Uni: Mobbing als Standortnachteil

07. Mai 2007, 22:48

Was die Zürcher Uni sabotierte, nimmt Zug dankbar an: eine Klinik zur Bestrahlung krebskranker Kleintiere, geleitet von der angesehenen Professorin Barbara Kaser-Hotz.

Im Zürcher Tierspital rausgeekelt, in Zug mit offenen Armen empfangen: Bestrahlungsexpertin Barbara Kaser-Hotz.
Im Zürcher Tierspital rausgeekelt, in Zug mit offenen Armen empfangen: Bestrahlungsexpertin Barbara Kaser-Hotz.
Von René Staubli

Für die Zürcher Universität und den damaligen Bildungsdirektor Ernst Buschor war der 1. Februar 2000 ein Freudentag. Am Tierspital weihte der CVP- Politiker den ersten Linearbeschleuniger Europas zur Bestrahlung krebskranker Hunde und Katzen ein. Das millionenteure Hightech-Gerät stehe «für den Erfolg und den Stellenwert der Zürcher Veterinärmedizin», schwärmte Buschor - und dankte Professorin Barbara Kaser-Hotz. Sie hatte mit ihrem Team das Behandlungszentrum in zehnjähriger Arbeit aufgebaut und mit selber beschafften Drittmitteln auch weit gehend finanziert.

Fast sechs Jahre später, Ende 2005, herrschte Katzenjammer. Kaser-Hotz kündigte ihren Job, zermürbt von einem grotesken Machtkampf um die Beschaffung eines Ersatzgeräts für den mittlerweile reparaturanfälligen Linearbeschleuniger. Uni-Rektor Hans Weder drohte öffentlich, eine Strahlenkanone werde erst wieder gekauft, wenn an der Klinik Ruhe eingekehrt sei. Seit Jahren war das Betriebsklima durch Mobbingfälle, sexuelle Übergriffe und Führungsmängel gestört, was letztlich zu einer Untersuchung der Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Kantonsrats führte.

Autoritäre Erziehungsmassnahme

Rektor Weder hatte aus einem Investitionsentscheid eine irrationale Erziehungsmassnahme gemacht, um seiner Autorität Nachachtung zu verschaffen. Mit der Folge, dass die Zürcher Universität nicht nur ihr international angesehenes Behandlungszentrum verlor, sondern mit Kaser-Hotz auch dessen Aushängeschild.

Mittlerweile ist klar: Kaser-Hotz wird nächstes Jahr in Hünenberg ZG auf privater Basis eine eigene Kleintierklinik für Strahlentherapie eröffnen. Ein geeignetes Gebäude ist gefunden, der Linearbeschleuniger im Gesamtwert von zwei Millionen Franken bestellt. Kaser-Hotz hat selber einen sechsstelligen Betrag investiert, 500'000 Franken spendete spontan ein Tierhalter, als er von ihren Plänen erfuhr. Insgesamt hat die Professorin bereits mehr als eine Million Franken zusammengetragen. Der gute Name, den sie sich in Zürich gemacht hat, zahlt sich aus.

So wird der Fall Kaser-Hotz zu einem Lehrstück in Sachen Standortmarketing. Die Zürcher Uni hat alles getan, um die heute 47-jährige Professorin rauszuekeln. Ohne Not hat die Universität eine hart erarbeitete Spitzenposition in einem viel versprechenden Forschungssegment aufgegeben. Zuletzt liess sie Kaser-Hotz eine 14-monatige Kündigungsfrist absitzen. In Zug dagegen wurde die Fachfrau mit offenen Armen empfangen. Der Kanton erleichtert ihr den Neustart und die Einrichtung von zunächst fünf hochkarätigen Arbeitsplätzen auf jede erdenkliche Weise.

