-Schuel!», «Playboy stimmt nicht!», «Schreiben sie: S Schuelhus Borrweg isch mega nett!»

Das also waren die fürchterlichen Kinder, über die die halbe Schweiz diskutierte. Dann warf uns eine Lehrerin vom Areal. Ein paar Buben strahlten. Sie sangen: «Zämegschisse, zämegschisse!»

Eine Schülerin der berühmten Klasse, die in zwei Jahren sechs Lehrer gesehen hatte, folgte uns auf die Treppe: «Das meiste ist gelogen.» - Was denn? - «Nur drei oder vier haben keine Hausaufgaben gemacht, nicht alle! Und wir haben nur drei Lehrer abgetrieben.» - Abgetrieben? - «Zur Verzweiflung gebracht, eben. Aber sie hatten keinen Respekt vor uns. Und sie waren alt und langweilig.» - Warum gingen denn die anderen drei? - «Eine hatte etwas mit der Hand. Einer wurde pensioniert. Eine hat nicht mehr können.» - Was habt ihr denn gemacht, als ihr die Lehrer abgetrieben habt? - «Wir haben Gummis gespickt, Büroklammern gespickt, Streiche gespielt. Wir sind nicht so bös, nur laut.» - Trotzdem: Drei Lehrer sind auch viel. - «Ja, aber es war nur halb, halb - die Lehrer hatten auch private Probleme», sagte sie. «Aber egal: Es soll nicht wieder vorkommen! Wir sind alle zusammengesessen. Wir wollen uns bessern.»

«Machen Sie uns weltberühmt!»

Um 11.45 Uhr, nach Schulschluss, waren wir fünf: eine Dame und ein Fotograf von einem anderen Blatt und ein Fernsehreporter der «Rundschau». Die Kinder stürzten sich als quiekende Traube vor die Kamera: «Nicht fotografieren!» - «Filmen Sie einfach!» - «He, Sie - machen Sie mich weltberühmt!» Es war ein Lärm wie im Schwimmbad am Kinderbecken. «Seid ruhig! Ihr könnt alle nach Hause gehen», sagte der Reporter. Worauf zurückgequiekt wurde: «Mit ‹alle› - meinen Sie da auch sich selbst?»

Irgendwann war Ruhe. Drei Sprecher der sechsten Klasse gaben Auskunft. Sie sagten: «Das in der Presse war eine Lüge. Aber egal. Wir wollen das vergessen. Wir wollen in die Zukunft schauen. Wir wollen beweisen, dass alles nicht stimmt. Wir werden uns anstrengen. Wir werden bis zu den Sommerferien brav sein!»

Zustimmendes Getuschel aus dem Publikum: «Es ist eine ganz normale Klasse, sonst hätten sie keine Kollegen!», «Andere Klassen sind eine Million Mal schlimmer!», «Wir sind lieb!», «Es ist gelogen, dass 17 vom Balkan sind, wir sind aus vielen verschiedenen Ländern!», «Vom Balkan sind doch nur 5 oder 6!»

Gestern, so ein Bube und ein anderes Mädchen aus der Klasse, habe man die neue Lehrerin schon einmal gesehen: «Sie ist jung. Und hübsch», sagte er. Und sie: «Ich habe an ihrem Gesicht gesehen, dass sie es schaffen kann.»

Das also waren die fürchterlichen Kinder. Sie waren voller Leben.

Zürich

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