In Zürich herrscht Begeisterungszwang
19. April 2008, 08:00 Von Stephan PörtnerWir wissen schon im Voraus, dass die Euro ganz wunderbar sein wird. Das Lebensgefühl in einer Stadt, die sich für die beste der Welt hält.
Man muss sich einfach wohl fühlen in der besten Stadt der Welt: die höchste Lebensqualität, die coolsten Clubs, die schönsten Frauen, die erfolgreichsten Männer, die lebhafteste Kunstszene, die höchste Kinodichte, die trendigsten Bars und erlesensten Restaurants finden sich in Zürich.
Nur schon das Nachtleben: Was immer international erfolgreich ist, kann man alsbald in Zürich sehen: Bands, DJs, Dichter, Filme, Theaterstücke, Musicals, Opern. Die angesagten Sachen finden in angesagten Locations statt.
Die Clubs sind die Tempel der Hipness, und Hipness hat immer etwas mit Exklusivität zu tun. So einen Club kann man nicht einfach betreten, nachdem man den üppigen Eintritt bezahlt hat. Man muss erst lange in der Kälte stehen, sich von Türstehern anschnauzen lassen.
Nach der Veranstaltung wird man schon wieder auf die Strasse gescheucht, weil die nächste Herde eingewinkt werden muss. Stimmung und Publikum entsprechen der eines Zolliker Schülerfezes, aber man wähnt sich in einem Club mit internationalem Flair.
Während die Sturmtruppen den Ein- und Ausgang kontrollieren, werden drinnen die Leute – wie einst in Zwinglis Kirchen, als die vorderen Bänke für die Mehrbesseren reserviert waren – in Schichten eingeteilt. Die oberen Bereiche des Lokals sind nur ausgesuchten Leuten zugänglich: Spezis, Promis und Kaufkräftige dürfen auf das gemeine Volk hinunterschauen und es auslachen, sollte es eine falsche Bewegung machen, ein falsches Kleidungsstück tragen oder das falsche Getränk bestellen.
Die Zürcher Nachtschwärmer lassen sich das alles klaglos gefallen. «Die Betreiber müssen halt Geld verdienen», heisst es einhellig. Wer Geld verdient, hat immer Recht.
Man will nur gute Bands hören in Zürich. Gute Stücke sehen. Zu guten DJs tanzen. In coolen Bars abhängen. Weil die Stadt aber nicht nur schön, sondern auch teuer ist, muss man viel arbeiten, wenn man dazugehören will. Da bleibt keine Zeit, einen eigenen Geschmack zu entwickeln.
Zürich ist Second-Life-City. Hier wird nicht gelebt, sondern das Leben nachgespielt. Wenn man selber keine Ideen hat, kauft man sich eben welche. Trends werden bedingungslos mitgemacht. In keiner anderen Stadt beugt man sich dem Modediktat so strikt wie in Zürich. Es gibt zwar die Geschmacksrichtungen edel, schick und kreativ, aber das sind nur Nuancen. Die Hosenbünde klettern die Hüften hinab und dann wieder hinauf. Man trägt die Jeans bald hochgekrempelt, dann hauteng und jetzt mit Schlag. Es wachsen die Bärte und Haare und werden wieder zurechtgestutzt. Die Kappen, Mützen und Hüte bleiben nicht lange aktuell. Das Fortbewegungsmittel muss ständig gewechselt werden.
Die Hipster haben die Lenker ihrer Vintage-Renner abgesägt und die Schutzbleche demontiert, um den Velokurier-Look zu kopieren. Man darf alles in dieser Stadt, ausser von gestern sein. So stehen sie mit einem Spritzwasserstreifen am Rücken und dem neuesten Lokalbier in der Hand im berühmten «Zürcher Halbkreis» am Konzert.
Niemand will zuvorderst stehen. Man will dabei sein, aber sich nicht exponieren. Darum gibt es in Zürich immer diesen Sicherheitsabstand vor der Bühne. Alles, nur keine Stellung beziehen. Was, wenn die Band ihren Zenit schon überschritten hat? Wenn man sich begeistert und dann in den Internet-Foren steht, das Konzert sei schlecht gewesen? Man überlebte es nicht.
Was einem an Geschmack gebricht, kann Gott sei Dank mit Kaufkraft wettgemacht werden. Ohne Kaufkraft ist man nichts. Man braucht sie unter anderem für das Exerzieren der Lebensfreude.
Bald gastiert der Marketing-Event mit Pausenfussball, bekannt als «Euro 08», in Zürich. Diesen Sommer wollen wir in Lebensfreude vereint sein. Die Deutschen haben vor zwei Jahren gezeigt, wie man halbnacktes Massensaufen untermalt von schlechter Technomusik zu Offenheit, Begeisterung und Lebensfreude hochjubelt.
Das können wir auch. In Zürich herrscht Begeisterungszwang. Wehe dem, der Gott Fussball und seinen Hohepriestern, den Sponsoren, nicht lautstark huldigt. Wir wissen schon in Voraus, dass die EM ganz wunderbar sein wird. Wir warten nicht ab, ob es gute oder schlechte, langweilige oder spannende Matches geben wird.
