Zahlenkrieg und Machtkampf
27. Juni 2007, 23:24Der Hickhack um die Besucherzahlen im Schauspielhaus geht weiter: Jetzt korrigiert die Pfauenbühne den Stadtrat. Und der Machtkampf spitzt sich zu.
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«Die richtigen Zuschauerzahlen» – so ist eine Pressemitteilung des Zürcher Schauspielhauses betitelt, die am späten Nachmittag verschickt wurde. Leider seien letzte Woche durch die stadträtliche Antwort auf eine Interpellation von Gemeinderätin Doris Fiala (FDP) falsche Zahlen an die Öffentlichkeit gelangt.
Laut dem Stadtrat hat die Saison 2005/06, die erste unter Matthias Hartmanns künstlerischer Direktion, einen Rückgang bei den Zuschauerzahlen gebracht: markant weniger Abonnenten und deutlich weniger Publikum in den regulären Vorstellungen. Beides sei falsch, kontert nun das Schauspielhaus. «Man hat im Stadthaus den Geschäftsbericht nicht genau gelesen und Zahlen verwechselt», kritisiert Marc Baumann, bis Ende dieser Woche noch Kaufmännischer Direktor des Schauspielhauses und früher persönlicher Mitarbeiter von Stadtpräsident Elmar Ledergerber.
Die Abo-Zahl hat laut Schauspielhaus abgenommen, weil bei Hartmanns Amtsbeginn die oft unentgeltlich abgegebene Member Card abgeschafft wurde. Mit der Member Card konnte man kurz vor Vorstellungsbeginn zum halben Preis ins Theater. Zieht man die 350 Member Cards ab, ging die Zahl der Abonnenten mit Hartmann nicht um 468 zurück, sondern um 100. Inzwischen entspricht die Abo-Zahl wieder nahezu jener der letzten Saison vor Hartmann.
Bei den Besucherzahlen habe die Stadt offenbar übersehen, dass die Zahlen im Geschäftsbericht 2005/06 anders dargestellt sind als im Geschäftsbericht des Vorjahres. In diesem sind die Zuschauerzahlen nach Spielstätten aufgelistet, in jenem der ersten Hartmann-Spielzeit wird primär zwischen regulären Veranstaltungen und übrigen Veranstaltungen unterschieden. So ergibt sich, dass die Besucherzahlen der regulären Veranstaltungen nicht um 8548 Zuschauer abgenommen, sondern um 28443 Zuschauer zugenommen haben.
Dass die Einnahmen trotzdem gerade bei den Eigenproduktionen sanken, hat laut Schauspielhaus mehrere Gründe. So wurden in der Spielzeit 2005/06 die Zuschüsse des Migros-Kulturprozents (verbilligter «Theatermontag») nicht mehr als Spieleinnahmen, sondern beim Sponsoring verbucht. Ausserdem habe das Schauspielhaus viel mehr eigene Aufführungen im Schiffbau produziert, wo die Eintrittspreise tiefer als im Pfauen sind. Und schliesslich habe man das Kinderstück «Peter Pan» nicht im Schiffbau, sondern verbilligt im Pfauen gezeigt, was sich auf die Gesamteinnahmen auswirkte.
Verständlich wird der Zahlenkrieg zwischen Stadthaus und Schauspielhaus nur, wenn man ihn in einen grösseren Zusammenhang stellt. Da werden offensichtlich Rechnungen beglichen. Andreas Spillmann, der das Schauspielhaus 2004/05 interimistisch leitete, hat nie verkraftet, dass er nach einem erbitterten Machtkampf mit Hartmann gehen musste. Seither lässt er nichts unversucht, seine Verdienste ins schönste Licht zu rücken und jene des Rivalen Hartmann zu schmälern. Und Spillmann, inzwischen interimistischer Chef des Landesmuseums, hat gute Freunde im Stadthaus, die Hartmann ebenfalls nicht lieben.
Kronfavorit hat abgesagt
Ein dicker Freund Hartmanns war einst Stadtpräsident Elmar Ledergerber. «Ich habe noch um wenige Menschen so geworben wie um Hartmann», gestand der Stadtpräsident in einem Interview im «Tages-Anzeiger». Doch der Lohnkampf am Schauspielhaus entzweite die beiden. Ledergerber gab, nach anfänglichem Widerstand, den Forderungen der Gewerkschaft nach. Hartmann hat ihm diesen «Verrat» nie verziehen. Ledergerber andrerseits schäumt, dass Hartmann immer wieder öffentlich erklärt, die Lohnanpassungen beim technischen Personal seien nicht kostenneutral und gingen zu Lasten der Kunst.Ein offenes Geheimnis ist, dass der Stadtpräsident genug vom unzähmbaren «Künstlervolk» hat und sich am liebsten sofort aus dem Schauspielhaus-Verwaltungsrat zurückzöge, den er seit langem interimsweise präsidiert. Es wäre ein Novum: Bisher sass der Stadtpräsident immer im Aufsichtsgremium seines höchst subventionierten Kulturhauses. Doch so leicht wird Ledergerber sein Amt nicht los. Die Suche nach einem neuen Präsidenten ist ein Hindernislauf. Auch Kronfavorit Thomas Kern, früher CEO von Globus, hat soeben dankend abgewinkt. Der Machtkampf ums Schauspielhaus hat ihm das Ehrenamt offensichtlich verleidet.
















