«Der wohl grösste Kunstraub Europas»
11. Februar 2008, 16:22Aus der Sammlung Bührle im Zürcher Seefeld wurden vier Kunstwerke im Wert von 180 Millionen Franken erbeutet. Es handelt sich um Ölgemälde von Paul Cézanne, Edgar Degas, Vincent van Gogh und Claude Monet.
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- Die Sammlung Emil Bührle
Der bewaffnete Raubüberfall hatte sich gestern Nachmittag ereignet. Drei Maskierte, von denen mindestens einer bewaffnet war, waren kurz vor 16.30 Uhr in die Villa im Zürcher Seefeldquartier eingedrungen, in der die Bührle-Sammlung untergebracht ist, wie der Zürcher Stadtpolizei-Sprecher Marco Cortesi heute vor den Medien sagte.
Ein Mann bedrohte im Eingangsbereich Besucher und Museumsangestellte und zwang sie, sich zu Boden zu legen. Das Personal habe sich sehr gut verhalten und ein Eskalieren der Situation vermieden, sagte Cortesi. Zur Tatzeit hätten sich insgesamt 15 Personen im Hause aufgehalten, mehrheitlich aber in den oberen Stockwerken. Verletzt wurde niemand.
Während ein Täter die Leute in Schach hielt, hängten die beiden andern je zwei Bilder ab – und zwar in der Reihenfolge, in der sie aufgehängt waren, wie Museumsdirektor Lukas Gloor sagte. «Im grossen Saal hätte es noch teurere Werke gegeben.» Geraubt wurden «Mohnfeld bei Vetheuil» von Claude Monet, «Ludovic Lepic und seine Töchter» von Edgar Degas, «Blühende Kastanienzweige» von Vincent van Gogh und «Der Knabe mit der roten Weste» von Paul Cézanne. Sie gehörten laut Gloor zu den wichtigsten Werken der ganzen Sammlung. Ihr Gesamtwert wird auf 180 Millionen Franken beziffert.
Belohnung von 100'000 Franken
Dass die Räuber nicht noch mehr Bilder stahlen, führte Gloor darauf zurück, dass sie einfach nicht mehr tragen konnten: «Die Bilder waren unter Glas und deshalb ziemlich schwer.» Laut ersten Erkenntnissen der Stadtpolizei Zürich luden die Täter die Bilder unmittelbar vor dem Museum in ein weisses Fahrzeug und fuhren in Richtung Zollikon davon. Möglicherweise ragten die Bilder teilweise aus dem Kofferraum des Fahrzeugs. Der Polizei ist derzeit nicht bekannt, ob im Fahrzeug eine weitere Person sass.
Die Polizei war laut Cortesi sehr rasch am Tatort, aber zu spät: «Der Raubüberfall ereignete sich innerhalb von zwei bis drei Minuten», sagte er. Die Gemälde waren mit einer Alarmanlage gesichert, die beim Abhängen direkt bei der Polizei Alarm auslöste.
Die Polizei habe umgehend eine umfassende Spurensicherung aufgenommen, sagte Peter Rüegger, Chef Ermittlungen bei der Zürcher Stadtpolizei. Im Zentrum der Ermittlungen stehe das weisse Fahrzeuge der Täter. Gemäss Rüegger ist die Ausgangslage aber «sehr schwierig». Für Hinweise, die zur Wiederbeschaffung der geraubten Gemälde führen, ist eine Belohnung von 100'000 Franken ausgesetzt. Geldforderungen seitens der Räuber sind bislang noch nicht eingegangen.
Ab sofort nicht mehr öffentlich
Die Sammlung wird nach dem Kunstraub ab sofort für das Publikum geschlossen. Direktor Lukas Gloor sagte heute, künftig würden nur noch Führungen für Gruppen auf Anmeldung durchgeführt.
Bei den entwendeten Gemälden handle es sich durchwegs um weltbekannte Bilder, die auf dem freien Markt unverkäuflich seien. Es sei kein Zufall, dass der Raubüberfall ein Museum wie dieses getroffen habe.
Es sei ein kleines Haus an relativ isolierter Lage. Nun müsse die Sicherheitslage neu beurteilt werden, nicht nur von seinem, sondern auch von anderen, ähnlichen Museen, sagte Gloor weiter.
Vergleichbar mit Oslo
Der Sicherheitsstandard im Gebäude entspreche den heutigen modernen Ansprüchen, erklärte Polizeisprecher Cortesi weiter. Aufgrund bisheriger Erfahrungen konnte «nicht mit einem solchen Überfall gerechnet werden». Es handle sich um einen europaweit einzigartigen Raub. Er sprach vom «wohl grössten Kunstraub Europas», höchstens vergleichbar mit dem bewaffneten Überfall von 2004 auf das Munch-Museum in Oslo.
