Zürich

Neue S-Bahnen haben weniger Sitzplätze

30. Juni 2008, 20:56 – Von Roger Keller

Die Zürcher S-Bahn erhält ab 2011 eine dritte Generation von Doppelstockzügen. Sie sind 150 statt der bisher üblichen 100 Meter lang. Dennoch müssen künftig mehr Fahrgäste stehen.

Visualisierung der neuen Zürcher S-Bahnen von Stadler Rail. In Realität werden die Züge aber nicht vier, sondern sechs Wagen haben.
Keystone Visualisierung der neuen Zürcher S-Bahnen von Stadler Rail. In Realität werden die Züge aber nicht vier, sondern sechs Wagen haben.

Die SBB befahren Neuland. Mit Stadler Rail haben sie überraschend einem Schweizer Hersteller den 1,024 Milliarden schweren Auftrag für 50 neue, voll klimatisierte Doppelstockzüge der Zürcher S-Bahn erteilt. Ebenso überraschend haben sich die SBB in Absprache mit dem Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) im Verlauf der Submission auch entschieden, die Länge der Züge erstmals seit dem Start der S-Bahn (1990) zu verändern: Die neuen Kompositionen werden 150 Meter messen und aus sechs Wagen bestehen (bisher vier). Dies hatte zur Folge, dass die SBB nicht wie geplant 60, sondern 50 Züge bestellen.

Mehr Steh- und Drängelflächen

Die neue Zugslänge hat laut SBB und ZVV mehrere Vorteile. So gebe es Linien und Betriebszeiten, bei denen eine 100 Meter lange Komposition zu wenig, zwei aber zu viel seien. Mit der Zwischengrösse von 150 Metern lässt sich der Betrieb somit wirtschaftlicher abwickeln. Auf stark ausgelasteten Linien mit 300-Meter-Kompositionen – etwa auf der S 12 zwischen Zürich und Winterthur – lässt sich laut SBB so auch mehr Raum für die Passagiere gewinnen, weil bei einer Doppeltraktion nur vier statt sechs Führerstände mitfahren.

Trotzdem steigt die Zahl der Sitzplätze verglichen mit dem vorhandenen Rollmaterial nicht, im Gegenteil: In einem 300 Meter langen Zug sinkt sie verglichen mit den alten Doppelstöckern von 1161 auf 1052 – um fast zehn Prozent. SBB-Chef Andreas Meyer begründete dies vor den Medien mit gestiegenen Raumbedürfnissen für behindertengerechte Toiletten, Velotransporte, Drängelzonen und einen möglichst raschen, reibungslosen Fahrgastwechsel an den Stationen.

Unerwähnt liessen die SBB einen Nachteil, der den Fahrgastwechsel verzögern dürfte: Passagiere der 1.Klasse können sich nicht mehr darauf verlassen, dass ihr Wagen stets am gleichen Ort hält, wenn unterschiedlich zusammengesetzte Züge verkehren. Für erhebliches Aufsehen sorgte an der Medienkonferenz dafür die Zahl der zusätzlichen Stehplätze: Stadler gibt dafür 1168 an – also fast 200 pro Wagen, was für Pendlerinnen und Pendler kein besonders erbauliches Szenario ist. SBB-Regionalverkehrsleiter Martin Bütikofer versicherte dazu, dies sei bloss die maximal zulässige Zahl: «Es ist nicht unser Ziel, so zu fahren.» Auf welchen Linien die neuen Stadler-Züge verkehren werden, wollen SBB und ZVV noch nicht sagen. In Betrieb gelangen sie von 2011 bis 2015.

Mehr Komfort auch in alten Zügen

Gleichzeitig rüsten die SBB auch die alten Doppelstöcker auf: Für 360 Millionen Franken bestellen die Bundesbahnen bei Siemens und Bombardier für die 113 Zürcher S-Bahn-Doppelstockzüge aus den 80er- und 90er-Jahren je einen neuen Zwischenwagen der 2. Klasse mit Niederflureinstieg. Die 113 ersetzten Zwischenwagen werden die SBB zu lokbespannten Kompositionen formieren, die im Netz der Zürcher S-Bahn als Einsatzzüge dienen werden. Weitere acht solche Zwischenwagen bestellen die SBB ab 2010 für die Sihltal-Zürich-Üetliberg-Bahn (SZU), die damit der grossen Nachfrage im Sihltal besser gerecht werden kann. Ausserdem werden diese alten Doppelstöcker der Zürcher S-Bahn, wie bereits früher angekündigt, durchgehend klimatisiert.

Mit den eingeschobenen Niederflurwagen kommen die SBB dem Behindertengleichstellungsgesetz nach. Damit Menschen im Rollstuhl selbstständig auf den Zug können, müssen die SBB in mehreren Bahnhöfen allerdings noch die Perronkanten erhöhen. Bis 2014, wenn die gesetzliche Auflage gilt, wollen sie dies in den sieben grössten Zürcher Bahnhöfen tun, die diese Anforderung noch nicht erfüllen, nämlich Uster, Wetzikon, Schwerzenbach, Dübendorf, Bülach, Dietikon und Wädenswil.

Kanton soll erneut vorfinanzieren

Die SBB haben einen Teil ihrer Aufträge noch mit einem Vorbehalt verbunden: 23 der 50 neuen Stadler-Züge benötigen die Bundesbahnen für den vom ZVV und dem Kanton geplanten Fahrplanausbau um rund 30 Prozent. Dieser Ausbau wird mit der geplanten vierten Teilergänzung der S-Bahn und der zweiten Zürcher Durchmesserlinie (Bahnhof Löwenstrasse mit Weinbergtunnel nach Oerlikon) möglich, also ab 2013/15. Damit die SBB auch diese 23 Züge bestellen, muss die Finanzierung der Durchmesserlinie gesichert sein.

Das ist sie zurzeit noch nicht. Doch Vertreter des Bundes, der SBB und des Regierungsrates haben laut ZVV-Direktor Franz Kagerbauer in den letzten Monaten intensiv miteinander verhandelt. Ziel sei es, in den nächsten Wochen eine Vereinbarung zu unterzeichnen. SBB-Chef Andreas Meyer zeigte sich «zuversichtlich», dass es bald dazu kommt. Das bedeutet, dass der Kanton Zürich – wie schon für die Personenunterführung Sihlquai im Zürcher HB – nun auch für einen Teil der Bundesbeiträge eine Vorfinanzierung übernehmen muss, weil diese noch nicht So sollen die Stadler-Doppelstöcker aussehen. In Realität werden die Züge nicht vier, sondern sechs Wagen haben.

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