Zürich

Fluglärm: Krach unter Wirtschaftsexperten

30. August 2007, 21:17 – Von Roger Keller

Neue Runde im Flughafenstreit: Jetzt melden sich Ökonomen zu Wort, die 250 000 Flüge im Jahr für ausreichend halten. Das erzürnt die Airport-Lobby.

Bisher sprach die Wirtschaft mit einer Stimme, wenn es um die Plafonierungsinitiative ging, die dem Regierungsrat aufträgt, sich beim Bund für maximal 250'000 Bewegungen pro Jahr und neun Stunden Nachtruhe einzusetzen: Das wäre verheerend für Zürich und den Flughafen, heisst es, weil so jede Entwicklung verhindert und mehrere Destinationen nicht mehr angeflogen werden könnten. Nun hat sich am Donnerstag ein dreiköpfiges Komitee (www.wirtschaftskomitee.ch) gemeldet, das sagt: «Die Wirtschaft kann prima mit der Plafonierungsinitiative leben.»

Ralph Aemissegger, Direktor der Eskimo AG in Turbenthal, forderte die Flughafenbetreiberin Unique auf, auf Qualität zu setzen, statt mit Billigtourismus Masse anzustreben. «Ich habe nie ein Problem gehabt, vernünftige Verbindungen für Geschäftsflüge ab Zürich zu finden», sagte der berufliche Vielflieger zu dem Angebot, das heute rund 220'000 Bewegungen von Linien- und Chartergesellschaften umfasst. «Ein Problem sind aber die Verspätungen», sagte der Chef einer Textilfirma, die bis vor kurzem unter anderem Decken für die Airlines herstellte. Seiner Ansicht nach ist es ein Luxus und ein Unsinn, wenn in Zürich 32 Mal pro Tag nach London geflogen wird. «Die Hälfte würde genügen», sagte Aemissegger, der an seinem Wohnort Wila seit kurzem ebenfalls von Anfluglärm betroffen ist.

Der frühere ETH-Dozent und Konjunkturforscher Hans Würgler argumentierte, die Plafonierung ersetze ein ungebremstes Wachstum durch eine Planbarkeit, auf die sich die Raumplanung landesweit einrichten könne. Den Gegenvorschlag des Kantonsrates mit 320'000 Bewegungen und mit dem von der Regierung entwickelten Lärmindex ZFI bezeichnete der 80-jährige Ökonom aus Pfäffikon, seit 55 Jahren FDP-Mitglied, als «unredlich»: Bei der Lärmbekämpfung bewirke er nichts und gehe an den Zielen der Plafonierungsinitiative vorbei, die nicht nur den Lärm anvisiere.

Jakob Scheifele (72), der langjährige Chef der Bauunternehmung Scheifele, sprach von einer «einseitigen Bevorzugung und Überbewertung» des Flughafens bei Infrastrukturinvestitionen. Nach wie vor werde auf Grund von «überoptimistischen Wachstumsprognosen» geplant. Dadurch würden andere Vorhaben blockiert, etwa die Lücke in der Oberland-Autobahn oder die Bahnanschlüsse ans europäische Hochgeschwindigkeitsnetz. «Die Bauwirtschaft kann mit der Initiative gut leben.»

Initiativgegner: «Plumper Versuch»

Als Erstes erntete das neue Komitee erzürnte Reaktionen der Flughafen-Lobby: Das Forum Zürich zeigte sich «empört», «mit welcher Leichtfertigkeit angeblich wirtschaftsnahe Kreise» den Standort Zürich gefährdeten. Präsident und Alt-FDP-Kantonsrat Eduard Witta sprach von einer «verantwortungslosen Geringschätzung unserer Volkswirtschaft». Beim Weltoffenen Zürich taxierte Thomas Koller den Auftritt des Trios als «plumpen Versuch, der Öffentlichkeit weiszumachen, die Wirtschaft sei für eine Plafonierung».

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