Zürich

Jedes fünfte Schulkind in Zürich ist zu dick

27. September 2007, 20:12 – Von Silvio Temperli

Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen breitet sich in Zürich epidemisch aus. Kurse, welche Bewegung und gesunde Ernährung verbinden, sollen den alarmierenden Trend aufhalten.

Schlechte Aussichten für unsere Söhne und Töchter: «Mit den Jugendlichen wächst heute eine Generation heran, die erstmals eine kürzere Lebenserwartung als ihre Eltern hat.» Hinter dieser Vorhersage der Weltgesundheitsorganisation WHO steht die ungesunde Ernährung der Jugendlichen. Sie essen lieber Chips und Milchschnitten als Getreideriegel und Früchte; und sie ziehen Süssgetränke wie Fanta oder Eistee dem Hahnenwasser vor. Obendrein leben sie in einem regelrechten Bewegungsnotstand.

Die Folgen der angesetzten Pfunde sind verheerend. Sie leiden unter Diabetes, Bluthochdruck sowie Rückenproblemen und vielem mehr; parallel dazu sinkt das Selbstwertgefühl. Depressionen und Ausgrenzung erschweren den Alltag. Sport macht keinen Spass, und im Turnunterricht sind die Noten schlecht.

Die Zahl der dicken Kinder nimmt stetig zu. Sie hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. In Zürich sind schon 15 Prozent der Kindergärtler übergewichtig oder fettleibig, in der Oberstufe sind es weit über 20 Prozent. Dabei ist das männliche Geschlecht stärker betroffen als das weibliche, wie Daniel Frey, Direktor der Schulgesundheitsdienste, am Donnerstag an einer Medienkonferenz ausführte. In tieferen sozialen Schichten kommt Übergewicht gehäuft vor, weshalb der Schulkreis Limmattal (27 Prozent) an der Spitze steht, während jener am Zürichberg (12 Prozent) weit unter dem Durchschnitt liegt.

Prävention könnte Epidemie stoppen

Weil Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen alarmierende Ausmasse angenommen hat, setzen sich die Schulgesundheitsdienste zum Ziel, die Epidemie innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre einzudämmen. Der Weg zum Ziel führt namentlich über die Prävention, weil übergewichtige Menschen therapieresistent seien. «Nach allen möglichen Therapien nimmt man spätestens nach fünf Jahren fast zu 90 Prozent das Ausgangsgewicht wieder an», sagt Daniel Frey. Auch eine Diätwelle anzustossen, sei das falsche Rezept. «Wenn sich Übergewichtige mehr bewegen und ihr Gewicht stabilisieren, ist schon viel erreicht.» Darum hat das Schul- und Sportdepartement für alle Schulstufen zahlreiche Programme entwickelt, welche Bewegung und gesunde Ernährung miteinander kombinieren. Die Angebote versprechen nur dann langfristig Erfolg, wenn das Elternhaus sich seiner Vorbildrolle bewusst wird und die Lehrkräfte Hand dazu bieten.

Weil die Verwirklichung der Angebote einen beträchtlichen Aufwand nach sich zieht und die Lehrer mit diversen Reformen an ihre Grenzen stossen, lassen sich die neu lancierten Projekte bei weitem nicht in allen Schulhäusern durchführen. So haben sich bislang am Programm, das unter dem englischen Motto «Moving Lifestyle» läuft, zwanzig Mittelstufenklassen in den Schulkreisen Glattal, Schwamendingen und Waidberg beteiligt. Es animiert die Schüler zu mehr Bewegung und einem bewussteren Ernährungsverhalten.

Die ersten Erfahrungen mit diesem Angebot sind gut. Nahezu zwei Drittel der Schüler werden hernach in ihrer Freizeit sportlich aktiver. Erst versuchsweise eingeführt haben die Schulgesundheitsdienste den so genannten «Open Sunday», der sich an Kinder zwischen 7 und 12 Jahren richtet. Dabei wird jeden Sonntag im Winter die Turnhalle des Schulhauses zum Spielplatz. Die Kinder erhalten dort überdies die Möglichkeit, sich gesund zu verpflegen. Mit Obst, Gemüse, Brot und Wasser.

Süssgetränke weg vom Pausenplatz

Früchte, Nüsse, ein Jogurt natur, ein Vollkornbrötli sowie Hahnenwasser sollen künftig auch zum Znüni oder Zvieri auf dem Pausenplatz gehören. Kalorienreiche und zahnschädigende Süssgetränke, Schokolade und Schleckstängel haben schrittweise bis Ende Schuljahr 2008/2009 aus den Pausenkiosken auf den Schularealen zu verschwinden. Diese Ernährungsrichtlinien hat die Konferenz der Schulpräsidentinnen und Schulpräsidenten Mitte September für verbindlich erklärt. Demnächst erhalten die Schulleiter einen Flyer mit Empfehlungen für einen gesunden Znüni – auch zuhanden der Eltern und der Betreiber von Pausenkiosken.

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