Kaser-Hotz, in Baar aufgewachsen, war mit dem Kanton Zug immer schon eng vernetzt. Als sie in Bern Veterinärmedizin studierte, traf sie etwa den damaligen Zuger FDP-Nationalrat und ehemaligen Regierungsrat Georg Stucky - anlässlich des Nachtessens, zu dem die Zuger Parlamentarier die Studierenden aus ihrem Kanton alljährlich einladen. Mentor Stucky spielt heute in ihrem Projekt eine zentrale Rolle, zusammen mit dem Zuger Ständerat und ehemaligen FDP-Parteipräsidenten Rolf Schweiger.

Prominent besetzte Führung

Die drei setzten sich zusammen, um für das Zentrum eine geeignete Organisationsform zu entwerfen. Danach sollen öffentliche Gelder ausschliesslich für Lehre und Forschung verwendet werden. Derweil müssen die Behandlungskosten für die kranken Tiere von den Haltern bezahlt werden. Die Vermischung der Geldströme hatte in Zürich zu Kritik geführt.

Anfang Jahr gründeten Kaser & Co. die AOI Animal Oncology and Imaging Center AG mit Sitz bei Schweigers Anwaltskanzlei in Zug. Die AG ist der Business-Arm des Projekts. Unter ihrem Dach werden die Tiere behandelt, geht es um Diagnostik und Therapie. Die AG muss kostendeckend arbeiten. Präsident des Verwaltungsrats ist ein weiterer prominenter Zuger: Dieter Syz, der in den 90er-Jahren Präsident der Generaldirektion der damaligen PTT gewesen war und den «gelben Riesen» in Swisscom und Post aufgeteilt hatte.

Nebst der AG wurde eine «Stiftung zur Förderung spezialisierter und vergleichender Veterinärmedizin» gegründet. Präsident ist Georg Stucky, im Stiftungsrat sitzen nebst Schweiger namhafte Exponenten aus Wirtschaft, Tierärztekreisen und Forschung aus der ganzen Schweiz. Zweck der Stiftung ist die Beschaffung von Geldern für die Lehre und Forschung - auch öffentlicher Gelder aus der ganzen Schweiz, die in die Ausbildung junger Tierärzte auf dem Spezialgebiet der Radioonkologie und der bildgebenden Diagnostik fliessen sollen.

Laut Kaser haben bereits etliche in- und ausländische Institutionen ihr Interesse an einer Zusammenarbeit signalisiert. Auch die Zürcher Uni wurde eingeladen. Mit im Stiftungsrat sitzt Professor Heinrich Walt, Leiter der Forschungsabteilung Gynäkologie am Zürcher Uni-Spital. Er möchte wie in früheren Jahren an Kasers Forschungsergebnissen partizipieren, die auch der Humanmedizin zugute kommen.

Um sich die notwendigen Kenntnisse zur Führung der eigenen Klinik anzueignen, hat Kaser-Hotz an der Uni St. Gallen einen Kurs in Rechnungslegung, Personalführung und Marketing belegt. Sie sagt: «Ich kann es mir nicht leisten, wegen Inkompetenz Schiffbruch zu erleiden.» Mit Experten erstellte sie einen Businessplan. Dieser sieht vor, im ersten Jahr 225 Tiere zu bestrahlen. In den Folgejahren sollen es jeweils 10 Prozent mehr sein. Kaser-Hotz sagt, sie wolle «profitabel arbeiten» und nicht mehr wie damals in Zürich erleben, «dass ich die Löhne meiner Leute kaum mehr zahlen konnte, weil der Linearbeschleuniger defekt war».

Zürcher Uni will auch ein Gerät

Eineinhalb Jahre nach Kasers Kündigung hat die veterinärmedizinische Fakultät der Zürcher Uni nun überraschend beschlossen, auch wieder einen Linearbeschleuniger anzuschaffen, wie Dekan Felix Althaus bestätigt. Es ergebe keinen Sinn, die Radioonkologie aufzugeben, «nur weil eine Kollegin im Streit mit der Fakultät weggegangen ist». Einen entsprechenden Antrag bei der Uni-Leitung hat die Fakultät allerdings noch nicht gestellt.

