Mutter mit Handschellen gedroht und dann Bub weggenommen

26. März 2008, 21:27 – Von Jürg Schmid

Schock für ein Elternpaar in Weisslingen: Eines Tages stehen Polizisten und eine Vertreterin der Vormundschaft vor der Haustür - und nehmen den siebenjährigen Buben mit.

Die Nerven von Barbara Eberhard (34) flattern noch immer heftig. Sie und ihr Lebenspartner Thomas Kosin (39) verstehen die Welt nicht mehr. Kurz vor Ostern läuteten Polizisten an der Haustür am Wohnort in Neschwil (Gemeinde Weisslingen). Die Uniformierten sagten, sie müssten den 7-jährigen Sohn Chris mitnehmen und in Zürich fremd platzieren. Sie legten der Mutter einen entsprechenden Beschluss der Fürsorgebehörde Weisslingen vor.

Die Mutter des Buben weigerte sich jedoch, das Papier zu unterschreiben. Darauf drohten ihr die Polizisten, sie und ihren Partner in Handschellen zu legen. In dieser schier ausweglosen Situation gab die Mutter schliesslich nach. «Ich konnte Chris keine Zahnbürste und keine Kleider mitgeben. Erst am Abend durfte ich ihn für kurze Zeit besuchen und ihm Kleider bringen. Die Polizisten fragten nicht einmal nach, ob der Bub eine Allergie habe und allenfalls Medikamente benötige», erzählt die Mutter.

Zwei Tage später war der Sohn wieder zu Hause. Ein Einzelrichter des Bezirksgerichts Zürich hatte die sofortige Entlassung befohlen. Der Beschluss der Behörde sei formell fehlerhaft gewesen, sagt der Anwalt der Familie. Zudem sei der Bub zu Hause nicht gefährdet. Dies haben der Schul- und Hausarzt sowie eine Ärztin am Kantonsspital Winterthur in Zeugnissen bestätigt, welche dem TA vorliegen. Darin heisst es beispielsweise: «Weiter bin ich aus schulärztlicher Sicht erstaunt, dass auf Grund schulischer und pädagogischer Probleme bereits die Vormundschaftsbehörde involviert wird. Ich glaube nicht, dass Anhaltspunkte bestehen, dass Chris gefährdet ist, wenn seine Mutter die Obhut hat.»

Für den Anwalt ein «Skandal»

Der Anwalt, der den Vorfall als «Skandal» bezeichnet, vermutet hinter dem Vorgehen der Schulpflege und der Fürsorgebehörde eine Vergeltungsaktion, weil die Mutter und ihr Lebenspartner Beschlüsse der Schulpflege angefochten hatten. «Mit dem Kindswohl ist der Obhutsentzug, die Anordnung der Beistandschaft, der Fürsorgerische Freiheitsentzug, das Abführen und Androhung von Handschellen in keiner Weise erklärbar», schreibt der Anwalt. Es gibt ein Indiz, dass es bei der Aktion darum ging, ein Exempel zu statuieren. Gegenüber dem Hausarzt soll laut Thomas Kosin eine Behördenvertreterin mangelnde Zusammenarbeit der Eltern mit den Behörden angeführt haben - als Begründung für die schwerwiegende Massnahme.

Zur Eskalation mit der überraschenden Polizeiaktion war es gekommen, weil sich die Mutter und ihr Partner gegen Massnahmen der Schulpflege gewehrt hatten. Hängig ist ein Rekurs bei der Bildungsdirektion gegen ein Timeout. Mit dieser disziplinarischen Massnahme wurde Chris für eine Woche aus der Schule genommen. Pendent ist auch ein Rekurs beim Bezirksrat Pfäffikon gegen Chris' Versetzung von der Primarschule in Neschwil nach Weisslingen.

Die Schulpflege wirft dem Buben auf Grund von Aussagen von Lehrpersonen unter anderem vor, er schlage drein, belästige andere Kinder, werfe Steine und lasse sich nichts sagen. Der Schulpsychologe kam zur Ansicht, Chris sei zwar ein aufgeweckter und vifer Bub, er wirke aber äusserst unkonzentriert. Der Psychologe meint auch, Chris sei familiär und schulisch stark belastet. Die Mutter und ihr Partner waren nach Gesprächen mit Schulvertretern stets ratlos und verärgert. «Weder die Lehrerin noch die Schulleitung konnten uns je klipp und klar sagen, was Chris angestellt haben soll.»

Die Mutter weiss, dass ihr Bub kein Engel ist. Deshalb hat sie ihn auf Anraten des Hausarztes auch beim sozialpädiatrischen Zentrum des Kantonsspitals Winterthur für eine Abklärung angemeldet. Die Untersuchung ist noch im Gang. «Ich habe mich gegen ein Timeout und die Versetzung von Neschwil nach Weisslingen gewehrt, weil ich zuerst wissen will, wies um Chris steht», sagt Barbara Eberhard. Wegen des traumatischen Erlebnisses haben sie, ihr Partner sowie ihr Ex-Mann das Vertrauen in die Schulpflege und die Fürsorgebehörde gänzlich verloren. «Nach Gesprächen sind unsere Aussagen und die meines Ex-Mannes stets grob verfälscht worden, um das Bild einer zerrütteten Familie zu konstruieren», ist Barbara Eberhard überzeugt.

Bub erhält jetzt Einzelunterricht

Die Präsidentin der Fürsorgebehörde wollte am Mittwoch zum Vorfall nicht Stellung beziehen. Auch der Präsident der Schulpflege war dazu nicht bereit. Es handle sich um ein laufendes Verfahren und für Auskünfte sei allein die Fürsorgevorsteherin zuständig.

Die Schulpflege hat mittlerweile für Chris doch noch eine vorläufige Lösung gefunden. Ab Donnerstag wird er mit dem Schulbus von Neschwil nach Weisslingen gefahren und dort von einer Lehrperson einzeln unterrichtet.

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