Alte Bahnhöfe bieten Platz für neue Ideen
30. Mai 2008, 20:04 Von René DonzéRund 50 Bahnhöfe im Kanton Zürich haben keinen Kundenschalter mehr. Viele werden jetzt anders genutzt - und die Politik will das fördern.
Kindheitserinnerungen werden wach im Restaurant Gleis 1 in Rüschlikon: Die Schalter-Theke mit den Sprechlöchern im Glas und dem Drehteller, auf dem der Bahnhofvostand früher die Kartonbillette durchreichte, sind noch da. Die hölzernen Ablagen, auf denen sich einst Fahrpläne stapelten, ebenfalls. Doch auf der anderen Seite steht kein Bahnbeamter. Der Blick fällt auf gedeckte Tische mit essenden und trinkenden Gästen. Jahrelang stand der Bahnhof Rüschlikon leer. Jetzt lebt er wieder. Gaby und Rolf Luchsinger haben in der ehemaligen Schalterhalle eine Beiz eingerichtet, die sie über Mittag von ihrem Restaurant in Adliswil aus mit einem Menu beliefern.
Rüschlikon ist nur einer von rund fünfzig Bahnhöfen im Kanton, die dem Rationalisierungsdruck zum Opfer gefallen sind. Die Stellwerke wurden zusammengefasst, wo technisch möglich, der Billetverkauf wurde eingestellt, wo er nicht mehr rentierte. Von 128 Bahnhöfen haben heute noch 71 einen Kundenschalter, darin eingerechnet sind die Avec-Shops, die ebenfalls Billette verkaufen. Viele aber sind leer, unwirtlich bis unheimlich.
Darum hat der Kantonsrat im Februar ein Postulat von Susanne Rhis (Grüne) überwiesen, das ein Konzept verlangt, wie unbediente Bahnhöfe in Zusammenarbeit mit den SBB und Gemeinden belebt werden können. Als Beispiel führt sie die Station ihrer Wohngemeinde Glattfelden an. Er liegt ausserhalb des Dorfes und macht einen heruntergekommenen Eindruck. Durch die mit Tüchern verhängten Fenster sieht man ins Atelier einer Künstlerin. Keine Menschenseele ist auszumachen, wenn nicht gerade ein Zug einfährt und Pendler aussteigen.
Aus Bahnhof wird Krippe oder Laden
Vor allem kleine Landbahnhöfe haben sich unter dem Rationalisierungsdruck der SBB entleert. In einige ist indes auch ohne staatliches Konzept, wie das Kantonsrätin Rhis fordert, bereits wieder neues Leben eingekehrt: In Dachsen ganz im Norden des Kantons krabbelt jeden Morgen ein knappes Dutzend Kleinkinder durch die Schalterhalle und den Wartsaal. Die Gemeinde hat das Gebäude gemietet und stellt es seit vier Jahren der Spielgruppe zur Verfügung. Nachmittags organisieren ein paar Frauen einen Mutter-Kind-Treff.
An der gleichen Bahnhlinie etwas weiter südlich in Henggart repariert und verkauft René Lochmatter seit zwei Jahren Velos. Touristen könnten auch eines bei ihm mieten. Der Standort sei ideal, sagt er: Die Werbung erledige sich beinahe von selber mit so vielen ein- und aussteigenden Fahrgästen sowie den vor geschlossenen Bahnschranken wartenden Automobilisten.
Mehr Laufkundschaft erhofft sich Thomas Handel, der mit seinem PC-Shop von einer Garage in Guntalingen in den ausrangierten Bahnhof Stammheim gezogen ist. Bei ihm können Kunden Geräte reparieren lassen, Kaffee trinken, im Internet surfen und PC-Zubehör sowie Duftöle kaufen. In einer anderen Liga spielt Immobilienhändler Rudolf Steigrad, dessen Firma vor acht Jahren in den Bahnhof Zollikon zog und diesen stilgerecht umbauen liess: Er handelt mit exklusiven und individuellen Domizilen, wie es in der Eigenwerbung heisst. Das Jugenstilgebäude an bester Lage in der Goldküstengemeinde ist so gesehen beste Werbung in eigener Sache.
Gute Lage genügt nicht
Doch die gute Lage an der Bahn garantiert den Erfolg nicht. In Saland im Tösstal ist der «Motorschopf» zwar noch gross am Bahnhof angeschrieben. Und die Geräte, die verkauft werden sollten, stehen am Boden; Trinkflaschen, Velozubehör und Helme liegen auf Regalen. Auf einem Zettel steht: «Es gibt fast nichts, das ich Ihnen nicht schleifen kann.» Der Laden ist aber entgegen den an der Tür angeschlagenen Öffnungszeiten geschlossen, die Website gesperrt. Der Inhaber habe aufgegeben, heisst es am Telefon. Das Lädeli dichtgemacht hat auch jene Frau, die vor etwa einem Jahr damit begann, im Bahnhof Marthalen Secondhand-Artikel zu verkaufen.
Nicht jede Nutzung eignet sich für die alten Bahnliegenschaften. Oft sind noch technische Einrichtungen wie ein Stellwerkpult in Betrieb, so dass einzelne Räume nicht zur Verfügung stehen. In der Wohnung im ersten Stock wohnt häufig der ehemalige Bahnhofvorstand. Grössere Umbauten sind kaum möglich. Meist schliessen die SBB nur befristete Mietverträge ab, um sich Optionen für künftige Bauvorhaben offenzuhalten.
Auf privater Basis führen
Das naheliegendste Geschäft hat Elsbeth Gross entdeckt: Sie verkauft in Ossingen auf Provisionsbasis Billetts und Abos. Ihr Schalter ist zudem auch Reisebüro und Kiosk. Am Morgen gibts Kaffee und Gipfeli und auf Bestellung sogar frisches Brot. Ohne finanzielle Starthilfe durch die Gemeinde hätte sie es nicht geschafft, sagt Gross. Heute laufe das Geschäft nicht schlecht - nicht zuletzt deshalb, weil die Nachbarbahnhöfe Marthalen und Stammheim geschlossen haben. Die Dienstleistungen sind beliebt, auch bei der kleinen Kundschaft. Gerade holt ein Junge ein paar Velovignetten ab und löst eine Mehrfahrtenkarte. «Klack» macht der Drehteller. Neben dem Billett kommt auch ein Sugus unter der Glasscheibe durch.
Zürich
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