Zürich

Winterthur schützt Chaletdach statt Umwelt

30. November 2007, 23:24 – Von René Donzé

Ein Winterthurer Hausbesitzer darf keine Sonnenkollektoren montieren, entschied der rot-grüne Bauausschuss.

Fredi Schelb wohnt in einem jener Häuschen am Wolfensberg, die von der ehemaligen Brauerei Haldengut einst für Mitarbeiter im Chalet-Stil erbaut worden waren. Weil er ein umweltbewusster Mensch ist, wollte er knapp sechs Quadratmeter Sonnenkollektoren auf seinem Dach montieren und das Wasser mit Sonnenenergie aufheizen. Doch der städtische Bauausschuss verweigerte ihm die Bewilligung, weil im privaten Gestaltungsplan für das Quartier keine solchen Anlagen vorgesehen sind. Zudem befinde sich das Gebäude im städtischen Schutzinventar, und das schöne Dach solle erhalten bleiben, lautete die Begründung.

Einen ähnlichen Bescheid erhielt kürzlich ein Hausbesitzer an der Töpferstrasse - mit der zusätzlichen Begründung, dass er im Einzugsgebiet des Fernwärmenetzes liege und somit eine andere Wärmequelle zur Verfügung stehe.

Schelb findet es «problematisch, dass sich die Stadt derart auf die Seite der Denkmalpflege stellt und den Umweltschutz weniger stark gewichtet».

Nur Einzelfälle werden abgelehnt

Erstaunlich ist dies, weil der Winterthurer Bauausschuss rot-grün geprägt ist. Ihm gehören die Stadträte Ernst Wohlwend, Walter Bossert (beide SP), Matthias Gfeller (Grüne) und Michael Künzle (CVP) an. Bauvorstand Bossert bezeichnet diese ablehnenden Entscheide als Einzelfälle. «Auf 85 Prozent der Winterthurer Dächer können ohne weiteres Sonnenkollektoren montiert werden.» Restriktionen gebe es lediglich in Kernzonen und bei Schutzobjekten. Dort gelte der Grundsatz, dass die Kollektoren nicht von öffentlichem Grund aus sichtbar sein dürfen. Oder dann müssten sie sich speziell gut in die Dachlandschaft einfügen.

In solchen Fällen müsse abgewogen werden zwischen eigentlichem Umweltschutz und dem Schutz der baulichen Umwelt, sagt Walter Bossert, der auf dem Dach seines Wohnhauses ebenfalls Kollektoren montiert hat. Der SP-Stadtrat kann sich nur an vier Fälle erinnern, in denen der Bauausschuss Bewilligungen abgelehnt hatte.

Offen bleibt, wie viele Bauherren schon gar kein Gesuch gestellt haben, weil sie Ablehnung und Kosten fürchteten. Schelb will mindestens einen solchen Fall kennen. Und Urs Jaeggi von der Elgger Firma Soltop, einer Spezialistin für Solaranlagen, weiss von zwei weiteren Vorhaben, die gescheitert sind. Allerdings seien die Winterthurer Behörden grosszügiger als gewisse Landgemeinden, sagt Jaeggi.

FDP macht Druck im Kantonsrat

In Winterthur und auf kantonaler Ebene wird nun Druck gemacht für eine grosszügigere Bewilligungspraxis. Der grüne Winterthurer Gemeinderat Jürg Altwegg will mit einer Motion erreichen, dass die Stadt ihre Bewilligungspraxis lockert und nur bei wirklich schützenswerten Gebäuden Kollektoren verbietet.

In eine ähnliche Richtung zielt FDP-Kantonsrätin Carmen Walker Späh mit einer Motion zum «Abbau von Hürden für umweltgerechtes Bauen». Unter anderem fordert sie, dass Photovoltaik-Anlagen «nicht an rigiden Einordnungskriterien und Zonenvorschriften scheitern». Das sei kein spezifisches Winterthurer Problem, sagt Walker Späh und will sich darum auf kantonaler Ebene für Vereinfachungen einsetzen. Doch als ehemalige Stellvertreterin des Winterthurer Bausekretärs sagt die Zürcher Rechtsanwältin: «Winterthur könnte, wie auch die Stadt Zürich, in der Interessensabwägung zwischen Umwelt- und Denkmalschutz durchaus öfter ein Zeichen zu Gunsten der Natur setzen.»

Dazu will Fredi Schelb die Stadt nun zwingen. Er hat gegen den ablehnenden Entscheid Rekurs bei der Baurekurskommission eingelegt. Und er hat im Quartier Unterschriften gesammelt, um die Nutzung von Sonnenenergie im Gestaltungsplan zu verankern.

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