Soldat erschoss Lehrtochter mit Gewehr
28. November 2007, 14:40 Von Stefan HohlerDer Mord am Hönggerberg ist geklärt: Ein 21-jähriger Soldat hat gestanden, die 16-jährige Lehrtochter erschossen zu haben mit dem Sturmgewehr.
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Dossier
- Armeewaffe
Der Todesschütze von Höngg ist jener 21-jährige Schweizer, den die Kantonspolizei am Montag verhaftet hat. Wie die Staatsanwaltschaft gestern mitteilte, ist der Täter geständig. «Ich habe den Schuss abgegeben», zitierte Staatsanwältin Catherine Nägeli die Worte des Schützen. Gemäss seinen Aussagen habe er die Lehrtochter nicht gekannt – sie war also ein Zufallsopfer. Der junge Mann ist chilenischer Abstammung und hatte am Freitagabend – am Tag der Tat – die Rekrutenschule abgeschlossen. Die Polizei kam dem Mann dank Aussagen eines Augenzeugen auf die Spur. Der Zeuge sagte aus, dass sich kurz vor dem Todesschuss im Bereich der Bushaltestelle Hönggerberg eine Person mit Tarnjacke und Sturmgewehr aufgehalten hatte. Die Polizei konnte den Verdächtigen noch am Sonntagabend ermitteln und befragen. Wie man auf den Mann gestossen sei, wollte die Staatsanwältin nicht sagen.
Der Mann bestritt anfänglich, geschossen zu haben. Er wurde dennoch verhaftet und am Montag der Staatsanwaltschaft übergeben, wo er am frühen Abend die Tat gestand. Gegen den Mann ist beim Haftrichter gleichentags Untersuchungshaft beantragt worden. Weiterhin im Unklaren blieben die Tatmotive des Soldaten. Ferner blieb auch offen, ob der Mann zur Tatzeit unter Alkohol- oder anderem Drogeneinfluss gestanden oder geistig verwirrt war. Neue Informationen seien laut Nägeli nicht vor Donnerstag zu erwarten. Sein Sturmgewehr ist von der Polizei sichergestellt worden. Es sei spurentechnisch bewiesen, dass es sich um die Tatwaffe handelt, sagte die Staatsanwältin.
Von wo aus, aus welcher Distanz und ob der Mann gezielt auf das Opfer geschossen hat, wollte Nägeli nicht sagen. Zwei Standorte des Schützen kommen aber in Betracht: das grosse, weisse ETH-Science-City-Schild an der Emil-Klöti-Strasse oder der Parkplatz an der alten Gsteigstrasse vis-à-vis der Bushaltestelle. Die Distanzen von rund 60 Metern (ETH-Schild) beziehungsweise 100 Metern (Parkplatz) deuten eher auf einen gezielten Schuss hin. Ein Anwohner sagte, dass er nur einen lauten Knall gehört habe. Er hatte zudem von Polizisten am Tatort vernommen, dass es ein «glatter Durchschuss» war. Die 16-jährige Coiffeuse wurde in den Oberkörper getroffen. Das Verfahren gegen den Mann läuft gemäss Staatsanwältin unter dem Titel «vorsätzliche Tötung».
Keine Taschenmunition
Bei der Munition handelte es sich nicht um die so genannte Taschenmunition. Diese wird seit Ende Oktober nicht mehr an die Soldaten nach Hause mitgegeben. Der junge Mann muss die Patrone vermutlich illegal aus der Rekrutenschule mitgenommen haben. Gemäss einer Mitteilung des Verteidigungsdepartements (VBS) hat er wie alle anderen Soldaten bei der Entlassung aus der RS keine Taschenmunition erhalten. Wo der in Zürich wohnhafte Wehrmann seinen Dienst absolviert hatte, wusste das VBS bis gestern nicht. Sicher nicht in der Kaserne Reppischtal. Dort werden keine Rekrutenschulen mehr geführt.%perl>
Chronologie: Tötungsdelikte mit Armeewaffen
23. November 2007: Ein 21-jähriger Soldat erschiesst in Zürich-Höngg mit seinem Armee-Sturmgewehr eine 16-Jährige. Am 27. wird er verhaftet.
13. August 2007: Im neuenburgischen Montmollin erschiesst ein 67-jähriger Mann seine 52-jährige Ehefrau und dann sich selbst mit einer Militärpistole.
12. April 2007: In einem Hotel in Baden schiesst ein Mann mit seinem Armee-Sturmgewehr und seiner Taschenmunition um sich und tötet dabei einen Mann. Drei weitere Personen werden verletzt. Der Täter kann festgenommen werden.
21. März 2007: In Chur erschiesst ein 29-Jähriger eine 21-jährige Frau mit einem Sturmgewehr. Danach wird er festgenommen.
30. April 2006: Die ehemalige Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet und ihr jüngerer Bruder Alain werden in Les Crosets VS vom getrennt lebenden Ehemann mit dessen Dienstpistole erschossen. Anschliessend begeht der Täter Selbstmord.
5. Juli 2004: Ein Kadermann der Zürcher Kantonalbank (ZKB) erschiesst nach einem Konflikt am Arbeitsplatz in Zürich zwei Vorgesetzte mit seiner Armeepistole und richtet sich selbst.
25. April 2003: In Buchillon VD erschiesst ein 27-jähriger Mann mit einem Armee-Sturmgewehr 90 seinen Vater.
4. Januar 2003: Ein Jugendlicher erschiesst mit einem Sturmgewehr in Courtemautruy JU versehentlich einen Kollegen. Der junge Sportschütze hatte die Armeewaffe vom lokalen Schützenverein erhalten, die Munition hatte er entwendet.
19. April 2002: In St. Gallen erschiesst ein 21-jähriger Mann seine Mutter und seine Grossmutter mit dem Sturmgewehr.
19. Februar 2002: In einem Pornokino in Lausanne schiesst ein arbeitsloser Mann mit seinem Sturmgewehr um sich, tötet einen Mann und verletzt zwei weitere, bevor er sich erschiesst. Unklar bleibt, ob es sich um eine private oder um eine Armeewaffe handelte.
Beim Amoklauf im Kantonsparlament in Zug am 27. September 2001, bei dem 14 Menschen starben, verwendete der Amokschütze Leibacher zwar Armeewaffen, die er aber persönlich erworben hatte. Er hatte keinen Militärdienst geleistet.
Umstrittene Zahlen
Laut einer Studie des Lausanner Kriminologen Martin Killias spielen Armeewaffen bei Familiendramen und Suiziden in der Schweiz eine zentrale Rolle. Danach sterben jährlich fast 300 Menschen an Verletzungen von Schüssen aus Armeewaffen.
Bei den Suiziden dominierten mit zwei Drittel ganz klar die Ordonnanzwaffen. Bei Familienmorden seien es private (knapp die Hälfte) und Ordonnanzwaffen (36 Prozent). Dabei handelt es sich allerdings um eine Hochrechnung; die Zahlen wurden daher von verschiedener Seite in Zweifel gezogen.
Schätzungen gehen von rund zwei Millionen privater und Armeewaffen in der Schweiz aus.
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