Debatte um HIV-Ansteckung
30. November 2007, 23:37 Von Ralf KaminskiDie Eidgenössische Kommission für Aidsfragen diskutiert derzeit, wie eine neue medizinische Erkenntnis über HIV sinnvoll für die Prävention eingesetzt werden kann.
«Die Ärzte sind sich einig, dass das Risiko sehr gering ist, dass ein gut behandelter HIV-positiver Mensch jemand anderen ansteckt», sagt Pietro Vernazza, Spezialist für Infektionskrankheiten am Kantonsspital St. Gallen. Er berät und begleitet schon seit längerem heterosexuelle Paare mit Kinderwunsch, bei denen ein Partner HIV-positiv ist, der andere negativ.
In der Regel ist es für ein solches Paar möglich, Kinder zu bekommen, die HIV-negativ sind. «Inzwischen sind wir so weit, dass wir unter bestimmten Bedingungen den ungeschützten Geschlechtsverkehr zwischen den Partnern als einfachste Methode empfehlen», sagt Vernazza. Entscheidend sei, dass der HIV-positive Partner die Medikamente optimal einnehme, sodass das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar sei - und dass keine anderen Geschlechtskrankheiten vorhanden seien, welche die HIV-Infektion begünstigten. «Bisher kennen wir keine Fälle, wo unter diesen Bedingungen eine Ansteckung passiert wäre.»
Vernazza setzt sich schon seit längerem dafür ein, diese Tatsache zu nutzen - andere Mediziner sind zurückhaltender. «Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste», sagt Markus Flepp, Facharzt für Infektionskrankheiten in Zürich. Zwar sei es richtig, dass das Ansteckungsrisiko minim sei, aber Voraussetzung dafür sei, dass die Therapie konsequent und ohne Unterlass gemacht werde. «Es ist also keinesfalls ein Freipass für ungeschützten Sex, zum Beispiel mit einer Barbekanntschaft oder in einem Darkroom - schliesslich sieht man es einer HIV-positiven Person ja nicht an, ob sie gut behandelt ist oder nicht.» Allgemein anerkannt sei Folgendes: Je weniger Viren im Blut nachweisbar seien, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung - das gelte nicht nur für HIV.
Vernazza räumt ein, dass ein wissenschaftlicher Beweis nicht möglich sei, «man kann es nur immer unwahrscheinlicher machen»: Je häufiger in einer solchen Situation keine Infektion passiere, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt passiere. «Ich behaupte nicht, dass es nicht passieren kann, aber das Risiko ist so gering, dass es vertretbar ist.» Laut Vernazza wird die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen, in der unter anderem Ärzte, die Aids-Hilfe und andere Präventionsfachleute sitzen, Anfang nächsten Jahres offiziell über das weitere Vorgehen informieren - zuerst Mediziner und Beratungsstellen, später dann auch die Öffentlichkeit.


















