«Die Schweiz gleicht einem Feudalstaat»
13. Mai 2008, 23:30 Von Constantin SeibtHans Kissling, der ehemalige Zürcher Chefstatistiker, ist kein grauer Theoretiker. In einem Buch rechnet er vor: In Zürich sind nur die Superreichen reicher geworden. Das ist Dynamit.
Er sieht sehr britisch aus. Die Brille, die Krawatte. Das graue Haar, das so diszipliniert geschnitten ist wie englischer Rasen. Und sein Beruf ist ebenso gepflegt, diszipliniert und unsensationell wie englischer Rasen: Hans Kissling war 14 Jahre Chef des statistischen Amts des Kantons Zürich.
Nun ist er pensioniert und hat ein Buch geschrieben: «Reichtum ohne Leistung». Es ist nur ein schmales Buch. Aber es enthält mehr politischen Sprengstoff als viele dicke Wälzer. Denn der Statistiker Kissling hat sich an ein Tabuthema gemacht: die Vermögensverhältnisse in Zürich.
Dazu erforschte Kissling die Steuerdaten im Kanton Zürich zwischen 1991 und 2003. Und kam zu dem Schluss: 1. Reicher geworden ist in den letzten 12 Jahren praktisch nur eine Gruppe: die sehr Reichen. 2. Die Schweiz hat von der Vermögensstruktur her deutliche Züge eines Feudalstaats. 3. Die Zukunft wird weniger von Leistungsträgern, sondern von reichen Erben dominiert werden.
Für Statistiker ist der Kanton Zürich ein Glücksfall. Denn hier werden - wie sonst kaum irgendwo - seit 1991 alle vier Jahre die Steuerdaten im Detail archiviert. Das ist teuer, aber interessant. Denn dadurch lässt sich die Vermögensentwicklung präzise auswerten. Kissling vergleicht die Jahre 1991 und 2003. Und seine Ergebnisse sind:
- Im Durchschnitt ist das Vermögen der rund 730'000 Zürcher Steuerzahler in diesen 12 Jahren nur sehr moderat gestiegen: von 29'000 auf 35'000 Franken.
- Es gibt einen Sockel von Vermögenslosen. 25, später 27 Prozent versteuerten ein Vermögen von 0 Franken.
- Richtig vorwärts gemacht hat nur das reichste Prozent der Steuerzahler: Ihr Vermögen ist von 1991 bis 2003 um 70 Prozent gewachsen: von durchschnittlich 4 auf 6,8 Millionen Franken.
- Davon hat sich die oberste Spitze raketenartig abgesetzt: Das reichste Zehntelpromille verdoppelte sein Vermögen von 80 auf 157 Millionen pro Kopf.
- Noch krasser entwickelte sich die oberste Spitze der Spitze: Die reichsten 10 Steuerzahler verdreifachten ihr Vermögen von 2,7 auf 8,5 Milliarden Franken. Die reichsten drei von 1,3 auf 4,4 Milliarden.
Milliarden? Mehr Milliarden!
Und diese Zahlen untertreiben noch. Denn im steuerbaren Vermögen sind nicht eingerechnet: Liegenschaften ausserhalb des Kantons, Altervorsorge, Hausrat und - nicht zuletzt - alle legalen und halb legalen Steuertricks. Da grosser Reichtum ganze Heerscharen an Steueranwälten anzieht, schätzen Fachleute das echte Vermögen der Reichen und Superreichen auf mindestens das Doppelte.
So kommt das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» regelmässig auf weit höhere Vermögen als die Steueranwälte. So etwa bei den Superreichen, die im Kanton Zürich auf den ersten drei Plätzen liegen: der (pauschal besteuerte) Oligarch Viktor Vekselberg wurde 2007 auf 14 bis 15 Milliarden geschätzt. Auf Platz 2 folgt der Autoimporteur Walter Haefner mit 7 bis 8 Milliarden. Und um Platz 3 in Zürich streiten sich: der Bierbaron Jorge P. Lemann und der deutsche Erbe Michael Schmidt-Ruthenbeck mit je 4 bis 5 Milliarden.
