«Es wird in der S-Bahn nicht enger»
01. Juli 2008, 23:01Franz Kagerbauer, der Direktor des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV), relativiert die grosse Zahl von Stehplätzen in den neuen S-Bahn-Zügen, welche die SBB bei Stadler Rail bestellen.
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Mit Franz Kagerbauer sprach Roger Keller
1168 Stehplätze in den neuen S-Bahn-Kompositionen, also fast 200 pro Wagen - müssen wir uns als Fahrgäste auf der Zürcher S-Bahn allmählich auf japanische Zustände einrichten?
Nein. Diese Zahl ist eine rein technische Grösse - es ist das maximale Fassungsvermögen, genauso wie in einem Lift. Auch dort kann man sich oft nicht vorstellen, wie es möglich sein soll, so viele Personen zu transportieren. Wir gehen im Gegenteil davon aus, dass die Stehplatzverhältnisse in den neuen S-Bahn-Kompositionen eher komfortabler werden. Dennoch wird es allerdings tatsächlich nicht weniger Stehplätze geben als in den heutigen Doppelstock-Kompositionen.
Wie sollen diese beiden Aussagen zueinander passen?
In den heutigen, dreiteiligen Kompositionen haben wir rein technisch auch rund 500 Stehplätze. In Tat und Wahrheit zählen wir pro Kompositionen in extremen Spitzenzeiten etwa 100 bis 150 Fahrgäste, die stehen müssen, was etwa 25 bis 35 Prozent der Sitzplätze entspricht. In den neuen sechsteiligen und damit längeren Doppelstock-Kompositionen gehe ich von etwa 200 bis 240 Stehplätzen insgesamt aus. Diese verteilen sich aber nicht mehr auf sechs, sondern neu auf zwölf Plattformen, und diese werden zudem noch grösser sein als heute. Das heisst, wir müssen weiter mit Stehplätzen rechnen, etwas mehr als heute, aber es wird für die Fahrgäste nicht enger. Es wird eher weniger Gedränge geben.
Trifft das auch für die Passagiere mit Gepäck zu?
Mit Gepäck ist es immer unangenehm, in jedem Verkehrsmittel. Aber weil die Drängelräume in den neuen Zügen grösser werden, haben es auch Leute mit Velos oder Koffer besser. Es liegt im Hinblick auf die Fahrplanstabilität in unserem eigenen Interesse, dass der Fahrgastwechsel möglichst speditiv vonstatten geht.
Ist nicht zu befürchten, dass der Komfortgewinn durch den vom ZVV selbst prognostizierten drastischen Zuwachs an Passagieren in den nächsten Jahren wieder zunichte gemacht wird?
Die Zahl der Sitzplätze in den Zügen steigt zwar tatsächlich nicht unbedingt, aber dank der neuen Durchmesserlinie in Zürich und der geplanten vierten Teilergänzung der S-Bahn können wir ja gleichzeitig auch das Fahrplanangebot um rund 30 Prozent ausbauen. Von daher sollte es ab der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts auf dem ganzen Netz zu einer spürbaren Entspannung und zu einer Komfortsteigerung für die Reisenden kommen. Wir werden zwar tatsächlich mehr Fahrgäste haben, aber verteilt auf mehr Züge.
Das Versprechen aus den Anfangsjahren des ZVV, jeder Passagier habe einen Sitzplatz, werden Sie also nie mehr einlösen?
Nein, diese Garantie werden wir im nächsten Jahrzehnt nicht abgeben können.
Müssten Sie dann nicht allmählich einen Spezialtarif für Stehplätze ins Auge fassen statt regelmässig die Tarife zu erhöhen?
Nein, das haben wir nicht vor. Die dritte Klasse ist vor Jahrzehnten abgeschafft worden. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass heute viele Leute im stadtinternen oder stadtnahen Bereich wegen der kurzen Distanzen oftmals selbst dann stehen bleiben, wenn sie einen Sitzplatz hätten. Das sind sich viele gewohnt.
Beim Fussballmatch bezahlt man für einen Stehplatz allerdings auch weniger als für einen Sitzplatz.
Es gibt bei Fussballspielen aber immer weniger Stehplätze, zum Teil keine mehr.
Was ja gerade zeigt, dass die Leute sitzen wollen.
Es ist klar, dass man einen Sitzplatz will, wenn man eine halbe Stunde im Zug fährt. Dieses Ziel möchten wir auch weiterhin erreichen. Aber bei Fahrten von bis zu 15 Minuten im stadtnahen Verkehr ist das Stehen heute normal. Im Tram, wo eine Fahrt durchaus auch so lange dauern kann, wird dies auch nicht beanstandet.
Und was können die Glücklichen mit Sitzplatz von den neuen Zügen punkto Komfort erwarten? Wird es wieder enger?
Die Siemens-Doppelstockzüge, die sich jetzt in der Ablieferung befinden, haben einen Massstab punkto Komfort gesetzt, den wir beibehalten wollen. Dafür setzen wir uns vom ZVV ein. In nächster Zeit werden nun Maquetten für das Interieur der neuen Kompositionen erstellt; dann beginnen die Diskussionen mit den SBB und Stadler über die Materialien und die Sitzabstände.
