Laut Althaus nimmt die Nachfrage nach Krebsbehandlungen bei Kleintieren «weltweit rasant zu». Hunde und Katzen hätten eine höhere Krebsrate als der Mensch, und die Tierbesitzer das Bedürfnis, ihre Wegbegleiter behandeln zu lassen. Alle grösseren Veterinärschulen Europas seien daran, Linearbeschleuniger einzurichten.

Auf die Frage, ob die Fakultät eine Marktabklärung vorgenommen habe und ob es Platz habe für zwei Behandlungszentren in der Region, sagt Althaus: Der Bedarf sei nicht das alleinige Kriterium, da das Gerät vor allem für die Forschung und Ausbildung eingesetzt werde. Er gehe aber davon aus, dass auf Grund des grossen Hunde- und Katzenbestandes in der Schweiz zwei bis drei Privatkliniken mit Bestrahlungseinrichtungen betrieben werden könnten. Es sei nicht die Absicht der Uni, diese Privaten zu konkurrenzieren, da sie einen anderen Auftrag habe: «Die forschungsgestützte Ausbildung der Studierenden.» Die Uni Zürich könne schlicht nicht abseits stehen und erklären, «dass wir die modernen Entwicklungen der Veterinärmedizin ignorieren wollen».

Die Aussicht auf Konkurrenz lässt Kaser-Hotz kalt. Sie weiss um ihren Erfahrungsvorsprung. Für ihr Zentrum sieht sie gute Chancen, zumal sie als Erste auf dem Markt sein dürfte und gute Beziehungen zu Veterinärmedizinern im ganzen Land hat. Sie vertraut darauf, dass diese ihr die vierbeinigen Patienten auch zuweisen werden, wenn sie nun statt für das Zürcher Tierspital auf privater Basis arbeitet.

GPK-Bericht und Spatenstich

Übermorgen Mittwoch informiert die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Kantonsrats über ihre Abklärungen zur Vetsuisse-Fakultät Zürich. Der schriftliche Bericht wird am nächsten Montag im Kantonsrat behandelt.

Auslöser der Untersuchung waren das Vorgehen der Uni bei der Beschaffung eines Linearbeschleunigers zur Bestrahlung krebskranker Kleintiere im Jahr 2005 sowie der Umgang der Uni-Leitung mit gravierenden Personalkonflikten und sexuellen Belästigungen von Frauen am Tierspital (TA vom 13. und 14. September 2006). Die GPK beschränkte sich dann aber auf eine allgemeine Überprüfung von Organisation, Abläufen, Führung und Controlling.

Im Fokus steht damit auch Uni-Rektor Hans Weder. Unter seiner Führung eskalierten die Konflikte an der Kleintierklinik, die zum Abgang der Professorin Barbara Kaser-Hotz führten. Sie baut derzeit in Zug eine private Tierbestrahlungsklinik mit Forschungsabteilung auf und konkurrenziert damit die Zürcher Uni (siehe Hauptartikel).

Zufall oder nicht: Morgen Dienstag, einen Tag vor der Präsentation des GPK-Berichts, lädt der Regierungsrat des Kantons Zürich die Medien zum Spatenstich für den Neubau der Kleintierklinik ein, der 28 Millionen Franken kosten soll. Mit der neuen Infrastruktur wolle man «die internationale Konkurrenzfähigkeit der Kleintierklinik sowie der Zürcher Studierenden erhalten», heisst es. Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) wird nicht vor Ort sein. Als Präsidentin des Universitätsrats (Aufsichtsgremium) trägt sie Mitverantwortung für die Vorfälle an der Fakultät. Von betroffenen Frauen wurde sie mehrmals um Hilfe gebeten - vergeblich. Auch Aeppli wurde zu den Vorfällen von der GPK angehört. (res)

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