Zürich

Wikipedia als Spielwiese der Eitelkeiten

27. März 2008, 21:38 – Von Ruedi Baumann

Im Online-Lexikon Wikipedia kann jeder herumbasteln. Das gilt auch für Zürcher Politiker – oder ihre Kritiker. Die Einträge sagen viel über die Personen und ihre Befindlichkeit aus.

Was gibt es Geileres, als sich selbst zu googeln und einen Haufen Einträge zu finden? Wer sich im Internet nur als Mitglied seines Turnvereins oder Teilnehmer am Silvesterlauf findet, hat es noch nicht sehr weit gebracht. Ein richtiger Promi ist erst, wer in der freien Enzyklopädie Wikipedia auftaucht. Zwei Millionen Artikel sind dort auf Englisch gespeichert und bereits 730'000 auf Deutsch, viele davon Personenporträts. Das Spezielle am Internetlexikon: Jeder kann auf einfache Art selbst Beiträge verfassen, ergänzen oder verändern. Allerdings wird jede Änderung samt Internetprotokoll-Adresse sekundengenau und für alle einsehbar gespeichert. Interessant sind somit nicht nur die Kurzporträts, sondern vor allem die Änderungen.

Köppel machte den Anfang

Schlagzeilen gemacht hatte im letzten Herbst als Erster «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel. Die «SonntagsZeitung» hatte aufgedeckt, dass er in seinem eigenen Eintrag «tendenziöse bis falsche Angaben» korrigiert habe. Auch die Pressestellen von Coop und Credit Suisse korrigieren regelmässig kritische Einträge. Bei Grossfirmen und wichtigen Personen scheint das gang und gäbe.

Das Wikipedia-Porträt von Bundesrat Moritz Leuenberger zum Beispiel enthält gegen 500 Änderungen. Sie reichen von unflätigen Vandalenakten und Textverstümmelungen über Beleidigungen, politischen Wertungen bis zu nüchternen Fakten. Am Tag der rechtskräftigen Verurteilung von Bazl-Chef Raymond Cron wurde Leuenberger prompt vorgeworfen, er sei «der erste Bundesrat, der einen vorbestraften Chefbeamten beschäftigt». In der gleichen Artikeländerung wurde Leuenberger als «untätiger Intellektueller» bezeichnet. Bereits 50 Minuten später folgte die Änderung auf «wenig tatkräftiger Intellektueller». Generell scheint Leuenbergers Porträt ein Tummelfeld der Südschneiser, um ihren Frust über den Fluglärm loszuwerden. Daniel Bach, Mediensprecher von Leuenberger, sagt: «Wir kontrollieren die Wikipedia-Einträge von Zeit zu Zeit, korrigieren aber nur offensichtliche faktische Fehler. Interpretationen und politische Wertungen tasten wir nie an.»

Zanetti änderte für Fuhrer

Die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Rita Fuhrer war da eine Zeit lang heikler. Praktisch sämtliche kritischen Einträge wurden immer wieder gestrichen: zum Beispiel, dass sie 1995 bei ihrer Wahl in den Regierungsrat in Pfäffikon selbst nicht gewählt worden sei. Oder dass sie als Mutter des Fluglärmindexes die komplizierte Formel selbst nicht verstehe. Gestrichen wurden auch die Passagen über Personalabgänge und missbräuchliche Kündigungen in ihrem Amt. Dafür wurde sie als «verlässliche bürgerliche Kraft» charakterisiert, der man es «am ehesten zutraut, in den Verhandlungen mit Deutschland den richtigen Ton zu finden». Der damalige SVP-Parteisekretär Claudio Zanetti erklärt, selber zweimal «unrelevante und beleidigende Passagen» entfernt und durch «politisch korrekte Fakten», die dem Leistungsausweis von Fuhrer entsprechen, ersetzt zu haben. «Als meine Version immer sofort wieder rausgekippt wurde, war es mir nach zwei Änderungen zu blöd», sagt Zanetti.

Mario Fehr steht zu Ergänzungen

Während viele für ihre Porträts Freunde und Bekannte anstellen oder zumindest von fremden Computern aus operieren, gibt SP-Nationalrat Mario Fehr in einem Wikipedia-Forum öffentlich zu, sein Kurzporträt 2005 selber geändert zu haben. Die Hälfte des Eintrages umfasste sein Engagement für einen zum Tode verurteilten Amerikaner. Dies sei nicht von zentraler Bedeutung für seine 20-jährige Karriere als Politiker, argumentierte Fehr und ergänzte seine Daten mit dem Eintrag, dass er auch noch Adliswiler Stadtrat sei.

Ein wildes Hin und Heer findet sich bei Ruedi Lais, dem SP-Fraktionspräsidenten im Kantonsrat und Fluglärmexperten. Da wurde – vermutlich von Südschneisern – hineingeflickt, er sei «ein Freund von Moritz Leuenberger». Und mehrfach böswillig geändert wurden auch persönliche Angaben: Statt mit seiner Frau «in Partnerschaft» zu leben, wurde ihm ein «Konkubinat» angedichtet. Die Hinweise auf die rhetorisch Brillanz von Lais und seine vielfältigen Sprachkenntnisse bis hin zu Hebräisch scheinen allerdings eher auf eigenem Mist gewachsen zu sein.

Bei den SVPlern Hans Fehr und Ulrich Schlüer fällt ein gehässiger Streit auf, ob der Link zu «Rechtsextremismus» statthaft sei. Letztlich wurde er entfernt. Das Porträt von Christoph Mörgeli enthält die Warnung: «Die Neutralität dieses Artikels ist umstritten.»

Die Wikipedia-Porträts lassen aber auch auf gutmütige und sympathische Charaktere schliessen. Polizeidirektor Hans Hollenstein störte sich nie am Eintrag, dass er in Winterthur als «Kifferjäger» bekannt ist. SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi ergriff keine Zensurmassnahmen gegen die Textpassage, dass er «als Schreinermeister bezeichnet wird, aber über keine Meisterprüfung verfügt». Und die SP-Nationalräte Chantal Galladé und Daniel Jositsch gelten selbst in Wikipedia als «Polit-Traumpaar». Aber wie gesagt: Änderungen sind jederzeit möglich.

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