Mit dem Schiff bis zum Escher-Wyss

30. Januar 2008, 20:22 – Von Martin Huber

Neue Idee für die Aufwertung des Limmatraums: Der Fluss soll zwischen Platzspitz und Escher-Wyss-Platz schiffbar werden – um Zürich-West besser an die Innenstadt anzubinden.

Lanciert hat die Idee die Kulturmeile Zürich-West, eine Vereinigung von Anwohnern, Grundeigentümern und Gewerbetreibenden, die sich seit fünf Jahren für die Steigerung der Standortattraktivität im Kreis 5 einsetzt. «Es geht um das Zusammenwachsen der City mit Zürich-West über diesen Flusslauf», sagt Präsident Christoph Gysi. Ein solcher Wasserweg liesse die Innenstadt wachsen und wäre eine ideale Verbindung nach Zürich-West. Bisher ungenutzte Flussläufe und -quais bekämen ein Grossstadt-Flair, das Sihlquai würde vom «wenig attraktiven Bachufer» zum echten Quai.

Vorbild Canal St. Martin in Paris

Und so soll es gehen: Mit einem zusätzlichen Wehr soll die Limmat leicht angestaut und damit schiffbar gemacht werden. Das Limmatschiff, das bisher nur bis zur Anlegestelle Landesmuseum verkehrt, könnte dann über eine Schleuse hinunter nach Zürich-West fahren. «Ähnlich wie beim Canal St. Martin in Paris», sagt Gysi.

Technisch sind laut Gysi mehrere Varianten möglich. So könnte mit einem verstellbaren Wehr unterhalb des Escher-Wyss-Platzes der Fluss so weit gestaut werden, dass die gesamte Flussrinne für Schiffe genug tief und die Strömung verringert würde sowie der Abfluss bei hohen Pegelständen garantiert wäre. Mit einer Schleuse kurz vor dem Bad oberer Letten könnte der Niveau-Unterschied zwischen Limmatkanal und Flussbett der Sihl überwunden und das EWZ-Kraftwerk umfahren werden.

Wehr und Schleuse wären nötig

Eine andere Variante sieht vor, den Fluss mit einem niedrigeren Wehr in Wipkingen nur bis etwa zum Bad unterer Letten zu stauen («Wipkingersee») und eine Schleuse beim EWZ-Kraftwerk Letten zu bauen. Dort gibt es bereits heute eine Anlage, um den Niveau-Unterschied zu überwinden: Kleinere Schiffe werden per Schienentransportwagen hinauf- oder hinuntergezogen. «Mit einem Weidling kann man schon heute auch bei Tiefwasser bis an den Escher-Wyss-Platz fahren», sagt Gysi. Denkbar wäre schliesslich auch eine Verbreiterung des bestehenden Limmatkanals. Das alleinige Ausbaggern des Flussbetts zur Gewinnung eine Fahrrinne genügte dagegen kaum.

Gysi hat sein Projekt samt Fotodokumentation inzwischen diversen Ämtern geschickt, so auch dem kantonalen Baudirektor Markus Kägi (SVP). Dessen Pläne für einen verbesserten Hochwasserschutz in Zürich waren im Dezember der Auslöser für seine städtebauliche Vision. Gysi: «Wenn schon die Sihl beim Hauptbahnhof für den Hochwasserschutz ausgebaggert wird, würde es sich lohnen, den ganzen Flussabschnitt näher anzuschauen und auch einen Wasserweg in Betracht zu ziehen.»

Kosten auf zehn Millionen geschätzt

Die Kosten für den schiffbaren Kanal schätzt Gysi auf rund zehn Millionen Franken. Im Vergleich zu den Kosten für das Tram Zürich-West und die Sanierung der Hardbrücke sei das wenig und durchaus verkraftbar. Denn eine Schiffbarmachung der Limmat wäre eine städtebauliche Chance und hätte viel touristisches Potenzial: «Der Canal St. Martin mit seinen Schleusen ist eine Touristenattraktion und prägt als Wasserweg mit seinen Quais ganze Quartiere.» Gerade der Escher-Wyss-Platz könnte eine Aufwertung gut gebrauchen. In dessen Umgebung entstehen in den nächsten Jahren Tausende neuer Arbeitsplätze und Wohnungen, und mancher neuer Bewohner würde wohl gerne das Schiff nehmen, um in die City zu gelangen.

«Originelle Idee» – mit Fragezeichen

Matthias Oplatka von der Abteilung Wasserbau im kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) spricht von eine «originellen und auch faszinierenden Idee». Er erinnert an Pläne für die Schiffbarmachung der Limmat mit Schleusen vor über 100 Jahren. Gysis Projekt sei aber wohl kaum realisierbar. Technisch wäre das zwar möglich, sagt Oplatka. Aber es stelle sich die Frage der Finanzierbarkeit. Er rechnet mit Kosten von weit über zehn Millionen und wegen des aufwändigen Planungsprozesses mit einer Realisierung nicht vor Ablauf von zehn Jahren. Zudem gebe es viele offene Fragen, etwa zum Hochwasserschutz und zur Ökologie.

Auch Conny Hürlimann, Sprecherin der Limmatschiff-Betreiberin Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft, findet die Idee auf den ersten Blick sympathisch: «Das wäre eine tolle Erschliessung des Gebietes.» Ob das Ganze realistisch ist, sei eine andere Frage. Es bräuchte viele Abklärungen, vor allem auch dazu, ob die Schiffsverbindung überhaupt einem Bedürfnis entspricht.

Der städtische Tiefbauvorsteher Martin Waser (SP) zweifelt am Nutzen: «Für das städtische Verkehrsnetz wäre eine solche Linie nicht notwendig, die Strecke wird von mehreren Tram- und S-Bahn-Linien bedient und ist auch zu Fuss sehr attraktiv.» Eine Verlängerung der Limmatschifffahrt ist für Waser auch aus Sicht der Naherholung kein Thema: Schiffe und die Infrastruktur mit Anlegestellen würden wohl eher stören. «Die Stadt würde ein solches Projekt nicht lancieren.» Wenig begeistert hatte sich die Stadt zuvor schon bei einem weiteren Projekt im Limmatraum gezeigt: der Surfwelle beim Letten.

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