Wer will dieses Kongresszentrum?

15. Juni 2007, 10:39

Moneos Projekt ist die Umsetzung eines vor acht Jahren dahingesagten Satzes.

Von Caspar Schärer

Es kehrt kaum Ruhe ein beim Projekt für ein neues Kongresszentrum. Obwohl die Debatte noch keine breite Basis gefunden hat, brodelt es schon seit längerem in der Fachwelt. Es kommt selten vor, dass sich ein Verband wie der Bund Schweizer Architekten (BSA) in einem ganzseitigen Inserat dezidiert gegen das Projekt eines Kollegen stellt. Fast jeder Architekt kennt die Situation, wenn eines seiner Bauvorhaben plötzlich auf erbitterten Widerstand stösst. Darum verhält er sich meist ruhig, wenn es bei den anderen laut wird. Gänzlich unantastbar sind in der Regel Juryentscheide in Architekturwettbewerben, denn der Wettbewerb gilt nach wie vor als vertrauenswürdiges Verfahren. Gute Verlierer versuchen es halt beim nächsten Mal. Doch im Falle des Kongresszentrums ist offenbar einiges anders, und das sollte hellhörig machen.

Standortmarketing als Heilsversprechen

Die Reaktionen unter den Architekten haben mit Futterneid nichts zu tun. Sie wären nicht so heftig ausgefallen, hätte der spanische Stararchitekt Rafael Moneo ein begeisterndes Projekt vorgelegt. Denn das sollte es wohl werden, obwohl nicht etwa ein Museum, eine Musikhalle oder sonst ein wichtiges kulturell-öffentliches Gebäude geplant ist, sondern nur ein trockenes Kongresszentrum. Dass ausgerechnet ein Kongresszentrum das immer wieder beklagte Zürcher Manko an standortvermarktbarer Architektur beheben soll, sagt auch einiges aus über das Wesen dieser Stadt. Der Kongresstourismus sei ganz wichtig, heisst es, damit Zürich seiner Reputation als Weltstadt gerecht werden könne. Gleichzeitig zeigen Beispiele rund um den Globus, dass die Schlüsselindustrie der kommenden Jahrzehnte die Kultur sein wird. Der kulturelle Wert riesiger Museen mit noch grösseren Besucherzahlen soll hier nicht beurteilt werden. Tatsache ist jedoch, dass solche Institutionen eine enorme Magnetwirkung haben und das von aussen wahrgenommene Bild einer Stadt – und darum geht es doch – massgeblich beeinflussen.

Einzige Kronzeugin der Kongresstourismus-These ist eine Studie der Universität St. Gallen, die 2001 von Zürich Tourismus, dem Hotelierverein, der Handelskammer sowie von Stadt und Kanton Zürich in Auftrag gegeben wurde. Die Studie erfüllte die Erwartungen der Besteller und ortete einen dringenden Bedarf für ein neues Kongresszentrum. Dieselben Kräfte (ohne die Behörden) und noch einige andere Exponenten der lokalen Wirtschaft sind in der Interessengemeinschaft Neues Zürcher Kongresszentrum vertreten, die unter der Federführung von Alt-Stadtrat und -präsident Thomas Wagner 2004 gegründet wurde und die die Planung des Projektes finanziert. Wagner selbst trägt die Idee schon acht Jahre mit sich herum. Im Juni 1999, als Zürich noch auf eine Kasino-Lizenz setzte, brachte er im «Tages-Anzeiger» den Abbruch des Kongresshauses aufs Tapet. Die dort vorgesehenen Kasino-Planungen hielt er für eine «kleinkarierte Lösung». «Man muss in grossen Zügen denken», sagte er damals und schlug ein Kongresszentrum vor, das sogar über den General-Guisan-Quai hinweg bis an den See reichen sollte. Damit war zwar noch kein offizieller Standortentscheid gefallen, aber ein wichtiger Pflock eingeschlagen, bevor es überhaupt richtig losging.

Rafael Moneos Projekt ist nun die Umsetzung eines vor acht Jahren locker dahingesagten Satzes, der erst jetzt seine Wirkung so richtig entfaltet. Einfach wird es Moneo nicht gemacht. Für sein Kongresszentrum müsste das von offizieller Seite als «Schlüsselwerk der modernen Architektur der Schweiz» bezeichnete Kongresshaus geopfert werden. Allgemein wurde propagiert, dass nur ein Stück Spitzenarchitektur den Abbruch des Kongresshauses rechtfertigen könne. Selbst die kantonale Baudirektion, die schliesslich über die Entlassung des Objektes aus dem Inventar schützenswerter Bauten entschied, forderte nach dem Architekturwettbewerb substanzielle Nachbesserungen.

Doch die im März von Moneo präsentierte Überarbeitung ist von der geforderten Spitzenarchitektur weiter entfernt denn je. Sie enttäuschte nun auch diejenigen Architekten, die seinerzeit dem Wettbewerbsprojekt noch gewisse Sympathien abgewinnen konnten. Moneo hat zwar die komplexen funktionalen Anforderungen mit Ach und Krach erfüllen können, aber nur unter Preisgabe jeglicher architektonischer Ausdruckskraft. Abgesehen davon weiss man sowieso noch nicht allzu viel darüber, wie denn das Gebäude aussehen soll. Moneo hat auch im März noch keine auch nur halbwegs verbindliche Aussage zur Fassade machen können. Wenn ein Architekt während eines ganzen Jahres der Überarbeitung keine Zeit und Musse findet, sich der Fassade seines Entwurfes zu widmen, muss das nachdenklich stimmen. Entweder waren andere Dinge wichtiger, oder es spielt für den Verfasser und die Bauherrschaft keine Rolle.

Kongresse begeistern nicht

Dieses Verhalten könnte sich noch rächen, schliesslich ist die Überzeugungskraft verführerischer Bilder nicht zu unterschätzen. Aber vielleicht gibt es auch nichts zu verführen, wozu auch? Kongresse mögen wichtig sein, aber damit allein kann man nur einige wenige begeistern. Mit einem architektonisch wirklich starken, der ganzen Stadt dienlichen Projekt hingegen liessen sich unter Umständen ganz andere Emotionen freisetzen.

Zürich

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