Stand in den Neunzigerjahren an der Wohlgroth noch das Motto «Alles wird gut», so heisst es heute: «Alles ist super.»
Wir sind super, und alles, was wir tun und erleben, ist deshalb auch super. Wer nicht mitmacht, stört. Und erlaubt ist, das wissen die Zürcher, was nicht stört. Die Polizeichefin hat es befohlen.
Nicht störend, sondern verstörend ist diese Ansicht, es gebe den gesunden Menschenverstand und der decke sich praktischerweise mit dem eigenen Verhaltens- und Denkhorizont.
Wer aber die Nörgelseite «Züri-Echo» im «Tagblatt der Stadt Zürich» liest, weiss, dass all dies die Zürcher stört und folglich nicht erlaubt sein dürfte: Kinderwagen, alte Menschen, Jugendliche, Ausländer, Deutsche, Missmut, Trödelei, die Weihnachtsbeleuchtung, Velofahrer, Autofahrer und Fussgänger, Lärm sowieso, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Sollten einmal Zweifel aufkommen, ob man sich tatsächlich so prächtig amüsiert wie verordnet, oder wenn sich eine gewisse Leere breit macht, steht das Gegenmittel bereit: Kokain. Nirgends auf der Welt wird mehr gekokst als in Zürich. Zwei Kilo pro Tag gehen weg. Das schätzen Fachleute auf Grund der im Abwasser gefundenen Spuren. Aber die Begeisterung nur auf die euphorisierende Wirkung des in Zürich allgegenwärtigen Pulvers zurückzuführen, griffe wohl zu kurz.
Denn wir sind nicht nur im Koksen Weltmeister. Zürich säuft, kifft, schmeisst Trips, spickt Pillen und fixt.
Weitere Indikatoren für das hohe Wohlbefinden der Zürcher: Wir haben eine enorm hohe Dichte an Prostituierten, darunter auch Opfer von Menschenhandel. Trotzdem darf nicht daran gezweifelt werden, dass wir die Besten sind und in der besten aller Städte leben. Diese provinzielle Selbstzufriedenheit ist es, die Zürich daran hindert, Weltstadt zu sein. Zürich bleibt die Grossstadt der Hinterbänkler, der Einfamilienhausgören und Vorörtler.
Die begeistertsten Zürcher stammen aus Käffern. Allen voran der Stadtpräsident, ein Engelberger, der zweite Innerschweizer Stapi in Folge.
Die Dörfler sind vor allem davon begeistert, den Sprung in die vermeintliche Metropole geschafft zu haben. Je besser man die Stadt redet, in der man es geschafft hat, desto besser ist man selber.
Natürlich ist seit ein paar Jahren Berlin noch besser. Man kann dort Provinzler aus der ganzen Welt treffen, die dem Hype gefolgt sind. Aber da sich dort kein Geld verdienen lässt, landen die meisten dann doch wieder in Zürich. In der Gemütlichkeit und wärmenden Gewissheit des vorgeturnten Lebens, in der beruhigenden Wirkung des geprüften Geschmacks. Zürich ist das Paradies der hippen Kleinbürger, die mit der Masse gehen, nicht auffallen, auf die niederen Schichten herabschauen, in die abzurutschen ihnen droht, und die zu den Erfolgreichen und Mächtigen aufblicken, zu denen sie gerne gehören würden.
Da muss man sehen, mit wem man sich einlässt. Wie leicht gerät man in den Ruf, ein Langweiler und Bünzli zu sein. Die Urangst der Langweiler und Bünzlis.
Und dann gibt es in Zürich noch jene, die auf die Rückkehr der Jugendunruhen warten, wie andere auf die Rückkehr des Messias. Und solche, die sagen, dass Zürich eine Zeit lang wirklich vorzüglich gewesen sei, ungefähr zwischen 1985 und 1995. Als der Untergrund gross genug war, um nicht sektiererisch zu sein, als sich die Szenen mischten, die Keller und Fabrikhallen aufblühten und die Chemie die Zürcher weichspülte. Als noch nicht jede Ecke ausgeleuchtet war und man unverhofft Überraschendes und Berauschendes erleben konnte. In dieser Zeit wandelte sich das übertrieben negative Lebensgefühl des vorangehenden Jahrzehnts in das übertrieben positive des darauf folgenden und war für eine Weile ganz akkurat.
Nüchtern betrachtet ist Zürich eine sichere, schöne, statusbewusste Stadt, in der sich leicht Geld verdienen und ausgeben lässt. Wem das Leben genug ist, der wird restlos begeistert sein.
Stephan Pörtner, 1965, ist im Zürcher Seefeld aufgewachsen und lebt trotz allem gerne in der Stadt. Sein letzter Roman «Köbi Santiago» erschien im Herbst 2007 im Bilgerverlag. Dieser Text ist in erweiterter Form in der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift «Entwürfe» zum Thema Zürich erschienen ( www.entwuerfe.ch ).
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