Zürich

Höngger Todesschütze war kein unbeschriebenes Blatt

28. November 2007, 16:34 – Von Stefan Hohler

Der 21-jährige Todesschütze vom Hönggerberg war schon früher negativ aufgefallen – wegen Körperverletzung, Brandstiftung und Betrug.

Der 21-jährige Soldat L. W. (Name der Redaktion bekannt), der am letzten Freitagabend eine 16-jährige Coiffeuse-Lehrtochter auf dem Hönggerberg erschossen hatte, ist kein unbeschriebenes Blatt. Im Kanton Zürich ist er wegen Brandstiftung, Körperverletzung und Betrug aktenkundig. Die zuständige Staatsanwältin Catherine Nägeli war nicht erreichbar, um die «Tages-Anzeiger»-Recherchen zu bestätigen. Der von einer Schweizer Familie adoptierte Chilene lebte als Wochenaufenthalter in der Stadt Zürich, sein Heimatort ist die aargauische Gemeinde Islisberg – die gleiche Gemeinde bei Bonstetten, in der vor zwei Jahren ein Mann seine Ehefrau und die beiden Kinder mit einem Hammer totschlug und sich dann von einer Brücke stürzte. Ob auch in seinem früheren Wohnkanton Straftaten vorliegen, wollte ein Sprecher der Aargauer Kantonspolizei nicht sagen.

Er war Platzanweiser an Events

Trotz der in der Vergangenheit verübten Delikte hat der 21-Jährige in einer privaten Sicherheitsfirma gearbeitet. Bis zum Beginn der Rekrutenschule war er als so genannter Event-Helfer bei Massenveranstaltungen tätig. Er sei seit Juni 2006 in Teilzeitarbeit als Steward für die im Nonsecurity-Bereich tätige ServX der Delta-Group angestellt gewesen, sagt ein Firmensprecher. Das Unternehmen habe ihm einfache Aufgaben an Veranstaltungen anvertraut wie etwa Platz- oder Parkzuweisungen. L. W. habe bei dieser Teilzeitbeschäftigung eine absolut gute Leistung erbracht und sei nie negativ aufgefallen; ein freundlicher und korrekter Mann sei er gewesen. Wegen der RS hatte er in der Firma ein Timeout genommen.

Der Soldat, der am Tag der Bluttat gemäss TeleZüri die 21-wöchige Rekrutenschule bei der Panzerartillerie beendet hatte, ist zuvor noch kurz zu Hause gewesen. Dies sagte Verteidigungsminister Samuel Schmid in einem Interview mit der Freiburger Tageszeitung «La Liberté». Damit sei für die Strafuntersuchung nicht die Militärjustiz, sondern die zivilen Behörden zuständig.

Bereits im Tram negativ aufgefallen

Gemäss Recherchen des TA ist der Schütze in Tarnjacke und mit dem Sturmgewehr im Tram der Linie 13 zum Meierhofplatz nach Höngg gefahren. Dabei ist er den Fahrgästen negativ aufgefallen – sehr laut habe er sich gebärdet, vermutlich sei er betrunken gewesen. «Willsch ä Waffe?», soll er eine Passantin gefragt haben. Am Meierhofplatz stieg der Soldat aus und wechselte gegen 22 Uhr auf den 80er-Bus, der zum Hönggerberg hinauffährt. Dort schoss er kurze Zeit später auf das ihm unbekannte 16-jährige Mädchen, das mit ihrem Freund auf der Bank der Bushaltestelle sass.

Die Bluttat am Hönggerberg gibt den Befürwortern der Verbannung des Sturmgewehrs mit Munition ins Zeughaus Auftrieb. Auch am Tatort, der Bushaltestelle, ist – inmitten der Blumen, Abschiedsbriefe und Kerzen – ein Unterschriftenbogen für die Volksinitiative «Schutz vor Waffengewalt» an die Sitzbank geklebt. Die Initianten haben bereits rund 30’000 Unterschriften gesammelt.

Zum Motiv und genauen Tathergang gab es seitens der Staatsanwaltschaft auch heute keine neuen Informationen.

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