Harzige Gespräche über Flughafen
06. Juli 2007, 21:49Das Konzept für den künftigen Betrieb des Flughafens Kloten bleibt eine Baustelle. Die Zürcher Regierung hat sich aber ein Schrittchen nach vorne bewegt.
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Dossier
- Fluglärm-Streit
Raumplanungsfragen sind Zukunftsfragen. Wer darauf Antworten sucht, braucht viel Zeit. Ein Mediationsverfahren zur Zukunftsentwicklung des Flughafens Zürich war 2003 gescheitert. Seit 2004 redet deshalb der Kanton Zürich mit seinen Nachbarn Aargau, Schaffhausen und Sankt Gallen, der Flughafen AG und mit dem Bund über den künftigen Betrieb des Flughafens Kloten. Diese Diskussion verlief auch beim zweiten Koordinationsgespräch zum Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL) in Bern harzig.
Das Ergebnis, wie es nach dem Gespräch an einer Pressekonferenz vorgestellt wurde: Bund, Anrainer-Kantone und insbesondere der Zürcher Regierungsrat haben einen Konsens über eine ganz vorsichtige Anpassung des heutigen An- und Abflugregimes gefunden. Im Wesentlichen soll der Flughafen aber so weiter- funktionieren wie bisher. Die Verlängerung von Pisten wird zwar geprüft, den allfälligen Bau parallel ausgerichteter Pisten streicht nun aber auch der Bund «vorläufig» von seiner Variantenliste für den SIL-Prozess. Ausgeschlossen wurden auch alle Varianten, die dem Süden mehr Lärm gebracht hätten.
«Noch ist das Ziel nicht erreicht»
Raymond Cron, Direktor des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl), führte vor den Medien aus, im Vordergrund stehe im SIL-Prozess das Gleichgewicht einer möglichst geringen Lärmbelastung und eines bestmöglichen Kapazitätsausbaus. Der SIL legt die Planung, die Bauten und den Betrieb des Flughafens für die nächsten Jahrzehnte fest. Entsprechend betonte Unique-Verwaltungsratspräsident Andreas Schmid, «wie fatal es wäre, wenn im Jahr 2007 die Option eines Ausbaus schon für alle Zukunft ausgeschlossen würde». Schon in zehn Jahren dürfte der Flughafen bei der Grenze von 350000 jährlichen Flugbewegungen anstossen. Deshalb mochte Schmid nicht allzu sehr loben, wie weit man gestern gekommen sei: «Noch ist das Ziel nicht erreicht.»Tatsächlich bringt die zweite Etappe der politischen Diskussionen über 19 technisch mögliche Betriebsvarianten für den Zürcher Flughafen noch nicht die wirklich zukunftsträchtige Lösung, die Jahrzehnte vorausweisen könnte. Obschon sich der Zürcher Regierungsrat jetzt, wo die Wahlen vorbei sind, ein Schrittchen nach vorn gewagt hat. Volkswirtschaftsdirektorin Rita Fuhrer hatte noch im Dezember betont, «angesichts der politischen Situation im Kanton Zürich» würden vom heutigen Betriebsregime abweichende Varianten «aus Sicht des Regierungsrates nicht empfohlen». Dem hatte der Bund widersprochen. Aus Sicht des Bazl könnte «langfristig nur ein Parallelpistensystem den prognostizierten Verkehr abwickeln».
Konsultative Konferenz als Referenz
Diese Idee wurde zwar gestern in Bern fallen gelassen. Dafür signalisiert nun der Zürcher Regierungsrat, er wolle künftig mögliche Pistenverlängerungen nicht mehr ausschliessen und zumindest jene Varianten weiterverfolgen, die Nord- und Ostanflüge kombinieren. Fuhrer verwies dabei auf das Resultat der Konsultativen Konferenz Flughafen Zürich, in der die Gemeindepräsidentenverbände der zwölf Bezirke vertreten sind. Die Anhörung habe «ein differenziertes politisches Meinungsbild» ergeben, dem der Regierungsrat nun Rechnung trage, weil man die Idee eben «nicht uninteressant» finde.Kurzfristig soll nach Fuhrer jedoch alles beim Alten bleiben. Nach wie vor favorisiert die Regierung das heutige Betriebsregime, das mit dem gekröpften Nordanflug ergänzt werden soll. Hier trifft sich die Zürcher Regierung mit dem Bazl.
