Hochdeutsch wird im Kindergarten Pflicht
25. Juni 2008, 23:25 Von Jürg SchmidAb dem kommenden Schuljahr müssen die Kindergärtnerinnen mindestens zu einem Drittel in Hochdeutsch unterrichten. Die neue Regelung stösst auf erbitterten Widerstand.
Der Bildungsrat hat den Lehrplan für die Kindergartenstufe des Kantons Zürich erlassen. Dieser tritt auf das nächste Schuljahr in Kraft, wie der Bildungsrat gestern mitteilte. Die Vorgaben, über welches Wissen und Können die Kinder am Ende des Kindergartens verfügen sollen, sind unbestritten. Für Zündstoff sorgt aber nach wie vor die Frage, ob und wie häufig die 4- und 5-Jährigen in Hochdeutsch unterrichtet werden müssen. Gesetzt ist ein Anteil Hochdeutsch, weil es das Volksschulgesetz vorschreibt.
«Grosszügiger Spielraum»
Der Bildungsrat hat sich zu einem Kompromiss durchgerungen: Mindestens je ein Drittel müssen die Lehrpersonen in Mundart und Hochdeutsch unterrichten, für den Rest sind sie im Rahmen der Beschlüsse ihrer Schulkonferenz frei. Dies sei «ein grosszügiger Spielraum», schreibt der Bildungsrat. «Der Kompromiss ist nicht faul, er entspricht der Vernehmlassung», sagt Martin Wendelspiess, Leiter des Volksschulamtes. «Die Regelung ermöglicht lokal unterschiedliche Ausgestaltungen.» Und in zwei Jahren werde Bilanz gezogen. Wendelspiess ist überzeugt, Kleinkinder seien über DVDs, Fernsehen oder Durchsagen in Tram, Bahn und Bus bereits an zwei Sprachen gewöhnt. Wichtig sei, dass die Lehrpersonen einzelne Einheiten in je einer Sprache unterrichten und nicht ständig zwischen Mundart und Hochdeutsch abwechselten. Wendelspiess sieht auch bei der Integration von Ausländerkindern keine Nachteile. Diese hätten Anspruch auf mindestens zwei zusätzliche Deutschlektionen pro Woche.
Auch für Walter Bircher, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich, ist der Kompromiss des Bildungsrates «eine gut umsetzbare Richtlinie». Kinder hätten keine Mühe, miteinander in Hochdeutsch und Mundart zu reden, und sie könnten problemlos die Sprache wechseln. Die Befürchtung, mit dem frühen Hochdeutsch-Unterricht würden alte Mundartausdrücke verloren gehen, teilt Bircher nicht.
«Unfair gegenüber Kindern»
Die Kindergärtnerinnen und Mundart-anwälte in der Politik hingegen befürchten, dass der Dialekt in den Kindergärten verdrängt oder in Raten eliminiert wird. «Der Lehrplan bringt eine Verschlechterung», ist Gabi Fink überzeugt. «Frühförderung mit 4-Jährigen muss man sorgfältig angehen, nicht Hypes nachrennen.» Fink ist seit 20 Jahren Kindergärtnerin und Präsidentin des Verbandes Kindergärtnerinnen Zürich mit rund 600 Mitgliedern. Sie befürchtet, dass künftig zu zwei Dritteln in Hochdeutsch und nur zu einem Drittel in Mundart unterrichtet wird. Die Lehrpersonen seien nämlich nicht frei, bestimmen würden die Schulleitungen und Schulpflegen. «Die jetzige Regelung ist unfair gegenüber den Kindern, die ihre Erstsprachenkompetenz nicht mehr fundiert aufbauen können, weil sie von beiden Sprachen zu wenig mitbekommen.» Im Probelehrplan seien die beiden Sprachen noch je hälftig gewichtet worden.
Zudem habe der Bildungsrat die Rückmeldungen der Verbandsmitglieder nicht aufgenommen, die zu vier Fünfteln die Mundart als Hauptsprache favorisiert hätten, betont Gabi Fink. Sie unterrichtet auch in Hochdeutsch, aber nur einmal in der Woche, mit Geschichten, Verslein oder mit einem Handpuppen-Büsi. Fink ist der Ansicht, es müsse jetzt unabhängige, seriöse Begleitstudien mit Kontrollklassen geben.
Der Sekundarlehrer und Elgger EVP-Kantonsrat Thomas Ziegler, der im Rat mit Mitstreitern aus der SVP und von den Grünliberalen mit einem Vorstoss zu einem Hochdeutsch-Verbot knapp unterlegen war, ist skeptisch. Ziegler sorgt sich um ein Stück Kultur. Er befürchtet ein Hochdeutsch-Übergewicht in den Kindergärten. «Das ist doch das Ziel von ehrgeizigen Eltern, Schulpflegen und der Pädagogischen Hochschule.» Noch vor den Sommerferien werde ein Komitee beschliessen, ob eine Volksinitiative für Dialekt im Chindsgi lanciert werde.















