«Die Stadt wird beschallt wie ein Warenhaus»
29. April 2008, 20:25Ringiers Frank A. Meyer geht mit dem Tagi einig: In Zürich herrscht Begeisterungszwang. Warum sagt er im Gespräch mit Marc Walder, Chefredaktor des «Sonntagsblicks».
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- In Zürich herrscht Begeisterungszwang
Mit Frank A. Meyer* diskutierte Marc Walder bei einem Espresso
Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, kennen Sie das Gerücht, die ständigen Events in Zürich hätten Sie nach Berlin vertrieben?
Wenn Sie so fragen ... das wäre durchaus eine Begründung für meinen Wegzug aus dieser Stadt.
Dann hätten wir Sie ja mit Vergnügen vertrieben!
Das organisierte Vergnügen, das Zürich in der Open-Air-Saison Wochenende für Wochenende überzieht, macht mir doch einen recht angestrengten Eindruck. Zürich braucht offenbar den Festbetrieb, sonst spürt es sich nicht. Wer die Innenstadt umzirkeln muss, weil gerade wieder ein Freudenfest wie der Zürich-Marathon, der Inline-Marathon, der Züri-Triathlon oder die Streetparade inszeniert wird, der ärgert sich einfach.
Da sind Sie ja mit dem «Tages-Anzeiger» endlich mal einer Meinung. Der schrieb: «In Zürich herrscht Begeisterungszwang.»
So ist's. Die Stadt, die Max Frisch einst liebevoll als Städtchen bezeichnete, ist zum Event-Standort geworden. Das ist natürlich nicht nur ein Zürcher Phänomen. Allerdings wirkt es sich dort besonders fatal aus: Die Stadt ist zu klein, um Weltstadt zu sein. In Berlin ist ein Event ein Event, irgendwo. In Zürich beherrscht ein Event gleich die ganze City.
In der Zwingli-Stadt wird hart gearbeitet, warum sollen die Menschen dort nicht auch unterhalten werden?
Die Veranstaltungs-Manie nimmt ja den Menschen nicht nur die Stadt weg, sondern gleich auch das Wochenende. Der Aktivismus des Alltags wird durch die Eventionitis auch noch auf Samstag und Sonntag ausgedehnt. Die Stadt soll nicht zur Ruhe kommen, die Bürger nicht zur Besinnung: bloss nicht aussteigen, bloss nicht gemütlich in einer Gartenbeiz sitzen, bloss nicht seelenruhig durch die Strassen schlendern, bloss nicht besonnen auf den See blicken, bloss nicht auf andere Gedanken kommen!
Müssiggang und Beschaulichkeit passen weder zu Zwingli noch zur totalen Marktwirtschaft.
Die Stadt wird beschallt wie ein Warenhaus, die Menschen werden beschäftigt wie am Arbeitsplatz.
Ganz ehrlich, Frank A. Meyer, in Berlin scheinen Sie zum preussischen Sauertopf geworden zu sein.
Im Gegenteil! Ich kritisiere die nahtlose Fortsetzung von Arbeit und Konsum am Wochenende: durch das Ab-Arbeiten und Konsumieren von aufgezwungenen Events. Man unterhält sich ja nicht mehr untereinander, man kauft das Produkt Unterhaltung und wird damit bewahrt vor jedem Blick auf sich selbst. Aber, wie gesagt: Das ist nicht Zürich-typisch, nur wird es in Zürich besonders deutlich durch die Enge der Stadt.
Wenn ich Ihnen folge, dann sollten wir die Euro 08 besser gleich absagen. Da wirds doch besonders hoch hergehen.
Auch da warten auf Zürich wieder Wochenenden voller Polizisten, privater Sicherheitsleute, ziviler Hilfskräfte. Die Stadt unter Kontrolle, die Bürger unter Kontrolle. Die Fussballwirtschaft, wie sie Sepp Blatter erfunden hat, übt ihr autoritäres Regiment aus, bis hin zu erlaubten oder verbotenen Biersorten und Bratwürsten.
Irgendwie klingt das alles so lebensunlustig ...
Mit Lust hat die verwirtschaftete Freizeit ja nichts zu tun. Für Lust braucht man Zeit und Raum. Der grosse italienische Dichter und Filmer Pier Paolo Pasolini hat den Konsumismus schon in den Siebzigerjahren als autoritäre Herrschaftsform analysiert. Er beklagte das «Verschwinden der Glühwürmchen». Die Scheinwerfer der Events, die unsere Städte heimsuchen wie eine Landplage, überstrahlen alles.
* Marc Walder, 42, ist Chefredaktor des «SonntagsBlicks». Frank A. Meyer, 64, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Dieses Gespräch, das wir integral aus dem letzten Sonntagsblick übernommen haben, dreht sich um den Artikel «In Zürich herrscht Begeisterungszwang» von Stephan Pörtner im TA vom 19. April.













