Kommentar

Sterben auf Abwegen

07. November 2007, 23:44 – Von Michael Meier

Die Klage ist zum Refrain geworden: «Das ist doch kein würdiges Sterben.» Zu hören war das jüngst wieder nach einer Freitod-Begleitung durch Dignitas auf einem Parkplatz auf der Forch. Gewiss ist es eine Zumutung, wenn Schwerstkranke im Auto am Waldrand sterben müssen, oder in irgendeinem Hotel. Eine Zumutung vor allem für die Hotelgäste.

Davon abgesehen, dass Dignitas die Leute allzu leichtfertig begleitet, kann man Ludwig A. Minelli nicht allein für die Misere verantwortlich machen. Er beschert uns den Suizidtourismus, diesen möglich macht aber ein weltweit einzigartiges Gesetz.

Es war unsensibel, dass Minelli eine Sterbewohnung mitten in einem Wohnquartier von Stäfa bezog. Warum aber liess man ihn im Industriegebiet von Schwerzenbach nicht gewähren? So wird Dignitas gezwungen, nach abwegigen Orten zu suchen – und jedes Mal sind es die falschen. Hand aufs Herz: Gibt es überhaupt den richtigen Ort zum Sterben? Ist das Sterben nicht an jedem Ort die bare Zumutung?

Der Freitod-Tourismus ist für die nationale Ethikkommission kein ethisches, sondern ein politisches Problem. Doch das politische Problem lässt sich nicht durch ein Verbot lösen. Beihilfe zum Suizid, sofern nicht aus selbstsüchtigen Motiven geleistet, ist in der Schweiz straflos. Auch für Ausländer straflos, die sich legal hier aufhalten.

In einem Land mit singulär liberaler Gesetzgebung sind eben die Politiker in die Pflicht genommen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Suizidbeihilfe nicht zum Skandal wird. Irgendwo an einem entlegenen Ort im Zürcher Oberland dürfte sich doch ein Gehöft finden lassen, wo man würdig sterben kann. Und «würdig» heisst hier: sterben, ohne öffentliches Aufsehen zu erregen.

Zürich

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