4000 feierten im Hardturmstadion eine Gegen-Euro

06. Juli 2008, 23:08 – Von Hannes Nussbaumer

Die Euro ist vorbei. Zeit für ein Alternativprogramm: Am Wochenende besetzten Junge den Hardturm. Das Publikum kam in Scharen. Die Polizei liess sie feiern.

Buntes Treiben herrschte am Wochenende im Hardturm, jetzt ist wieder Ruhe in die «Ruine» eingekehrt.
Keystone Buntes Treiben herrschte am Wochenende im Hardturm, jetzt ist wieder Ruhe in die «Ruine» eingekehrt.

Das Hardturmstadion, seit einem Jahr stillgelegt, inzwischen von einem Grasteppich zugewuchert, der eher nach Alpwiese denn nach Fussballrasen aussieht, erlebte am Wochenende sein Recycling. Das Stadion wurde zum Schauplatz des Anti-Euro-Spektakels «Brot & Äktschn». Eine rund 60-köpfige Gruppe hatte die temporäre Übernahme des Hardturms vorbereitet. Am Freitagabend war es so weit: Nach einem Kurz-Scharmützel mit der Polizei konnten die Jugendlichen ihr Fest starten (TA vom Samstag).

Gegen den Kommerz

Die Aktion sei die alternative Antwort auf den durchkommerzialisierten Euro-08-Event, rapportierte der «Brot & Äktschn»-Sprecher am Samstagmittag, wobei seine bierernste Polit-Rhetorik nicht recht zur Ausgelassenheit passen wollte, mit der die übrigen Aktivisten am Werk waren. Wie man den tanzenden, spielenden, trinkenden, schlafenden Jugendlichen zuschaute, hatte man jedenfalls - entgegen der Verheissung des Sprechers - nicht den Eindruck, hier sei der antifaschistische Kampf im Gang.

Es war vielmehr ein Anti-Euro-Fest im Gang - ein Fest ohne monumentale Sicherheitsvorkehrungen und ohne Vorschriften, welches Bier getrunken und werden darf. Das Fest verlief ziemlich reibungslos.

Dabei war das Interesse an der Hardturm-Party riesig: Bereits in der Nacht auf Samstag strömten etwa 700 Personen ins leer stehende Stadion. In der Nacht auf Sonntag kamen gar rund 4000 Personen - die Mehrheit per Velo, mit der Folge, dass beim Hardturm-Portal der temporär grösste Zürcher Velo-Parkplatz entstand. Dabei waren es längst nicht nur Jugendliche, die sich das Spektakel ansehen wollten. Neben ihnen kamen Familien mit Kinderwägen, jüngere und ältere Fussballanhänger, teils mit GC-, teils mit FCZ-Leibchen, Rentner und immer wieder Nachbarn. Letztere, zumal jene aus der Fraktion der Stadiongegner, zeigten sich mehrheitlich angetan von der Besetzung. Der Anlass sei zwar «ein bisschen laut», aber angesichts der limitierten Dauer «erträglich» und überhaupt «eine originelle Aktion».

Wie «Ben Hur»

Für ihren Slogan bedienten sich die «Brot & Äktschn»-Aktivisten bei den alten Römern. Deren Regenten hatten versucht, die Bevölkerung mit «Brot und Spielen» von den wahren Problemen abzulenken. «So wie das zweitausend Jahre später die Euro-Promotoren getan haben.» Sagten die Euro-Maskottchen Trix und Flix. Beziehungsweise: Sagten zwei Aktivisten, die sich Trix-und-Flix-Mützen übergestülpt hatten, und zwar so, dass ihre Gesichter verdeckt waren. Derart vermummt, beantworteten sie die Journalisten-Fragen.

«Brot & Äktschn» bestand aus Musik und Konzerten, einem Variété, einer Spielecke für Kinder, Trink- und Essangeboten, darunter goldenen Spanferkeln (dank Lebensmittelfarbe), sowie - als Höhepunkt - einem Freistil-Wagenrennen in «Ben Hur»-Tradition. Zu diesem traten am Samstagnachmittag fünf Teams mit selbst konstruierten Wagen an.

Die Teams mussten nicht nur ihre eigenen Mobile vorwärts schieben, sondern durften auch die Konkurrenten sabotieren. Erlaubt war alles. Punkto Fahrzeug-Raffinesse war die Bandbreite gross, von simpel (ein Rammbock auf Rädern) bis komplex. Ein mit Panzer und Waffenarsenal bestücktes Kampfgefährt hatte die einzigartige Fähigkeit, Feuerwerkskörper auszuspeien. Einzigartig war freilich auch seine Schwerfälligkeit, weshalb der Panzer als letztes Gefährt ins Ziel rollte.

Am Sonntagabend, nach 48 «Brot & Äktschn»-Stunden, präsentierte sich der Hardturm wieder so leer wie in den Monaten zuvor - fast so leer: Es blieben die Graffitis, mit denen die «internationale Malergruppe» (Aktivisten-O-Ton) das Stadion verziert hatte. Und es blieben ein paar Relikte. Die Aktivisten zeigten sich zufrieden: Es habe keine Zwischenfälle und keine Probleme gegeben, so ihr Sprecher.

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