Widmer-Schlumpf enttäuscht die Zünfter
01. April 2008, 22:00 Von Stefan HäneEveline Widmer-Schlumpf sagt ihren Auftritt am Sechseläuten ab. Wegen Drohungen fürchtet die Bundesrätin um ihr Wohl. Zünfter bedauern ihren Rückzug. Kritik gibt es von der SVP.
Sie alle marschieren am diesjährigen Sechseläuten vom 14. April mit: SVP-Bundesrat Samuel Schmid als Ehrengast der St.-Niklaus-Zunft, Bundeskanzlerin Corina Casanova als Ehrengast der Stadtzunft sowie Alt-Bundesrat Christoph Blocher bei der Zunft zur Saffran. SVP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf hingegen verzichtet auf ihren Auftritt, dies nach Rücksprache mit der Bundespolizei.
Ihren Besuch bei der Zunft Fluntern hat sie abgesagt, bestätigt Zunftmeister und «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Felix E. Müller einen Bericht der NZZ. Ein Ersatz sei nicht geplant. Grund für den negativen Entscheid sind Sicherheitsbedenken. Wie Müller erklärt, sind gegen Widmer-Schlumpf, aber auch gegen ihn zum Teil massive Drohungen eingegangen.
«Sie hat Angst, ausgebuht zu werden»
Die Drohungen ausgelöst hat der SF-Dokumentarfilm vom 6. März über die Abwahl von Christoph Blocher. Ob des Streifens ist manch einem SVPler fast die Galle hochgekommen. Trotzdem zeigt sich Müller nun «überrascht vom Ausmass der Re-aktionen». Bislang seien Bundesräte - egal welcher Parteicouleur - am Sechseläuten willkommen gewesen; die Zürcher Bevölkerung habe einen «Grundrespekt vor diesem Amt» gezeigt. Der Rückzug von Widmer-Schlumpf schicke ein ambivalentes Signal an die Drohenden. Es sei in gewissem Sinne ein Nachgeben. «Ich verstehe aber, dass sie abgesagt hat», sagt Müller.
In der Zürcher SVP sieht man dies anders. Hansjörg Frei, Präsident der kantonalen SVP, verurteilt die Drohungen zwar aufs Schärfste; er wirft Widmer-Schlumpf aber eine «gewisse Naivität» vor. Es zeuge nicht eben von Fingerspitzengefühl, dass sie die Einladung überhaupt angenommen habe. Von Widmer-Schlupf war keine Stellungnahme erhältlich.
Nationalrat Christoph Mörgeli ortet ein «durchsichtiges Ablenkungsmanöver»: «Frau Widmer-Schlumpf hat Angst, ausgebuht zu werden.» Dass sie nicht auftrete, sei eine «ungeheuerliche Beleidigung» für die Zürcher Bevölkerung. Sie unterstelle damit, es handle sich bei den Besuchern dieses friedlichen Festes um einen «gewalttätigen Pöbel». Laut Mörgeli hat Blocher trotz Drohungen nie einen öffentlichen Auftritt gescheut.
Betreibt Zunft Fluntern Parteipolitik?
Dass die SVP mit ihrem Kesseltreiben gegen die Bündner Bundesrätin eine Eskalation der Lage heraufbeschworen hat, bestreitet Mörgeli. Eine Provokation sei vielmehr das Vorgehen von Felix E. Müller. Mit der Einladung an Widmer-Schlumpf habe der «intime Blocher-Hasser» ein politisches Zeichen setzen wollen. In Zunftkreisen sei dies aber nicht gut angekommen, behauptet Mörgeli, der selber Zünfter ist. Dagegen wehrt sich Müller: «Ich betreibe mit meinen Einladungen ans Sechseläuten keine Parteipolitik.» Auch Blocher sei schon Gast der Zunft Fluntern gewesen.
Inwieweit die Einladung von Widmer-Schlumpf in Zunftkreisen für Verärgerung gesorgt hat, ist schwierig zu beurteilen. Tatsache ist: Das Zentralkomitee der Zürcher Zünfte (ZZZ) will sich zu dieser Frage nicht direkt äussern. Jede Zunft könne einladen, wen sie wolle, sagt Sprecher Andreas Weidmann. Und betont, es sei bedenklich, wenn sich Bundesräte nicht mehr frei bewegen könnten. Laut Weidmann ist es das erste Mal in der Geschichte des Sechseläutens, dass ein Ehrengast wegen Sicherheitsbedenken die Teilnahme absagt.
Just diese Tatsache erzürnt Zürichs Stadtpräsident Elmar Ledergerber (SP). «Die erzwungene Absage von Frau Widmer-Schlumpf ist eine Schande für die SVP.» Dass eine SVP-Bundesrätin offensichtlich von SVP-Sympathisanten bedroht werde, stelle der Partei und ihrem Umfeld ein schlechtes Zeugnis aus. Die SVP schaffe ein Klima der Feindschaft und nehme solche Auswüchse in Kauf.
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