In der Tat hat die Schweiz laut einer Uno-Studie 2006 die höchste Vermögenskonzentration der Welt - knapp höher als die für ihre superreichen Milliardäre berüchtigten USA. 10 Prozent besitzen 71 Prozent aller Vermögen. Dies ist auch historisch gesehen ein Rekord - die Vermögen sind heute ungleicher verteilt als zur Zeit der Industrialisierung, der Tycoons und Räuberbarone. Letztlich herrschen, so Kissling, «feudale Verhältnisse».
Feudal an den Verhältnissen ist auch, dass die Ungleichheit weiter wächst. Grosse Vermögen vermehren sich dank verschiedenster Anlagevehikel fast risikofrei. Und werden dann steuerfrei vererbt: In der Schweiz erben 178'000 Privilegierte innerhalb der nächsten 30 Jahre 969 Milliarden Franken, pro Jahr werden durchschnittlich vier frische Milliardäre am Grab ihrer Eltern stehen.
Motor der Marktwirtschaft stottert
Was Kissling daran stört, steht schon im Buchtitel: «Reichtum ohne Leistung». Der Statistiker ist studierter Ökonom und seit seiner Jugend «begeistert von der Marktwirtschaft». Doch entsetzt ihn, dass der Motor der Marktwirtschaft, die Chancengleichheit, nicht funktioniert. Er habe nichts gegen Neureiche, die ihr Vermögen erarbeitet hätten. Das Problem seien die Erben und die automatische Vermehrung grosser Vermögen ohne Arbeit. Und das Tempo der Verschärfung der Ungleichheit in nur 12 Jahren habe ihn schockiert.
Dies umso mehr, als dass im Mittelstand praktisch eine eingebaute Vermögensbremse sitzt: Kinder und Alter. Die enormen Krippenkosten von 150 Franken am Tag plus die Pflege im Alter (Jahreskosten 100'000 Franken) wirft Mittelständler regelmässig in die Nähe des Existenzminimums zurück.
Die Kosten einer neufeudalen Schweiz sind laut Kissling enorm: Leistungswillige werden von weniger talentierten Erben ausgebremst. (Reiche Kinder besuchen Eliteschulen, erben Chefposten im Clanunternehmen, kaufen sich Firmen.) Grundstückpreise explodieren in Kettenreaktion - erst in den Top-Lagen, wo die Reichen kaufen, dann in den nächstteureren, wo die kaufen, die gerade ihre Häuser verkauft haben, usw. Dazu steigt die Kriminalität. All das führt dazu, dass Länder mit mehr Ungleichheit kleineres Wirtschaftswachstum haben.
Das Hauptproblem sieht Kissling aber in der Ballung von politischer Macht. In den USA muss man reich sein oder das Programm reicher Gönner vertreten, um eine Chance in der Politik zu haben. In der Schweiz gab die von Milliardären geleitete SVP mehr Geld für Wahlwerbung aus als alle anderen Parteien zusammen. Und als der Milliardär Vekselberg Ärger bei der Übernahme von Sulzer hatte, protestierte die russische Regierung in Bern: erfolgreich. Sulzer gab nach.
Was tun?
Die Lösung ist laut Kissling: eine nationale Erbschaftssteuer. Diese müsste erst bei grossen Erbschaften von einer Million Franken pro Kopf ansetzen. Aber dafür mit mindestens 50 Prozent zubeissen, um zu wirken. Sie wäre laut Kissling so einfach wie gerecht: «Erbschaften tragen den Charakter eines Lottogewinns.»
Die geschätzten 10 Milliarden Einnahmen jährlich würde Kissling verwenden, um Steuern für kleine und mittlere Einkommen sowie für Unternehmen zu senken. «Das wäre eine liberale Lösung», sagt Kissling, «für eine faire statt feudale Marktwirtschaft.»
Zürich
Neues aus Ihrem Wohnort
- Hier finden Sie Nachrichten, Veranstaltungen und das detaillierte Lokalwetter ihrer und hundert weiterer Gemeinden im Gebiet des Tages-Anzeigers. Mehr...
- Gelangen Sie hier direkt zu Ihrer Gemeindeseite:
Meistgelesen in der Rubrik Zürich
Der Kampf um den Zürcher Stadtrat
Body Coach
-
Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. Er stellt einen individuellen Ernährungsplan zusammen, erstellt Einkaufslisten, schlägt Rezepte vor und unterstützt Sie beim Training.
















