HIV-Positive gehen in die Offensive
30. November 2007, 23:35 Von Ralf KaminskiWer mit dem Aids-Virus lebt, ist heute nicht mehr dem Tod geweiht. Jetzt kämpfen die HIV-Positiven um ihre Zukunft in der Gesellschaft - zum Beispiel heute, am Welt-Aids-Tag.
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«Haben Sie einen positiven Eindruck von mir? Er stimmt.» Ein Flugblatt mit dieser Schlagzeile erhält in die Hand gedrückt, wer heute Mittag am Bahnhofplatz in Zürich vorbeikommt. Die Flyer-Verteiler sind allesamt HIV-positiv. «Scheuen Sie sich nicht zu fragen. Ich bin da. Ich verstecke mich nicht», steht am Schluss auf dem Flugblatt. Das Ziel ist klar: HIV soll ein Gesicht bekommen - in der Hoffnung, damit Vorurteile und Diskriminierungen abzubauen.
Hinter der Aktion steht die neue Organisation Lhive, in der Menschen mit HIV und Aids für ihre Anliegen kämpfen. «Durch den medizinischen Fortschritt hat sich das Leben mit HIV enorm verbessert», sagt Michèle Meyer, Präsidentin von Lhive, «bezüglich der Vorurteile in der Gesellschaft hat sich allerdings herzlich wenig getan.» Die Aids-Hilfe Schweiz habe grosse Verdienste bezüglich Prävention, individuelle Rechtsberatung und finanzielle Unterstützung, «aber im Grunde ist ihr primärer Auftrag, mehr von uns zu verhindern». Menschen mit HIV müssten also selbst etwas tun, um die eigenen Lebensumstände zu verbessern. Und damit es nicht jeder für sich selbst tun müsse, gebe es Lhive.
Schon einmal hat in der Schweiz eine Organisation von HIV-Positiven existiert, die PWA Schweiz (People with Aids), doch hat sich vor rund zehn Jahren aufgelöst. Meyer war schon dort aktiv und hat während all der Jahre den Kontakt zu anderen HIV-Positiven nie verloren. Schliesslich reifte die Erkenntnis, dass es nützlich wäre, wieder eine solche Organisation zu haben; am 5. Mai wurde Lhive in Basel gegründet (Sitz: Hölstein BL).
Meyer selbst weiss seit Februar 1994, das sie das HI-Virus in sich hat. «Damals war das ein Todesurteil, ein unglaublicher Schock.» Sie erwartete ein Kind von ihrem inzwischen an Aids verstorbenen Mann, von dem sie wusste, dass er HIV-positiv war. Es kam zu einem Spontan-Abort, und dann erhielt sie die Diagnose. «Ich fing sofort an, nach anderen zu suchen, um zu reden - das war meine Art, alles zu verarbeiten.» Anders als viele andere, welche die Diagnose HIV erhalten, war Meyer damit immer sehr offen. Sie erzählte es allen, Familie, Freunden. «Du bist selber schuld» sei die verbreitete Reaktion gewesen «durchaus passend, denn das fand ich auch.» Am Anfang sei ihre Offenheit eine Überlebensstrategie gewesen, «mit der Zeit habe ich aber realisiert, dass dies auch ein Weg sein kann, um Diskriminierungen und Vorurteilen entgegenzuwirken.»
Ein aufgehobenes Todesurteil
Der zweite grosse Schock war dann die Rücknahme des Todesurteils durch den medizinischen Fortschritt. Tatsächlich habe sie sich erst überlegen müssen, ob sie den Medikamentencocktail überhaupt haben wolle, sagt Meyer. «Was mache ich, wenn ich plötzlich eine Zukunft habe? Das war die grosse Frage.» Natürlich habe letztlich der Lebenswille gesiegt. Meyer hat inzwischen einen neuen Lebenspartner und zwei Kinder, ein drei- und ein fünfjähriges Mädchen, beide HIV-negativ. Und eigentlich könnte man meinen, dass die 42-jährige Maltherapeutin damit genug ausgelastet wäre. Aber sie hat das gesellschaftliche Engagement quasi mit der Muttermilch aufgesogen, war als Kind schon mit ihren Eltern bei Demos gegen das AKW Kaiseraugst und später in der Frauenbewegung aktiv. «Ich will nicht nur rumsitzen, sondern mitgestalten.»
Neben den Schwierigkeiten im privaten und sozialen Umfeld sind HIV-Positive im Beruf und bei Versicherungen am meisten mit Diskriminierung konfrontiert. «Wir gelten als weniger belastbar und können trotz mittlerweile normaler Lebenserwartung keine Lebensversicherung abschliessen.» Anders etwa als in Holland, wo Letzteres inzwischen möglich ist. Nur schon mehr als die obligatorische Grundversicherung bei einer Krankenkasse abzuschliessen sei fast unmöglich. Meyer selbst musste im Kinderhort ihrer Tochter ein ärztliches Zeugnis beibringen, dass diese nicht HIV-positiv ist, nachdem sie die Leitung zu Anfang ganz offen über ihren eigenen Status informiert hatte. «Die haben sich Sorgen gemacht, was passiert, wenn meine Tochter mal hinfällt und blutet. Wie wenn sich daran jemand anstecken könnte.» Meyer versteht zwar die Unsicherheiten und Ängste, ärgert sich aber trotzdem über diese längst überholte Klischeevorstellung. Und auch über das Misstrauensvotum, nachdem sie so offen gewesen war.
Bis jetzt 100 Mitglieder
Problematisch findet sie auch, dass mit jeder neuen Veröffentlichung der Aids-Statistik erneut mit dem Finger auf die Randgruppen gezeigt wird: allen voran auf Schwule und Migrantinnen. «Das ist de facto eine regelmässige Auffrischung der Stigmatisierung und geht am Ziel vorbei.» Auch warte sie darauf, dass endlich offiziell verkündet werde, was in medizinischen Kreisen längst Gewissheit sei - oder zumindest intensiv debattiert werde: «Dass ein gut behandelter HIV-Positiver jemanden ansteckt, ist etwa so wahrscheinlich wie mit der Swiss abzustürzen. Das Risiko ist extrem klein.» Sie verstehe zwar, dass die Behörden und die Mediziner da zurückhaltend seien, weil ein Risiko bestehe, dass die Präventionsbotschaft dadurch unterminiert werde. «Aber uns würde es helfen.» Klar müsse man sorgfältig sein bei der HIV-Aufklärung, «es sollten jedoch keine Informationen vorenthalten werden».
Die heutige Flyer-Aktion in verschiedenen Schweizer Städten ist jedenfalls erst der Anfang der Öffentlichkeitsarbeit. Bis jetzt hat Lhive rund 100 Mitglieder, und nur wenige getrauen sich so offen aufzutreten wie Meyer. Aber nach und nach dürften es mehr werden, die sagen: «Ich bin da. Ich verstecke mich nicht.»
Lhive lädt ein: morgen Sonntag, 14 bis 20 Uhr, im Restaurant Tre Fratelli, Nordstrasse 182, Zürich.
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