Noch viel Widerspruch
Der gekröpfte Nordanflug und auch die Idee von Pistenverlängerungen sorgen aber ringsum für Konflikte. Der Aargauer Regierungsrat etwa liess schon am Donnerstag verlauten, er stelle sich gegen den «Gekröpften». Er sei «in keiner Weise betriebsnotwendig, im Gegenteil», schrieben die Aargauer in ihrer Stellungnahme ans Bazl. Er behindere einen optimalen Betrieb und führe bei wachsenden Frequenzen zu Verspätungen. Auch von den Pistenverlängerungen versprechen sich die Aargauer «keinen wirklichen Kapazitätsgewinn», weshalb ein derartiger Ausbau nicht im Vordergrund stehen könne.Die Kantone Sankt Gallen und Thurgau wiederum lehnen verlängerte Pisten ab, weil sie vor allem im Osten mehr Flugbewegungen und somit mehr Lärm mit sich brächten. «Das wird bei uns nicht akzeptiert», betonte der Sankt Galler Regierungsrat Josef Keller auch im Namen der Thurgauer Regierung.
Bei Zürcher Kantonalparteien, Bürger- und Behördenvereinigungen stösst das Einschwenken des Regierungsrates auf Unverständnis. Die Regierung gehe auf Konfrontationskurs mit dem Parlament, warnt etwa Ruedi Lais, Fraktionschef der SP. Der Kantonsrat hat sich in der Vergangenheit wiederholt gegen Änderungen am Pistensystem ausgesprochen. Das werde auch künftig so sein, sagt Lais überzeugt.
Die Grünen nennen die Positionsänderung «eine Sackgasse». Sie haben kein Verständnis dafür, dass die Regierung ihren Positionswechsel auf die Resultate der Konsultativen Konferenz mit den Bezirken abstützt. Diese Konferenz sei demokratisch nicht legitimiert.
Ein «Kniefall vor Deutschland»?
SVP-Politiker Alfred Heer hält die leicht korrigierte Haltung der Regierung gar für «einen Kniefall vor Deutschland», das nun auf den nicht ausgeschlossenen Ostanflug verweisen könne. Auch für die FDP stehen die Nordausrichtung und damit die Verhandlungen mit Deutschland nach wie vor im Vordergrund. Die CVP spricht von «einem riskanten Manöver» in Bezug auf die Plafonierungsinitiative und den Gegenvorschlag, über die im Herbst abgestimmt wird. Die einzige Ausnahme in den kritischen Voten: die Südschneiser.%perl>SIL-Fahrplan und Fluglärm-Streit
Der Bund und die Zürcher Regierung sortierten in Bern die Gemeinsamkeiten und die Differenzen aus. Den nächsten Zug im komplizierten raumplanerischen Prozess rund um den Betrieb des Flughafens Zürich muss nun das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) machen. Bazl-Direktor Raymond Cron will in Absprache mit Kanton und Flughafen Zürich AG bis nach den Sommerferien sagen, welche der Betriebsvarianten geeignet sind, um breiter diskutiert zu werden.
Ein entscheidendes drittes Gespräch soll spätestens Anfang 2008 stattfinden. In diesem dritten Koordinationsgespräch soll die Wahl der künftigen Betriebsvariante erfolgen. Diese wiederum müsste im Jahr 2008 von der Bevölkerung der betroffenen Kantone diskutiert und bewertet werden. Ende 2009, so der Plan der Bundesbehörden, könnten dann die neuen Richtplanregeln festgelegt werden. Am Schluss entscheidet das Volk, auf Grund welcher Regeln der Flughafen Kloten in den kommenden Jahrzehnten betrieben und allenfalls ausgebaut werden soll.
Was dabei gern vergessen geht: Der Ausgang der SIL-Gespräche ist wichtig für eine allfällige Lösung des Fluglärmstreits zwischen Deutschland und der Schweiz. Sowohl Cron wie auch Rita Fuhrer betonen, man brauche «Optionen für Gespräche mit Deutschland». Berlin hatte 2003 eine einseitige Beschränkung der Anflüge auf Zürich-Kloten verhängt, weil das Schweizer Parlament den Staatsvertrag abgelehnt hatte.
Ende Oktober 2006 trafen sich der deutsche Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee und sein Kollege Moritz Leuenberger in Berlin. Es kam zu keinem Ergebnis, weil weder die Zürcher noch die Bundesbehörden etwas hatten anbieten können.
Tiefensee und Leuenberger vereinbarten, sie wollten im März 2007 wieder miteinander reden. Dieses Treffen fand nicht statt, sondern wurde zweimal verschoben. Die Grundlagen, welche eine «hochrangige Arbeitsgruppe» hätte liefern sollen, liegen noch nicht vor.
Bazl-Direktor Raymond Cron versichert dennoch, die eingeschlagene Doppelstrategie werde aufgehen. Derzeit diskutierten Leute aus Leuenbergers Departement über «technische und aviatische Fragen» mit Deutschland. Staatssekretär Michael Ambühl aus dem Departement für auswärtige Angelegenheiten wiederum sammelt Angebote, die man Deutschland machen könnte, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu verbessern - und um die Deutschen zum Einlenken zu bewegen. Bisher gibt es dafür allerdings keine Anzeichen.


















