IM BRENNPUNKT: WIE DER KANTONSRAT ENERGIE SPAREN WILL

Label-gläubige Grüne und Linke

24. Juni 2008, 21:46 – Von Roger Keller

Der Kantonsrat macht Dampf in der Zürcher Energiepolitik. Schön, doch was die Vorstösse bringen, ist zweifelhaft.

Bauherren, die nach Minergie-Standard bauen, sollen einen Ausnützungsbonus erhalten. Diese Forderung ist am Montag im Kantonsrat auf breite Zustimmung gestossen – von der SP über die Grünen bis zur FDP. Der Bonus soll die Liegenschaftenbesitzer anspornen, ihre Häuser besser zu isolieren und mit einem effizienten Heizsystem auszurüsten.

Es war von vorneherein klar, dass diese Idee breite Zustimmung finden würde. Ohne staatlichen Zwang – was den Vorstössen auch die Stimmen der FDP sicherte – lassen sich auf diese Weise vielleicht tatsächlich einige Quellen der Energieverschleuderung und Luftverschmutzung eliminieren. Den Linken und Grünen fiel die Zustimmung zu ihren Vorstössen ohnehin leicht – auch weil das Minergie-Label als grün gilt. So grün jedenfalls, dass sie es nicht für nötig halten, das Label einmal gründlich zu hinterfragen.

Genau dies wäre indessen seit langem nötig. Denn das Label ist keineswegs so grün und ökologisch, wie das seine Vermarkter glauben machen. Denn es fokussiert einseitig auf den Energieverbrauch der Gebäude. Alle anderen ökologischen und sozialen Aspekte bleiben unberücksichtigt. So ist es zum Beispiel möglich, das Minergie-Label für ein Haus zu erhalten, das mit den übelsten Bauchemikalien erstellt wurde, das mit Kunststoffen gefüllt ist, das Raubbau-Hölzer enthält, Steinplatten aus Kinderarbeit aufweist oder mit Installationen errichtet wurde, die durch halb Europa herumgefahren wurden, nur weil sie etwas billiger sind.

Eindimensionale Sichtweise

Mit anderen Worten: Die so genannte graue Energie und die Ökologie der verwendeten Baumaterialien interessiert die Minergie-Promotoren nicht. Wichtig sind ihnen nur zwei Dinge: eine möglichst dichte Aussenhaut des Hauses und eine Zwangszirkulation der Luft im Inneren. Diese eindimensionale Sichtweise allein ist aus ökologischer Sicht bedenklich. Hinzu kommt, dass die Energiewerte nur theoretisch berechnet werden – wie sich die Bewohner hinterher in ihrem Haus energetisch verhalten, interessiert die Promotoren des Labels ebenfalls nicht mehr, wenn dieses einmal vergeben ist.

Strikt ist Minergie hingegen, was die Zwangsbelüftung angeht: Ohne sie gibt es kein Label – auch dann nicht, wenn ökologisch sensiblere und innovativere Leute andere Wege finden, um die geforderten Energiewerte zu erreichen oder sie zu unterschreiten. Was diese Haltung für einen Sinn macht, bleibt angesichts der geringen Energiereduktion durch eine Zwangszirkulation das Geheimnis der Minergie-Verfechter. Man kann es aber vermuten: Die Lüftungsindustrie ist hier mit im Boot und kann sich eine goldene Nase verdienen mit all diesen so genannten Komfortlüftungen – unter denen laut einer neuen Studie einer Zürcher Beratungsfirma für Bau- und Umweltchemie viele Bewohnerinnen und Bewohner leiden, weil sie nur ungenügend für eine saubere, gesunde Luft sorgen (TA vom 18. Juni).

Naiv oder Scheuklappen?

Wenn ein solches Label nun die Grundlage für einen Ausnützungsbonus – also für eine höhere bauliche Dichte, sprich: grössere und höhere Häuser – sein soll, ist das fragwürdig. Man wundert sich auf jeden Fall, wie unkritisch namentlich die Grünen und die SP ein solches Label zum Mass aller Dinge erheben, die sich in ökologischen Fragen gerne als Leader sehen. Entweder steckt dahinter eine grenzenlose fachliche Naivität oder eine auf Effekte ausgerichtete Scheuklappenpolitik, die man in diesen Reihen sonst gerne der Gegenseite vorwirft. Klar ist: Steigt der Regierungsrat – der das Minergie-Label ursprünglich selber initiiert hat – auf die Forderung der Vorstösse ein, handelt er eindimensional und tut der Umwelt insgesamt nicht den bestmöglichen Dienst.

Zürich

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