Zürich

S-Bahn wird umgekrempelt und ausgebaut

06. Dezember 2007, 23:28 – Von Roger Keller

Viele Linien der Zürcher S-Bahn sind überlastet, einige gar krass. Jetzt ist klar, wo und wie das Netz ausgebaut wird, wenn der neue Tiefbahnhof Löwenstrasse in Zürich 2015 fertig gestellt ist.

Die Zürcher S-Bahn ist eine Erfolgsgeschichte und einer der wichtigsten Standortfaktoren des Kantons. Doch dieser Erfolg hat auch Schattenseiten: Viele Züge sind in den Spitzenzeiten übervoll, das bis zum Letzten ausgereizte Netz ist anfällig für Störungen; das ungebremste Passagierwachstum und die starke Zunahme der Pendler aus den Nachbarkantonen bereiten den Zürcher Verkehrsplanern schlaflose Nächte. Für 2015 rechnet der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) gegenüber 2004 mit rund 40 Prozent mehr Passagieren — eher vorsichtig kalkuliert.

Um dieses Wachstum bewältigen zu können, muss das S-Bahn-Netz ausgebaut werden. Das ist aber erst ab 2013 und 2015 möglich, wenn in Zürich der zweite Tiefbahnhof mit der unterirdischen Durchmesserlinie nach Oerlikon und eine neue Zufahrt aus Altstetten gebaut sind. Doch diese Bauten allein werden nicht reichen, weil der Tiefbahnhof Löwenstrasse gemäss Vereinbarung des Kantons mit den SBB zur Hälfte auch dem Fernverkehr zur Verfügung stehen muss und weil es auf dem Schienennetz rund um Zürich noch viele weitere Engpässe gibt, die eine volle Nutzung dieser 1,8-Milliarden-Investition verhindern. Kurz: Es braucht eine vierte Teilergänzung des S-Bahn-Netzes.

Gravierende Engpässe im Visier

Seit fünf Jahren sind die Fahrplanspezialisten von SBB und ZVV an der Arbeit, um herauszufinden, wie mit vertretbaren Investitionen ein maximaler Nutzen erzielt werden kann. Besonders im Auge haben die Planer die schon vorhandenen Kapazitätsengpässe, die zwischen Zürich und Winterthur besonders gravierend sind. Vor kurzem haben die SBB und der ZVV nun den Entwurf für einen Fahrplan ab 2015 bereinigt. Er ist laut ZVV-Verkehrsplaner Dominik Brühwiler sekundengenau durchgespielt und bringt praktisch allen Regionen markante Verbesserungen. Dabei werden mehrere Linien anders geführt, und es kommen neue hinzu, vor allem in Spitzenzeiten. Geplant sind auch mehr Durchmesserlinien, um die Hauptbahnhöfe von Zürich und Winterthur nicht noch mehr zu belasten.

Auf dem Fahrplan aufgebaut ist die Liste der dafür nötigen Investitionen. Voraussetzungen sind die neue Durchmesserlinie mit dem Bahnhof Löwenstrasse in Zürich und einem 7./8. Gleis im Bahnhof Oerlikon. Nötig ist aber auch, dass der Bund aus seinen Kassen ebenfalls weiter investiert. Aus dem Topf für Anschlüsse an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz muss er rechtzeitig im Rafzerfeld und bei der Verzweigung der Flughafenlinie mit der alten Linie ZürichWinterthur investieren; dort brauchte es für die so genannte Überwerfung Hürlistein (kreuzungsfreie Einmündung) allein rund 75 Millionen Franken. Und aus dem Kredit für die Zukünftige Entwicklung der Bahninfrastruktur müssen weitere 380 Millionen für zusätzliche Gleisanlagen bei Effretikon sowie zwischen Kemptthal und Winterthur kommen.

550 Millionen für Teilergänzung

Die Kosten der eigentlichen vierten Teilergänzung der S-Bahn belaufen sich nach heutigem Stand auf weitere 550 Millionen Franken. Dabei ist noch nicht ausgehandelt, wie viel die SBB beziehungsweise der Bund übernehmen werden, und wie viel der Regierungsrat dem Kantonsrat als kantonalen Interessenbeitrag an die Projekte beantragen muss. Klar ist nur, dass bei dieser Teilergänzung diesmal ein erheblicher Teil auf Investitionen in den Nachbarkantonen entfällt, nämlich rund 220 Millionen Franken. Im Kanton Zürich wird das Geld für eine Vielzahl von zum Teil unspektakulären punktuellen Bauten benötigt. Auffallend sind Ausbauten in mehreren Bahnhöfen, darunter Winterthur, wo ein Teil der Perrons für lange S-Bahn-Kompositionen noch zu kurz sind, in Illnau, das in Spitzenzeiten zur Kreuzungsstation wird, in Pfäffikon ZH und in Marthalen. Hinzu kommen Perronausbauten an den Stationen der Wehntaler Linie.

Kostendeckung nicht schlechter

Der Fahrplan für die Investitionen ist bereits eng, und es ist damit zu rechnen, dass nicht alle geplanten Verbesserungen schon 2015 bereit sein werden, selbst wenn der Bund mit seinem Teil vorwärts macht. Ziel des ZVV ist es laut Dominik Brühwiler, dass der Kantonsrat 2009 über den Kantonsanteil an der vierten Teilergänzung befinden kann. Bis dahin müssen aber noch Verhandlungen mit den Nachbarkantonen und den SBB geführt werden. Bereits nächstes Jahr müssen die SBB das zusätzlich nötige Rollmaterial bestellen  ein Milliardenauftrag. Der Kostendeckungsgrad des ZVV sollte sich laut Brühwiler gemäss ersten Berechnungen wegen der Teilergänzung nicht verschlechtern.

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