Winterthur will keine Euro-Arena der UBS
25. November 2007, 22:49 Von Martin Gmür und Niels WalterDer Stadtrat und die Parteien haben eine böse Niederlage erlitten: Das Stimmvolk will weder für ein Stadion der Grossbank etwas zahlen noch für ein Kulturprogramm.
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Ein Fussballfest hätte es werden sollen - das grösste aller Schweizer Städte, die nicht Austragungsort der Fussballeuropameisterschaft sind. Nach diesem Abstimmungswochenende steht Winterthur vor einem Scherbenhaufen. Nur knapp 13'000 Personen stimmten für den 665'000-Franken-Kredit, womit die Nebenkosten für die UBS-Arena hätten bezahlt werden sollen. 16'800 Personen (56,5 Prozent) lehnten ihn ab und liessen damit das Projekt sterben.
Die 250'000 Franken für ein Kulturprogramm nach den Spielen lehnten zwei von drei Stimmberechtigten ab.
Winterthur ist damit nicht nur die einzige Stadt der Schweiz, in der es zu einer Volksabstimmung über eine Beteiligung der öffentlichen Hand an einer der 17 UBS-Arenen kam. Winterthur ist auch die einzige der 17 ausgewählten Städte, die nun keine bekommt. Die Bank verzichtet darauf, eine andere Stadt als Ersatz für Winterthur zu suchen, wie UBS-Sprecher Dominique Gerster gestern Sonntag sagte. Es würden nun nur 16 Arenen mit Tribünen und Grossleinwänden aufgestellt.
Laut Thomas Gloor, dem Geschäftsführer der Event-Agentur Perron 8 in Biel, die im Auftrag der UBS die Arenen aufbaut und betreibt, ist das Winterthurer Projekt «sehr ambitiös, wenn nicht das ambitionierteste» aller 17 gewesen. Geplant war ein provisorisches Stadion für rund 8000 Personen auf dem Wachter-Areal.
SVP schiebt Schuld dem Gemeinderat zu
Stadträtin Pearl Pedergnana (SP), Winterthurs Schul- und Sportvorsteherin, bedauerte gestern den Ausgang der Abstimmung. Sie sei «sehr enttäuscht», habe zwar mit einem Nein zum Kulturprogramm gerechnet, aber mit einem knappen Resultat bei der Abstimmung über die Arena. «Das negative Resultat tut mir Leid für alle Fussball-Begeisterten, vor allem für die Jugend», sagte Pedergnana und machte zwei «Megatrends» für das Nein verantwortlich: die National- und Ständeratswahlen, die das politische Geschehen und die Berichterstattung lange dominiert hätten, und die Imagekrise des Fussballs.
«Die Euro 08 wurde in den letzten Wochen nur als Problem wahrgenommen, nicht als Fussballfest.» Ebenso der Fussball generell mit den sexuellen Übergriffen in Thun, Kommerz und Hooligans. «Viele Jäger sind des Hasen Tod», kommentierte Pedergnana. Einen Fehler des Stadtrats, mit der Vollkostenrechnung den Kredit aufgebläht zu haben, räumte sie erst auf Nachfragen ein: «Wir wollten Transparenz schaffen, stecken aber vielleicht etwas allzu sehr im New-Public-Management-Fieber.» Viele der Aufwendungen, die im Kredit enthalten waren, für Polizeipräsenz, Einsätze, Busumleitungen und Sperrungen würden dennoch anfallen.
Die SVP, die das Referendum gegen den Kulturkredit initiiert hatte, der Arena aber positiv gegenüberstand, nahm sich heute aus der Kritik. «Der Gemeinderat hätte dem Kulturkredit nicht zustimmen dürfen, dann hätten wir jetzt eine Arena», sagte SVP-Gemeinderat Josef Lisibach. Ebenfalls gegen den Kulturkredit waren FDP, EVP, Grünliberale und die EDU.
Votum gegen «Kommerz im Fussball»
Den Hauptkredit von 650'000 Franken und damit die ganze die UBS-Arena gekippt hat ein 63-jähriger Alt-Politiker der linken (Klein-)Partei der Arbeit (PdA): Peter Berger. Er lancierte fast im Alleingang das Referendum, die Jungsozialisten, Grünliberalen und die EDU sprangen auf. Berger zeigte sich heute «ziemlich überrascht» über seinen Abstimmungserfolg. Dass das Stimmvolk gar nichts zahlen will für Euro-08-Festivitäten, wertet er als Ausdruck eines «verbreiteten Unbehagens gegen den zunehmenden Kommerz, der mit dem Fussball betrieben wird». Schon beim Unterschriftensammeln habe er festgestellt: «Die Leute freuen sich zwar auf die EM, doch sie sehen nicht ein, warum die Stadt ein Projekt unterstützen soll, hinter dem Milliardenunternehmen wie die UBS und die Uefa stehen.»
Bergers Einschätzung sei exakt «die grosse Verwirrung in Winterthur» gewesen, sagt Reto Bloesch, Mediensprecher von Perron 8. Das Stimmvolk sei fälschlicherweise davon ausgegangen, die Arenen seien allein ein Projekt der UBS, dabei ständen massgeblich der Bund und die Uefa dahinter. Bloesch ist enttäuscht über die Abfuhr - und überzeugt, dass Winterthur damit eine grosse Chance verpasst. Das Fernsehen und Schweiz Tourismus würden Bilder all jener Städte in die Welt hinaustragen, die eine Arena hätten.
Grosser Verlierer des Abstimmungswochenendes ist Nicolas Galladé, Fussballfan, städtischer SP-Präsident und Gemeinderat. Er hatte mit einem Vorstoss im Parlament die Stadt aufgefordert, bei der Euro 08 mit der grossen Kelle anzurichten. Nun habe es Winterthur leider verpasst, «die grösste Arena und beste Fanzone der Schweiz zu haben». «Wenn eben alle irgendwas Diffuses finden, an dem sie herummäkeln können, dann kommt es am Schluss so heraus.»
Laut Stadträtin Pedergnana steht es nun Privaten wieder offen, wie bei der WM 06 in Deutschland öffentliche Übertragungen auf Grossleinwänden zu organisieren. Sie hofft auf initiative Fussballfans.
