Damals wurden die Gemälde «Der Schrei» und «Madonna» des Malers Edvard Munch im Wert von rund 75 Millionen Euro geraubt. Sie wurden zwei Jahre später sichergestellt. Drei Männer wurden im Mai 2006 von einem norwegischen Gericht zu Freiheitsstrafen verurteilt, die erst vergangenen Monat von einer Berufungsinstanz verschärft wurden.
Gloor zeigte sich heute vor den Medien froh, dass weder Mitarbeitende noch Besucher beim Raubüberfall zu Schaden kamen. Das Museum war geöffnet, als die drei Räuber ihre Tat begingen. Wo und in welcher Höhe die Bilder versichert waren, darüber vereinbarten Polizei und Sammlung Stillschweigen.
Vier Tage nach Raub in Pfäffikon
Der bewaffnete Raub in Zürich ereignete sich nur wenige Tage nach dem Diebstahl vom Mittwoch von zwei Picasso-Bildern aus dem Seedamm-Kulturzentrum in Pfäffikon SZ mit einem Gesamtwert von 4,8 Millionen Franken. Ob zwischen den beiden Taten ein Zusammenhang bestehen könnte, konnte die Schwyzer Kantonspolizei heute nicht sagen.%perl>
Vier weltbekannte Werke
Bei den vier aus der Bührle-Stiftung gestohlenen Bildern handelt es sich allesamt um bedeutende Werke weltberühmter europäischer Impressionisten. Sie entstanden zwischen 1871 und 1895.
«Der Knabe mit der roten Weste» (Öl auf Leinwand, 80 x 64,5 cm) von Paul Cézanne zeigt einen jungen Italiener in folkloristischer Kleidung, der an einem Tisch sitzt, den Kopf in die linke Hand gestützt. Cezanne hat den Jungen - ein Berufsmodell - vier Mal gemalt und ein weiteres Mal aquarelliert. Das gestohlene Werk entstand in den Jahren 1894 und 1895 in Venturi. Bereits kurze Zeit nach der Fertigstellung hat der Kritiker Gustave Geoffrey nach Angaben der Sammlung Bührle von dem Gemälde gesagt, es halte den Vergleich mit den schönsten Figurenbildern der Malerei aus.
Das «Mohnfeld bei Vetheuil» (Öl auf Leinwand, 71,5 x 90,5 cm) malte Claude Monet um 1880, nachdem er sich von Paris abgesetzt und sich im Januar 1878 in dem kleinen Ort Vetheuil am Ufer der Seine für rund vier Jahre niedergelassen hatte. Für das Werk stellte Monet seine Staffelei in den blühenden Wiesengründen der Vienne auf, wo Kinder den roten Mohn pflückten. Dabei wendet er nicht mehr den von Manet beeinflussten Stil ruhig lagernder Farbflächen an, sondern malt in einem dichten Gewebe von Farbflecken eines feinen Pinsels.
«Blühender Kastanienzweig» (Öl auf Leinwand, 72,5 x 91 cm) heisst das Gemälde von Vincent van Gogh, das er 1890 in Auvers-sur-Oise malte. Der niederländische Maler, der sich noch im selben Jahr umbrachte, fand Gefallen an den alten Kastanienbäumen mit ihren Blütenkerzen. Er brach die Zweige ab, um sie in einer nur angedeuteten Vase zusammen mit Rhododendron zu malen. Spürbar ist laut der Sammlung Bührle in dem Bild das Erlebnis japanischer Kunst, zumal van Gogh, alles Gegenständliche vermeidend, die Blütenzweige auf einen blaugrünen, vibrierend strukturierten Grund gesetzt habe. Das Bild gelangte in den Besitz des Arztes Paul Gachet, der van Gogh bis in die letzten Tage seines Lebens betreute.
«Graf Lepic und seine Töchter» (Öl auf Leinwand, 65,5 x 81 cm) von Edgar Degas entstand um 1871, wohl nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Graf Ludovic Lepin war dabei nicht der Auftraggeber. Er war ein Freund der Impressionisten und stellte als Bildhauer gemeinsam mit ihnen aus. Degas zeichnete auf der hell grundierten Leinwand mit hellem, flüchtigem Pinselstrich, den er überall stehen liess. Nur dünne Lasuren liegen auf dieser Pinselvorzeichnung, wodurch ein fast aquarellartiger Effekt entstand. Einige Jahre später malte Degas den Grafen erneut mit den nun schon etwas herangewachsenen Töchtern auf der «Place de la Concorde».
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